Wer ist Bulgariens neuer Starpolitiker Slawi Trifonow?

Möglicherweise der nächste Ministerpräsident Bulgariens: Stanislaw "Slawi" Trifonow. [Slavishow.com]

Die große Überraschung der bulgarischen Parlamentswahlen am 4. April war das Abschneiden der Partei des Entertainers Slawi Trifonow, „Es gibt ein solches Volk“: Die Protestpartei erhielt 17,66 Prozent der Stimmen und wird wahrscheinlich die künftige Regierung bilden. Wer ist Stanislaw „Slawi“ Trifonow?

Die bulgarischen Bürgerinnen und Bürger hatten am 4. April für einen Wandel gestimmt und drei neue politische Parteien in das 240 Mitglieder zählende Parlament geschickt.

Die konservative GERB-Partei des bisherigen Ministerpräsidenten Bojko Borissow erhielt zwar 26,2 Prozent der Stimmen und 75 Sitze, womit sie die größte Partei im Parlament bleibt. Allerdings mangelt es an Koalitionspartnern, und die drei neuen politischen Kräfte, die teilweise aus den Protesten des vergangenen Sommers gegen Borissow hervorgegangen sind, dürften letztendlich stärker sein.

Laut Verfassung darf GERB als die Partei mit den meisten Sitzen zuerst versuchen, eine Regierung zu bilden. Sollten die Konservativen – wie erwartet wird – scheitern, wird die zweitstärkste politische Partei im Parlament ihrerseits einen Versuch zur Regierungsbildung unternehmen. Das ist „Es gibt ein solches Volk“ von Trifonow.

Wahl in Bulgarien: Wunsch nach Wandel und drohende Blockade

Bei den bulgarischen Wahlen am Sonntag (4. April) sind drei neue Parteien ins Parlament eingezogen, die größtenteils die Anti-Korruptions-Proteste des vergangenen Sommers repräsentieren. Die Regierungsbildung dürfte schwierig werden.

Slawi, der Showman

Trifonow stieg Anfang der 1990er Jahre in Bulgarien als Produzent, Sänger und Schauspieler in einer populären Satire-Show namens „Ku-Ku“ zum Star auf. Der damals langhaarige, heute kahlköpfige Zwei-Meter-Mann hegte damals ausdrücklich keine politischen Ambitionen.

„Slawi“ wurde letztlich zu einem der größten bulgarischen TV-Stars: Seit dem Jahr 2000 moderierte er 19 Jahre lang mehr als 4.100 Folgen seiner äußerst beliebten Late-Night-Show „Slawis Show“ und wurde so zum „bulgarischen David Letterman“. Zu seinen hochkarätigsten Gästen gehörten Michail Gorbatschow, Schimon Peres, Luc Besson und Charlie Sheen.

Kritik gegenüber den Machthabern war in der Show derweil stets Programm. Schon früh galt der TV-Moderator als Rebell und „Störfaktor“ für den politischen Status quo.

Slawi, der Musiker

Trifonows Karriere als Musiker ist ebenfalls recht beeindruckend. Mit seiner „Ku-Ku Band“ hat er 22 Alben veröffentlicht und 13 Tourneen gespielt, darunter eine in den USA und Kanada im Jahr 2010.

Trotz seiner großen Popularität wurde er von der politischen Elite Bulgariens weitgehend ignoriert – auch nachdem er seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts politisch aktiver wurde. Tatsächlich nahmen viele Politikerinnen und Politiker (und große Teile der Bevölkerung) seine Kandidatur zu den Parlamentswahlen nicht sonderlich ernst, hielten ihn für einen reinen Populisten und warfen ihm vor allem vor, die „Chalga“-Kultur im Land zu fördern und zu „legalisieren“.

„Tschalga“ oder Pop-Folk ist nicht nur das Musikgenre, das traditionelle bulgarische Folklore und moderne Tanzelemente verbindet (ähnlich dem ex-jugoslawischen „Turbo-Folk“). Es ist auch ein kulturelles Phänomen, das im Land oft für Kontroversen sorgt: „Tschalga“ wird in diesem Zusammenhang oft als ein Synonym für obszöne Sprache sowie für negative Aspekte und Charakterzüge der bulgarischen Gesellschaft gebraucht. So geht es in den Liedtexten häufig um Sex, Kriminalität, Geld und Markenprodukte.

Borissows schneller Abgang

Nach den Wahlen am vergangenen Sonntag ist die bulgarische Regierung gestern offiziell zurückgetreten. Ministerpräsident Bojko Borissow kündigte an, ab heute in bezahlten Urlaub zu gehen. Damit entzieht er sich auch der Kommunikation mit Brüssel.

