Standpunkt von Hermann Bohle (Genf)Islands Volk hat seine Krisenverursacher von Neuem gewählt. Nicht nur in Europas Süden trifft Volkszorn bisweilen die Falschen. Ein Standpunkt von Hermann Bohle (Genf).
Der Autor
Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
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Auf Island, der 320.000-Seelen-Insel im Nordatlantik, hat die Wählermehrheit – bei 83,3 Prozent Stimmbeteiligung – irgendwie Goethe bestätigt. "Ein Volk bleibt immer kindisch", befindet der Dichterfürst im "Egmont". Das mag die Wiederwahl der konservativ-neoliberalen "Bürgerlichen" erklären, die das Land 1997/2007 zur Steueroase umfunktionierten. Bis Herbst 2008 hatten Islands drei Großbanken sich und den Staat an den Rand zum Bankrott spekuliert. IWF-Milliarden und skandinavische Partnerländer retteten in letzter Sekunde. Von den Wählern rausgeschmissen wurden dennoch Sozis und "Links-Grüne". 2009 erstmals gewählt, hatten sie sich als strenge Sanierer unbeliebt gemacht.
Nicht nur in Europas Süden trifft Volkszorn bisweilen die Falschen. Islands Krisenmacher hatten aus den Finanzmärkten der angelsächsischen Welt enorme Beträge zu billigen Zinsen ins Land gelockt und lukrativ wieder ausgeliehen. Nach England und Holland vor allem. Mit der Welt-Finanzkrise, zum zweiten Mal seit 1929 ausgelöst in den USA, krachte auch das isländische Kartenhaus ein: Die Großbanken pleite, Niederländer und Briten sitzen auf Beteiligungspapieren, für die sie höchstens 25 Prozent Bares wiedersehen.
Islands Sozialdemokraten und Links-Grüne haben das Land seit 2009 wieder ins Lot gebracht. Drakonisch. Mit Kapitalkontrollen. Ihnen gelang, die Arbeitslosigkeit auf 6,8 Prozent zu drücken – unter die schwedische. Bei 1,6 Prozent neuem Wachstum.
Doch weiß man (siehe Griechenland), dass Gesundung oftmals weh tut. Und so wurden die Linken von der Wählermehrheit, nach getaner Arbeit, wieder an die Luft gesetzt. Sigmund David Gunnlaugsson, der liberale Spitzenmann, ist zwar erst 38, aber reichstes Parlamentsmitglied. Er soll es nun richten mit dem konservativen Premier Bjarni Benediktsson: Steuern runter, Kaufkraft steigern. Also: Mehr Schulden.
Zweidrittel der Isländer lehnen übrigens – laut letzter Umfrage – die EU-Mitgliedschaft ab. Nur die Notenbank möchte in Europas Union. Nicht in die Schicksalsgemeinschaft, sondern unter deren Rettungsschirme. Seit Mitte Juli 2010 wurde der Beitritt verhandelt, im Januar bereits unterbrochen. Die wieder Regierenden wollen nun ganz Schluss machen: Die Geschäfte sind ohnehin gesichert – seit 1992 ist Island im "Europäischen Wirtschaftsraum" (EWR), damit praktisch im Gemeinsamen Markt. Um mehr ging es dort nie: Erst 2009, im Lichte der Weltkrise, hatten sie den EU-Beitritt beantragt – "zum eigenen Schutz". Die Wahl (Samstag) brachte auch einen Lichtblick. Erstmals trat die Europapartei "Helle Zukunft" an und gewann auf Anhieb 8 der 63 Parlamentssitze: 12,7 Prozent. Diese Wähler widerlegen Goethe.

