Belarus vor Schicksalswahl [DE]

Im Vorfeld der belarussischen Präsidentenwahl am 19. März ist die Lage äußerst angespannt. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass Präsident Lukaschenko eine dritte Amtszeit erhalten wird. Der Westen überlegt, was zu tun ist.

Die Herausforderer

Die Herausforderer Lukaschenkos, ehemaliger Gefängniswärter und Leiter einer Landwirtschaftsgenossenschaft, sind die folgenden: 

  • Alexander Milinkewitsch, Physikprofessor, der vom Kongress der demokratischen Kräfte des Landes zum gemeinsames Kandidaten erklärt wurde
  • Alexander Kozulin von der Sozialdemokratischen Partei, Akademiker und früherer Bildungsminister: lokalen Presseberichten zufolge wird er von Moskau unterstützt, um Milinkewitsch Stimmen wegzunehmen. Kozulin hat sich als „Alternative“ zu Lukaschenko statt als Oppositionskandidat präsentiert. 
  • Sergej Gaidukewitsch von der Liberalen Demokratischen Partei, der als treuer Anhänger Lukaschenkos gilt

Die Wirtschaft

Die Wirtschaft des Landes wird von Zuschüssen aus Russland gestützt. Unter anderem erhält Belarus russisches Erdöl zu stark reduzierten Preisen. Dieser Abschlag macht ungefähr 30 % des BIP des Landes aus. Der Staat beschäftigt mehr als 90 % der Bürger und sorgt damit praktisch für Vollbeschäftigung. Private Unternehmen gibt es kaum. Die Gehälter sind recht niedrig, werden aber pünktlich gezahlt. Das Wirtschaftswachstum wird von der Weltbank als „echt und robust“ bezeichnet. Die Reallöhne sind in den vergangenen 12 Monaten um 24 % gestiegen. Das wichtigste Argument Lukaschenkos ist Stabilität – und er könnte damit viele Menschen überzeugen. Laut Interfax wolle Lukaschenko die Macht an andere weitergeben, sobald es ihm gelungen sei, 100 Tonnen Gold und ausländische Währungsreserven im Wert von zehn Milliarden US-Dollar zusammenzubekommen. Beobachter warnen vor einem Zusammenbruch der Wirtschaft innerhalb weniger Jahre.

Wahlbeobachter

Berichten zufolge ist Beobachtern aus Georgien vor kurzem die Einreise von den Behörden in Minsk, die Angst vor einer Wiederholung der georgischen „Rosenrevolution“ haben, verwehrt worden. Beobachter aus Schweden und Dänemark sind ebenfalls des Landes verwiesen worden. Auch Europaabgeordneten ist die Einreise verboten worden. Und andere EU-Beobachter, die nach Minsk reisen wollten, haben keine Visa erhalten. Minsk hat 500 ausländische Beobachter unter der Schirmherrschaft der OSCE eingeladen und 400 Entsandte post-sowjetischer Länder werden ebenfalls erwartet. 

Festnahmewelle 

Aus Oppositionskreise verlautet, dass in den letzten Tagen 300 Aktivisten inhaftiert oder Schikanen ausgesetzt worden sind. 50 von ihnen befinden sich immer noch in Haft, wo sie des Fluchens, der Verunreinigung der Straßen und des Vandalismus angeklagt werden. 

Putschvorwürfe

Der Chef des Sicherheitsdienstes der Regierung (KGB) hat erklärt, dass heimlich ein Umsturz des Regimes geplant werde. Stepan Sukhorenko hat den USA vorgeworfen, sich aktiv zu beteiligen und hat hinzugefügt, Proteste würden als „Terrorismus“ betrachtet und dementsprechend bestraft werden – entweder mit lebenslanger Haft oder der Todesstrafe. Lukaschenko hat deutlich gemacht, er werde Massenproteste nicht tolerieren. Der Außenminister hat den Botschaftern europäischer Länder und der USA gesagt, ihre Länder würden dafür verantwortlich gemacht werden, wenn am Wahltag Proteste ausbrechen würden.