Das Referendum 2016

Trifonows bisher größte politische Aktion war das Referendum 2016, das er zusammen mit seinen Drehbuchautoren initiierte – von denen einige nun auch als Abgeordnete ins Parlament eingezogen sind.

Bei dem Referendum mit drei Fragen ging es darum, das derzeitige Proporzsystem in ein Mehrheitswahlrecht zu ändern, eine Wahlpflicht einzuführen und die öffentliche Finanzierung politischer Parteien auf einen Lew (umgerechnet ca. 0,50 Euro) pro gültige Stimme zu reduzieren – damals waren es noch elf Lewa pro Stimme.

Etwa 2,5 Millionen Menschen stimmten für diese drei Vorschläge. Letztendlich fehlten damit nur rund 12.000 Stimmen, um das Referendum verbindlich werden zu lassen. Trifonow kritisierte das Ergebnis als „monströsen Betrug“ und behauptete, die Stimmen seien falsch ausgezählt und ganze Säcke mit Stimmzetteln in den Wahlkabinen „vergessen“ worden.

Seitdem hat er immer wieder der politischen Elite vorgeworfen, sich vereint gegen ihn zu stellen. Das Referendum und die anschließenden Auseinandersetzungen bildeten letztlich den Hintergrund für die Gründung seiner Protestpartei „Es gibt ein solches Volk“.

Slawi, der Politiker

Während des Wahlkampfes 2021 spielte Trifonow weiterhin nach seinen eigenen Regeln und nahm an keiner einzigen öffentlichen Debatte mit seinen Kontrahenten teil. Seine wichtigste Kommunikationsstrategie war die Ausstrahlung von Parteibotschaften auf seinem eigenen privaten TV-Kanal Sedemosmi (Sieben-Achtel, der typische Rhythmus der bulgarischen Volkstänze).

Trifonows Partei nahm allerdings auch nicht an den Anti-Borissow-Protesten im vergangenen Sommer teil – im Gegensatz zu den beiden anderen neuen Protestparteien („Demokratisches Bulgarien“ und die Bewegung „Steh auf! Mafia raus“).

Proteste in Bulgarien: "Hört auf, unsere Mafia zu finanzieren"

Gestern gab es erneut Proteste auf den Straßen der bulgarischen Hauptstadt Sofia, bei denen der Rücktritt von Premierminister Bojko Borissow sowie von Generalstaatsanwalt Iwan Geschew gefordert wurde. Es war der 54. Protesttag seit Beginn der Demonstrationen.

Nachdem er kürzlich positiv auf COVID-19 getestet wurde, befindet sich Trifonow derzeit in Quarantäne und hält sich bezüglich seiner weiteren Pläne bedeckt.

Per Facebook hat er bisher lediglich deutlich gemacht, er schließe Koalition mit der GERB, mit der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) und mit der mehrheitlich ethnisch-türkischen Bewegung für Rechte und Freiheiten (DPS) aus.

Das bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass er ihre Unterstützung für eine Minderheitsregierung ausschlagen würde. Eine solche könnte er mit den anderen beiden neuen Parteien im Parlament eingehen.

Slawi, der Ungewöhnliche

Trifonow scheint der nächste in einer Reihe von ungewöhnlichen Führungspersönlichkeiten in Bulgarien zu sein – ähnlich wie Simeon von Sachsen-Coburg und Gotha, der letzte Zar Bulgariens, der nach seiner Rückkehr 2001 viele Stimmen gewinnen konnte, zum Ministerpräsidenten wurde, sich letztlich aber nicht lange auf der politischen Bühne halten konnte.

Für Trifonow scheint derweil die Hauptpriorität nicht unbedingt zu sein, Ministerpräsident zu werden. Er will vor allem dafür sorgen, dass das Wahlsystem geändert wird, dass die Bulgarinnen und Bulgaren im Ausland leichter wählen können, dass die Demokratie im Land insgesamt „gerechter“ wird – und dass Borissows Partei GERB die entsprechenden Folgen spürt.

„Die GERB ist eine toxische Partei, die aus der politischen Landschaft verschwinden sollte,“ machte Trifonow seinen Antrieb kurz nach den Wahlen auf Facebook erneut deutlich.

Dass eine Regierung unter dem ehemaligen TV-Star lange Bestand haben wird, gilt derweil als überaus unklar. Viele Beobachter gehen bereits davon aus, dass es früher oder später vorzeitige Neuwahlen geben wird.

Allerdings könnte Trifonow wohl auch bei einer kurzen Regierungszeit die von ihm lange gewünschten Änderungen im Wahlgesetz durchsetzen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic, Frédéric Simon und Tim Steins]

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