Widerstand mit Taxameter

Der Taxifunk spielte eine politische Rolle gegen die Obrigkeit. Bahnhof Friedrichstraße (Foto: dpa)

Die Knüppel auf die Demonstranten nach den 40-Jahr-Feiern der DDR haben etwas Wesentliches verändert. Ostberliner Taxifahrer haben auf der Straße mitbekommen, was passiert ist. Sie haben es per Taxifunk an alle Kollegen weiter gemeldet. Das hatte Folgen – nicht für die Taxifahrer, sondern für die Obrigkeit.

In Ostberlin ein Taxi zu bekommen, war stets ein abendfüllendes Unternehmen. Es gab seit jeher zu wenig Taxis in der DDR. Zweitens wurden wegen der – wie in Planwirtschaften üblich – geschönten Zahlen keine neuen Wagen zugelassen. Drittens hatten sich schon spürbar viele Fahrer in den Westen abgesetzt.

Und viertens protestieren die Taxifahrer auf ihre Art gegen Staat und Partei: Sie ignorierten bestimmte Fahraufträge. Unter ihren Tricks hatten freilich auch die westlichen Besucher zu leiden.

Taxifahrer hatten in der DDR einen Traumjob. Heute stehen sie in langen Schlangen und warten auf Fahrgäste. Damals standen die Fahrgäste in langen Schlangen und warteten auf ein Taxi. Am Bahnhof Friedrichstraße hatte die Warteschlange ein Ausmaß, aus dem sich eine voraussichtliche Wartezeit bis zu mehreren Stunden (!) hochrechnen ließ.

Es gab zwei mögliche Alternativen. Entweder erwischte man ein Schwarztaxi oder man ging – als Nicht-DDR-Bürger – in ein Devisenhotel und orderte dort.

Geduldete Schwarztaxis

Die Schattenwirtschaft mit den Schwarztaxis war geduldet, solang man keinem echten Taxifahrer vom VEB Kombinat Berliner Verkehrsbetriebe (BVB) einen Fahrgast wegschnappte und solang man von den Kunden kein Fahrgeld verlangte. Die zahlten freiwillig, manchmal sogar viel, manchmal aber auch gar nichts.

Oder man betrat ein Devisenhotel, ging zur Rezeption und ließ ein Taxi bestellen. Man musste ein kleines Formuar ausfüllen, bekam eine Wartenummer, nahm in der Hotellobby Platz und wartete, bis man aufgerufen wurde.

Insgesamt war Taxifahren sowohl für die offiziellen als auch für die inoffiziellen Fahrer recht einträglich.

Nach dem 7. Oktober 1989 war es aber anders als vorher. Die massive Abneigung der Fahrer gegen die Obrigkeit war Ergebnis des brutalen Vorgehens der Polizei bei den friedlichen Protestkundgebungen zum DDR-Jubiläum. Was manche Fahrer in der Nacht mit eigenen Augen gesehen haben, machte per Taxifunk blitzschnell die Runde (Siehe "Gummiknüppel zur Geburtstagsparty").

Boykott der Obrigkeit

Abgesehen von einigen wenigen SED-Genossen boykottierten viele Ostberliner Taxifahrer sämtliche Adressen, die mit dem Staat oder der Sozialistischen Einheitspartei (SED) zu tun hatten.

Sie fuhren keine Ministerien an, holten niemanden von der Staatssicherheit ab, ignorierten Anfragen der Volkspolizei und ließen SED-Funktionäre warten. Winkte am Straßenrand ein Uniformierter, hielt kein Taxifahrer an. Wurde über Funk eine offizielle Adresse durchgegeben, meldete sich niemand.

Der Trick mit der Vorbestellung

Die Funktionäre bemerkten natürlich rasch, wie sie geschnitten wurden. Sie gingen deshalb dazu über, für den gewünschten Termin einen Wagen vorzubestellen. Das konnte die Funkzentrale nicht ablehnen. Nach ein, zwei erfolglosen Aufrufen einer offiziellen Adresse hörten die Taxifahrer dann eine Bestellung zum "Metropol" oder "Palasthotel", eines der teuren Hotels für die Devisenbringer aus dem NSW, dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet.

"Da fallen aber nur die Anfänger drauf rein!", meinte ein Fahrer lachend. Denn sobald ein Kollege die Bestellung annahm, war seine individuelle Taxinummer erfasst. Auch wenn er feststellte, dass die Hotelanfrage nur ein Trick der Funkzentrale war und er nun doch ein Ministerium anfahren musste, er konnte nicht mehr zurück. "Wer da schon identifiziert ist und trotzdem nicht kommt, muss fürchten, dass er vom Auto genommen wird", schilderte der Fahrer die Konsequenzen.

Der Trick mit den Ministerien 

Auch wenn die Zentrale wusste, ein Fahrer ist eben vom Hotel in Richtung Grenzübergang Checkpoint Charlie unterwegs, dann forderte sie den Chauffeur auf, gleich ins nahegelegene "Haus der Ministerien" (heute: Bundesfinanzministerium) in der Leipziger Straße zu fahren.

Um das zu vereiteln, hatten die Taxifahrer eine Standardausrede: Sie hätten noch einen zweiten Fahrgast im Auto, der weiter möchte.

Der Trick mit den Devisenhotels

Mit der Einstellung "Darauf fallen wir nicht rein" passierte es freilich zunehmend, dass Taxibestellungen in die Devisenhotels nicht anders behandelt wurden als eine Bestellung direkt in die Stasi-Zentrale. Da half den Westgästen dann auch kein Trinkgeld für den "Portugieser", denn da war selbst der Hotelboy machtlos.

Entwickelten die Taxifahrer also vor dem Fall der Mauer durchaus Widerstandskräfte gegen Offizielle und gegen Stasi, so war es nach der Wiedervereinigung genau umgekehrt. Dementsprechend verkehrte sich zur Wende das Image der Berliner Taxifahrer rapid ins Gegenteil.

Denn viele Hundert, angeblich sogar Tausende von arbeitslos gewordenen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit machten den Taxischein. Nach dem Mauerfall ist die Zahl der Taxiwagen von 5.000 auf 8.000 gestiegen. Die nach der Wende noch aktive Ostberliner Verwaltung ließ an einem einzigen Tag 1.000 Taxis zu – vielfach zugunsten von Stasi-Leuten.

Stasi-Fahrer wissen mehr 

Zu dieser Zeit kursierte das Bonmot über den Vorteil, einen Ex-Stasi-Mitarbeiter als Taxifahrer zu haben. Man müsse nur den eigenen Namen sagen, und schon wisse der Fahrer, wohin man wolle.

Vor der Wende war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man einen oppositionell eingestellten Taxifahrer erwischte, und nach der Wende war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man einen ehemaligen Stasi-Mann als Fahrer erwischte.

Was für ein Abenteuer das war, nach dem Fall der Mauer mit einem Ostberliner Taxi nach Westberlin oder mit einem Westberliner Taxi nach Ostberlin zu fahren, also jeweils in eine terra incognita, davon später ("Mondlandschaft mit Mauerspechten"). 

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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