Westliche Sanktionen 

Mehrere westliche Staaten drohen mit Sanktionen, sollte die Wahl nicht frei und fair verlaufen. Am 16. März hat die EU-Kommission Lukaschenko aufgefordert, diejenigen, die im Vorfeld der Wahl inhaftiert worden seien, unverzüglich freizulassen. EU-Außenkommissarin sagte: „Solche Festnahmen haben in freien und fairen Wahlen keinen Platz. Ich rufe die Führung von Belarus auf, die Oppositionsmitglieder, die weiter festgehalten werden, unverzüglich auf freien Fuß zu setzen“.

Jeansrevolution

Jeans werden in Belarus von vielen als ein Symbol für Freiheit und den Westen betrachtet. Im September 2005 wurde ein Demonstrant, Nikita Sasim, zusammengeschlagen, weil er eine belarussische Flagge schwenkte. Daraufhin zog er sein Jeanshemd aus und benutzte es als eine improvisierte Fahne. Seitdem werden Jeansbänder als ein Symbol für Freiheit und Widerstand eingesetzt.

Lukaschenko wird nach Einschätzung von Oppositionsführer Milinkewitsch 80 % der Stimmen erhalten, ohne dass die Stimmen überhaupt ausgezählt würden, und das Ende der Wahl abgewartet würde. Die Behörden bereiteten dies bereits vor. „Natürlich sind dies absolut rechtswidrige Wahlen“, sagte Milinkewitsch, „aber wir nehmen an ihnen teil, weil dies die einzige Möglichkeit für uns – demokratische Kräfte, die in totalitären Ländern leben – ist, einen Dialog mit den Menschen zu haben, unabhängige Informationen auszutauschen und ihre Ängste zu beseitigen“. 

Präsident Lukaschenko hat gesagt, der Westen solle sein Land in Sachen Demokratie nicht belehren, sondern sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Der gesamte Nahe Osten sei vom Westen in ein Blutbad gestürzt worden. Die westliche Demokratie sei blutgetränkt. 

EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner hat erklärt: „Drei Tage vor der Wahl sollte sich die Führung von Belarus daran erinnern, dass die EU klar und deutlich erklärt hat, dass sie weitere geeignete restriktive Maßnahmen gegen die Verantwortlichen ergreifen werde, falls die Wahlen nicht nach demokratischen Spielregeln durchgeführt würden“.

Der Präsident des Europäischen Parlaments Josep Borrell hat sich „zutiefst besorgt“ über die jüngsten Entwicklungen in Belarus geäußert. „Im Laufe des vergangenen Jahres hat das Parlament mehrere Male seine Position zur Lage in Belarus zum Ausdruck gebracht“, sagte Borrell in einer Erklärung. In der jüngsten Entschließung, die am 16. Februar 2006 angenommen wurde, bedauert das Parlament, dass sich die politische Situation weiter verschlechtert habe und Menschen- und Bürgerrechte weiterhin verletzt würden. Im Namen des Europäischen Parlaments hat Borrell die belarussischen Behörden wiederholt aufgefordert, internationale Standards einzuhalten und den Präsidentschaftskandidaten gemäß den Vereinten Nationen und der OSCE gleiche Rechte im Wahlkampf einzuräumen. 

Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana hat Belarus als ein „völlig uneuropäisches [Land] hinsichtlich von Demokratie und Menschenrechten“ bezeichnet. Gleichzeitig stellte er klar, dass die EU Belarus nicht isolieren wolle. Es sei Lukaschenko, der das Land isoliere. Die EU stehe dem Dialog auch weiterhin aufgeschlossen gegenüber und habe den belarussischen Behörden die notwendigen Schritte hin zu einer Normalisierung der Beziehungen dargelegt.

Die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) sind der Meinung, dass es nicht hinnehmbar sei, dass ein solcher „politischer Betrug“ im Jahr 2006 in Europa stattfinde: „In Europa ist kein Platz für Diktaturen“. 

Der stellvertretende Außenminister der USA, Daniel Freed, hat gesagt, die belarussischen Machthaber führten einen Wahlkampf der Einschüchterung, Angst und Gewalt. Freed sagte voraus, dass die Präsidentenwahl zwar nicht von groben Unregelmäßigkeiten geprägt werden würden, dafür aber eine Wahl sein werden, „die ihren Namen nicht verdient“. 

