„Willkommen in Deutschland“

Wieder Warteschlangen, aber diesmal im Westen: Wer vor der Zentralen Aufnahmestelle von Gießen ansteht, hat es fast schon geschafft (Foto: Archiv)

In Westdeutschland platzen die Aufnahmelager aus allen Nähten. Die DDR rinnt aus. Hunderttausende wollen westwärts, durch Ausreise oder Flucht. Ein Brennglas von Schicksalen. Ich besuche sie zwischen August und November 1989 – in Gießen und Unna, in Freilassing und Trostberg, in Meckenheim und Berlin-Marienfelde. Eine Aufklärungstour wider DDR-Nostalgie.

Ob sie es bemerkt, sobald sie hier ankommt? Ihr Freund, der sie im Zentralen Aufnahmelager im hessischen Gießen erwartet, hat ihr am Schwarzen Brett einen Zettel hinterlassen: „Herzlich willkommen in Deutschland!“ Ob sie bemerkt, dass die DDR hier gar nicht mehr als Deutschland gilt? 

Willkommen in Deutschland: Gießen ist völlig überfüllt. Das Lager fasst 500 Menschen und beherbergt bereits 2000. Trotzdem kommt eine Busladung nach der anderen an. Auch Turnhallen und Kirchensäle sind schon Schlafstätten. Matratzen gibt es nur für Kinder, die Erwachsenen schlafen auf dem Fußboden.

Auch im Westen Angst vor Spitzeln

Aus den meisten sprudelt es nur so heraus. Andere verdrücken sich, wenn ein Fotograf in der Nähe ist. Sie fürchten sich vor DDR-Spitzeln, die den Daheimgebliebenen noch Probleme machen könnten. Ein Misstrauischer hält sogar den österreichischen Reporter für eine besonders perfide Idee der Stasi und will gar nichts sagen.

Ingrid S. ist mit Sohn und Tochter und deren Freund über Ungarn und Österreich nach Gießen gekommen. Ihr Mann daheim hat keine Ahnung, dass seine Familie nicht mehr am Plattensee urlaubt, sondern spontan die Freiheit aufgesucht hat. Herr S. hatte keinen Urlaub bewilligt bekommen.

Die schönste Begrüßung: Auf Wiedersehen

Die 37-jährige Frau, die 17-jährige Bernadette, der 18-jährige Johannes und der Freund, der 19-jährige Anton, wurden zwar von einer Ungarin vor den Hunden der Grenzer gewarnt. Dennoch marschierten sie eine Nacht lang, wateten bis zu den Knien im Sumpf, verloren dabei ihre Schuhe, mussten mit Grenzpfählen Wildschweine verjagen, sich vor einem Lkw der Grenzer verstecken, über einen Zaun aus Stacheldraht klettern – und kamen um vier Uhr nachts in Österreich an. „Als wir eine Tafel mit der deutschen Aufschrift ‚Auf Wiedersehen’ sahen, das war der schönste Augenblick!“

Und jetzt? Sie wissen es nicht. Bekannte, die sie in der Bundesrepublik haben, wollen sie nicht anrufen, um sie nicht zur Gastfreundschaft zu nötigen.

Sie hoffen, dass sie der Familienvater im westdeutschen Fernsehen entdeckt hat, das über den Transfer Wien – Frankfurt berichtete. Vielleicht wird er längst verhört, sorgen sie sich. Vielleicht drängen ihn die Behörden schon zur Scheidung. Sie rechnen damit, dass er den Ausreiseantrag stellen wird.

Bernadette, Auslagendekorateurin, konnte diese kommunistische Propaganda nicht mehr nachbeten. Ihr Bruder hätte demnächst den eineinhalbjährigen Militärdienst antreten müssen. Er müsste einen Staat verteidigen, der ihm, weil Christ, das Abitur verwehrt. Die Mutter war die Repressionen, die Warteschlangen, die Regimelügen und Erfolgsmeldungen in den Zeitungen leid. Die Tochter habe jetzt in der Schule gelernt, der Kapitalismus sei eine Scheinblüte, die DDR werde das System in ein, zwei Jahren überrundet haben. „Aber genau das hab ich wortwörtlich schon in meiner eigenen Schulzeit gelernt!"

Vor elf Jahren hatte der 37-jährige Heizer Manfred Pechmann aus Eberswalde bei Frankfurt an der Oder seinen ersten Ausreiseantrag gestellt. Immer wieder abgelehnt. Er rechnete nicht mehr damit und nahm gerade einen Kredit für Möbel auf. Dann kam unerwartet die Genehmigung, er musste das Land aber sofort verlassen.