Adrian Severin, zuständiger Sprecher der Vereinten Nationen für Belarus, sagte, die Machthaber in Belarus sollten sämtliche Handlungen, die Regimegegner, Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten einschüchtern sollen und einen freien und fairen Verlauf des Wahlkampfs verhinderten, unverzüglich einzustellen. 

„Die EU braucht eine neue Politik“, sagte Charles Grant und Mark Leonard vom Centre for European Reform. Die EU sollte Regierungen umfassende Anreize für Reformen in Aussicht stellen, aber gleichzeitig klarstellen, dass weitere Unterdrückungsmaßnahmen nicht toleriert werden würden und dementsprechend auf sie reagiert werden würde. Die Unterstützung der Zivilgesellschaft müsse gestärkt werden und es müssten neue Wege gefunden werden, NGOs zu helfen. Nach Ansicht der Autoren hätten zwei Faktoren dazu beigetragen, dass die EU nicht mehr Erfolge mit ihrer Belarus-Politik erzielt habe. Nur wenige EU-Regierungen kümmerten sich in Wirklichkeit um die Lage dort (weniger als die Hälfte der Mitgliedstaaten verfügen über Botschaften in Minsk) und außerdem hätten die Mitgliedstaaten nicht immer eine gemeinsame Linie verfolgt.

„Ich denke nicht, dass die EU bereit ist, Belarus als ein Mitglied aufzunehmen“, sagte Oppositionskandidat Alexander Kozulin  der Financial Times. Europa dürfe Belarus nicht gleichgültig gegenüberstehen. Das Regime dort sei eine Herausforderung für die europäische Zivilisation. 

Bei der Präsidentenwahl am 19. März werden die Bürger von Belarus die Wahl haben zwischen „Stabilität und Sicherheit“, die der derzeitige Amtsinhaber Lukaschenko verspricht, und „Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit“, wofür Oppositionsführer Alexander Milinkewitsch eintritt. Angesichts der Tatsache, dass die Wahlen wohl kaum frei und fair verlaufen dürften, scheint ein Wahlsieg Lukaschenkos so gut wie sicher. 

Von den USA als „der letzte Diktator Europas“ bezeichnet, ist Lukaschenko seit 1994 an der Macht und könnte nun weitere fünf Jahre im Amt bleiben. Seine erste vierjährige Amtszeit endete 1999, mittels eines Referendums im Jahr 1996 wurde sie jedoch bis 2001 verlängert. Bei der 2001 abgehaltenen Präsidentenwahl, deren Verlauf international verurteilt wurde, trug Lukaschenko einen weiteren Sieg davon. Im Jahr 2004 ließ er die Bürger über die Abschaffung der Begrenzung der Amtszeiten des Präsidenten abzustimmen. Das Referendum fiel mit 80 % zu seinen Gunsten aus und daher kann er sich nun für eine dritte Amtszeit wählen lassen. 

Laut Lukaschenko ist ein autoritäres Regierungssystem die einzige Alternative zu Instabilität. In Belarus, so der Präsident, werde es keine Wiederholung der Revolutionen in Georgien und der Ukraine geben. Belarus ist der einzige ehemalige Sowjetstaat, der nicht gen Westen blickt. Trotz der Unterdrückung ist er in der Bevölkerung sehr beliebt. 

Die EU hat ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit Belarus ausgehandelt, das jedoch nie in Kraft trat. Außerdem ist das Dokument ohnehin nicht bindend. Belarus ist nicht Mitglied des Europarates. Daher sind die Möglichkeiten der EU, auf die Situation in Belarus einzuwirken, begrenzt. Ein Visumverbot für sechs hochrangige belarussische Politiker gibt es bereits, und eine weitere Möglichkeit besteht darin, Belarus im Rahmen des Systems der allgemeinen Präferenzen Zollpräferenzen zu entziehen. Im Jahr 2005 hat die EU Demokratisierungsbemühungen in Belarus mit 2 Millionen Euro unterstützt.

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