Druckmittel gegen Vorgesetzte

„Wer einmal im Knast war, der wird überall benachteiligt. Bis zuletzt erhielt er nur den halben Lohn. Warum musste er 16 Monate absitzen? Weil er einmal versucht hatte, über die Grenze in die BRD zu flüchten. Er hat seine überstürzte Ausreise noch nicht verarbeitet und erzählt von einer Tante, die er „drüben“ habe, in Stuttgart…

Als Glückskind betrachtet sich Birgit A., deren Mann schon im Dezember davor – ohne ihr Wissen – die DDR illegal verlassen hatte. Üblicherweise kann der Ehepartner nicht nachkommen. Die Behörden wollten sie zur Scheidung zwingen. Ihr Mann allerdings, Produktionsleiter in einer Papierfabrik, setzte alle Hebel in Bewegung: Briefe an die UN-Menschenrechtskommission, an Bundeskanzler Helmut Kohl, an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Er hatte ein Druckmittel: „Mein Mann wusste durch seinen Beruf über vieles Bescheid. Er drohte, Namen und Fakten zu nennen.“

Dann wurde sie für den 9. August 1989, 15 Uhr, ins Amt bestellt und erhielt die Aufforderung, noch am selben Tag mit dem 20.47-Uhr-Zug das Land zu verlassen.

Ein paar Beispiele aus unzähligen Gesprächen. Die BRD improvisierte mit allen Kräften, um die Menschen unterzubringen. Kasernen und Internate von Polizeischulen werden hergerichtet, Zivilschutzbunker vorbereitet, Containerdörfer aufgestellt, Turnhallen belegt, Freibäder zu Lagern umfunktioniert, Hotels vom Staat angemietet. Im Hamburger Hafen sind Übersiedler in Schiffen untergebracht. In Meckenheim bei Bonn dauert es nur ein paar Stunden, bis eine Großgarage des Roten Kreuzes zum Massenschlafquartier wird. 

Das Lager Meckenheim bei Bonn

"Ich sagte dem Bürgermeister, wenn mich die Behörden weiter so verschaukeln, dann stell ich auch den Ausreiseantrag, und dann sind halt wieder zwei Leute weniger im Betrieb. Sitzt der da und lacht mich an: ‚Ja, wenn Sie der Meinung sind, dann hauen Sie halt ab!‘ Da war für mich Feierabend. In diesem Land? Nee. Das war für mich ausschlaggebend."

Jetzt lehnt der 28-jährige Facharbeiter für Holztechnik am Eingang der Bundesschule des Roten Kreuzes in Meckenheim bei Bonn, einen Nylonsack mit Formularen in der Hand. Die Schule wurde innerhalb von zwölf Stunden in ein Notaufnahmelager für 750 Übersiedler umgewandelt. Und schon platzt es aus allen Nähten. In der mit Heißluftgebläse gewärmten Großgarage stehen Hunderte Feld- und Dutzende Stockbetten, eines neben dem anderen.

Der Zettel mit der Entschuldigung

Der Aussiedler ist überwältigt von der Organsiation. Vor allem von dem Zettel, den die Rot-Kreuz-Leute auf jedes Bett gelegt haben. Darin entschuldigen sie sich für die Wartezeiten im Aufnahmeverfahren. "So was haben wir in der DDR nie gesehen, dass sich wer entschuldigt."

Seine Antworten ähneln denen so vieler anderer Flüchtlinge in der Riesengarage, die dieser Tagen in Massen über die CSSR in die Bundesrepublik kommen: An die Reformversprechen glauben sie nicht, Egon Krenz vertrauen sie nicht, das neue Reisegesetz halten sie für eine neue Beschränkung. Von Problemen bei Jobsuche und Wohnungsbeschaffung in der BRD haben sie alle gehört, aber alle hoffen, dass es bei ihnen klappt.   

Jeder kennt in seinem Bekanntenkreis "noch Kumpel, die auch rübermachen werden, vielleicht, wenn das neue Reisegesetz da ist." Fast eineinhalb Millionen Menschen sollen noch übersiedeln wollen. Niemand in Meckenheim ahnt, dass schon wenig später Politbüromitglied Günter Schabowski in Berlin die Grenze für geöffnet erklären wird.

"Man kann es ihnen nicht verdenken", sagt der Holzarbeiter. "Unsere Wirtschaft ist in zehn Jahren noch nicht reformiert. Die Kombinate bringen nichts. Überall Frust. Alle sitzen lustlos herum. Die Bauarbeiter liegen da und rauchen. Es arbeitet doch keiner mehr richtig."

Der Holztechniker war Fahrer für eine große Wäscherei. "Unsere Autos sind zwanzig Jahre alt, blankgereift und haben keine Heizung. Ich verlangte zehn Mal neue Reifen. Immer sagte der Meister, ich solle es noch eine Weile so versuchen. Aber die Armee, die Polizei, die Stasi, die Partei, die kriegen alle zwei Jahre einen neuen Wagen."

Mit Schlafsack im Prager Botschaftsgarten

Seine 38-jährige Bekannte arbeitete in der derselben Ostberliner Wäscherei. Sie ist Mutter zweier Kinder. Eine Tochter hat ihrerseits schon ein Kind und blieb in der DDR zurück. Ihr anderes Kind hatte sich siebenjährig beim Spielen stranguliert. Die Frau war mit einem Wartburg weggefahren, der an der bundesdeutschen Botschaft in Prag sofort von einem tschechoslowakischen Abschleppwagen entfernt wurde. Sie durchlebte jene Nacht, in der sich 5.000 Menschen in der Prager Botschaft drängten, im Schlafsack auf schlammigem Gartenboden unter freiem Himmel.

Ein Bus brachte sie zum Prager Bahnhof, dann saßen sie siebzehn Stunden im CSSR-Zug. "Die Heizung war trotz der vielen Kinder abgedreht. Die Waggontüren waren von außen abgesperrt, damit keine CSSR-Bürger aufspringen konnten. Zwei oder drei sollen sie in unserem Waggon entdeckt und herausgeholt haben."

Gabelstapler bahnen sich hupend den Weg durch das Meckenheimer Lager, beladen mit Kartons und Säcken voll Kleidung. Immer wieder rollen Privatautos von Meckenheimern durch die Schar der Kinder, die übers Fließwasser hüpfen. Dieses kommt aus den Zelten, in denen die Zuwanderer duschen. Sobald ein Meckenheimer seinen Kofferraum öffnet, werden Kleiderspenden und Spielsachen kritisch beäugt.

…und nur mit Bezugspunkt

Ein Mann vom Bundesgrenzschutz läuft durchs Lager und ruft alle "Familien, die verheiratet sind", zusammen, "also keine Lebensgemeinschaften und nur mit Bezugspunkt!". Wer lethargisch gewartet hat, wird hektisch. Der Bus zur Verteilung in andere Städte soll früher abfahren als vorgesehen.

Ein Wäschekorb nach dem anderen wird von Anrainern in die Sammelstelle gebracht, in der acht Mitarbeiter alle Textilien sortieren. "Das meiste bin ich gleich draußen los geworden", lacht eine Meckenheimerin, als sie den Rest an Marianne Blomerius übergibt. Die ehrenamtliche Helferin aus Solingen ist froh, dass für die Kinder genug Sachen vorhanden sind, es fehlt aber dringend warme Oberbekleidung für Erwachsene. "Wir sammeln auch auf Vorrat, wir müssen gerüstet sein."

Adresse in der Schuhsohle

Jürgen T., 29 Jahre alt, Schlosser, der wegen des höheren Verdienstes zuletzt in einem Kuhstall in Stendal gearbeitet hat, hält einen Papierfetzen in der Hand. Die Adresse von seiner Schwägerin in Pfaffenhausen hatte er beim Grenzübertritt sicherheitshalber in der Schaumgummisohle seiner Schuhe versteckt. Er ist mit der Bahn herübergekommen, die Lebensgefährtin samt Kind mit dem Auto.

Er weiß, dass seine Partnerin bereits in der BRD ist. Er hat sie in einem Fernsehbericht erkannt, als sie die CSSR verließ. Immer öfter sieht er Phantome. Einmal bildete er sich ein, seine Tochter werde über die Mauer gehoben. Aber es war nicht sie. In Pfaffenhausen wollen sich nun alle treffen.

Unsicher steht ein 24-jähriger aus Mühlbach bei Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), ebenfalls Schlosser, am Lagereingang. Seinen Namen will er nicht sagen. Im Lager schwirren Gerüchte, die Staatssicherheit habe mehrere Spitzel mitgeschickt. Er wartet seit Stunden vergeblich auf einen Anruf. Er hatte einer "entfernten Freundin" in Nürnberg telegrafiert, einer Brieffreundin seiner Frau. Die Bekannte hatte schon in früheren Briefen von einer Ausreise abgeraten und von den vielen Problemen geschrieben. Auch sein achtzigjähriger Großvater mit Haus und Riesengrund verstand seinen Entschluss nicht.

Aber seine Frau, Textilfacharbeiterin, erwartet im Februar ein Kind. "Das Baby soll mit der DDR nichts mehr zu tun haben. Ich habe meine eigene Meinung und habe mich noch nie leiten lassen", sagt der Mann. Alle 24 Jahre seines Lebens sei er nur enttäuscht worden. In der DDR habe er nichts mehr zu erwarten.

"Seither war ich der letzte Dreck"

Der ebenfalls 24-jährige Maurer Lutz Pietrzak aus Tangermünde hat sich daheim zum Neuen Forum bekannt. "Seither war ich der letzte Dreck." Dass man "überall sein Gehirn abgeben" müsse; dass SED-Ortssekretäre bei den neuen Dialogveranstaltungen zynisch fragen, warum man die Probleme nicht schon früher angesprochen habe, wo doch noch vor wenigen Wochen alle Kritiker abgeführt und zu Ordnungsstrafen verurteilt worden seien; dass Lehrerinnen den Schülern Nachteile androhen, sollten sie bei einer Demonstration erwischt werden; dass vor Großkundgebungen viele Züge in die Ballungszentren einfach ausfallen – all das macht ihn furchtbar misstrauisch.

Am Lagereingang in Meckenheim hängt eine Tafel am Zaun: "Danke dem Roten Kreuz und den Bürgern!" Hunderte haben heute schon unterschrieben.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

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