Was Manager von Ursula von der Leyen lernen können – Frauen wie Männer

Die neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. [Patrick Seeger/ epa]

Eignet sich Ursula von der Leyen als Rollenmodell für aufstiegsorientierte Männer und Frauen? Durchaus. Vier Eigenschaften haben der CDU-Politikerin beim Weg an die Spitze geholfen.

Alle suchen Heldinnen. Die Bereitschaft, erfolgreiche Managerinnen, Gründerinnen, Politikerinnen oder Künstlerinnen zu feiern, war noch nie so groß wie heute. Kaum eine gesellschaftliche Bewegung hat die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie so stark verinnerlicht wie der neuere Feminismus: Frauen in Veranstaltungen, auf Panels, in Büchern oder Podcast sichtbarer zu machen oder sogar als „Role Models“ zu feiern ist angesagt.

Erstaunlicherweise kommt eine der einflussreichsten Politikerinnen des vergangenen Jahrzehnts dabei selten vor: Die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Das mag daran liegen, dass ihre Lebensbilanz – politische Karriere plus Familie mit sieben Kindern – vom Alltag der meisten Frauen zu weit entfernt ist, genau wie die Besonderheiten ihrer Biografie: Tochter eines CDU-Ministerpräsidenten, mehrsprachig aufgewachsen in Brüssel, Karrierestart in einer Phase, in der sich im Themenfeld Vereinbarkeit von Beruf und Familie viel bewegen ließ.

Die großen Pläne der Ursula von der Leyen

Sie hat versucht, ihr politisches Profil im Schnelldurchlauf zu schärfen: Klimaschutz, die Erweiterung des Schengenraums, die Aussöhnung von und Ost- und Westeuropa – das wären die Prioritäten einer Kommission von der Leyen.

Hinzu kommt vielleicht auch, dass sie sich selbst nie als Feministin bezeichnet hat, ähnlich wie die Kanzlerin. Außerdem galt sie selbst stets als „Vatertochter“, die sich stark an den politischen Erfahrungen des medienaffinen und an Parteistrukturen wenig interessierten Ernst Albrecht orientierte. Wer sich für ihre Biografie interessierte, lernte allerdings auch, wie wichtig die Rolle der Mutter für die Karriereorientierung war. Heidi Adele Albrecht war begeisterte Landesmutter in Niedersachsen und litt unter der Abwahl ihres Ehemanns im Jahr 1990 mehr als ihr Mann. Solch eine vom Lebenspartner abgeleitete Autorität, das entschied Ursula von der Leyen damals für sich, war ganz klar nicht ihr Ding.

Als Ministerin hat von der Leyen später deutlich gemacht, dass es – anders, als damals gern unterstellt wurde – keinen „weiblichen“ Führungsstil gibt. Chefinnen, wie sollte es auch anders sein, führen so unterschiedlich wie männliche Vorgesetzte. Das wurde deutlich, sobald man von der Leyen und die Kanzlerin verglich: Während Angela Merkel moderierte, preschte von der Leyen oft vor. Merkel neigt nicht so zum Pathos und meidet das Persönliche, von der Leyen wiederum wird gern mal emotional und verweist oft auf biografische Prägungen.

Gibt es dennoch etwas am Aufstieg der neuen Kommissionschefin, was aufstiegsorientierte Männer und Frauen inspirieren könnte, was sich womöglich nachahmen lässt? Ja. Denn vor allem vier Punkte waren in der Vergangenheit typisch für ihre Art zu führen.

1. Keine Angst vor großen Gegnern

Von der Leyen hat sich in ihrer langen Laufbahn gern mit Stärkeren angelegt – mit dem früheren Ministerpräsidenten wie Edmund Stoiber, mit Fraktionschef Volker Kauder, manchmal auch mit der Kanzlerin. Oft hatte sie wenig Chancen, zu gewinnen, etwa, als sie sich als Anfängerin mit Stoiber über Gesundheitsreformen und Kitaplätze stritt. Trotzdem schadete das nicht – wie bei einem Schüler, der sich auf dem Schulhof am liebsten mit Älteren prügelt, weil er dabei eigentlich nur gut aussehen kann: Verliert er, wird der Mut bewundert und die Niederlage schadet nicht. Gewinnt er, ist er ein Held. Außerdem unterstreicht man mit diesem Verhalten den Aufstiegswillen: Jeder sieht, in welcher Liga man sich sieht.

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2. Geschwindigkeit gewinnt

Von der Leyen hat jahrelang erfolgreich über Öffentlichkeitsarbeit Politik gemacht. Sie hat gezielt über Interviews Themen gesetzt und Druck aufgebaut, wenn es ihr hilfreich erschien. Von der Leyen hatte oft schlicht deswegen Erfolg, weil sie dabei war schneller war als ihre Konkurrenten. Sie erschien gern mal mit Make-up aus der TV-Maske in montäglichen Gremiensitzungen der CDU – und erinnerte so daran, dass sie morgens bereits im Frühstücksfernsehen aufgetreten war. Wie in Unternehmen gilt in der Politik oft, dass derjenige die Deutungshoheit über ein Geschehen hat, der seine Sicht zuerst unter die Leute bringt.

3. Motivation durch die eigene Biographie

Als von der Leyen vor dem Europaparlament ihre Bewerbungsrede hielt, sprach sie viel über ihren Vater, der hoher Brüsseler Beamter war, der das Kriegsende als Schüler miterlebte und der später ein Jahr in Amerika verbrachte. Sie erzählte vom Flüchtling, der übergangsweise bei ihrer Familie in Hannover wohnte und von ihren Kindern. Das ist typisch – und mehr als Inszenierung. Natürlich mögen Medien persönliche Geschichten, aber von der Leyen motiviert sich tatsächlich auch selbst mit dem Kennedy-Prinzip: „Wann, wenn nicht jetzt, wer, wenn nicht ich“. Ihr fallen Themen leicht, für die sie sich wegen ihrer biographischen Prägungen begeistern kann oder sogar berufen fühlt.

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4. Loyalität über alles

Vor ihrer Wahl zur Kommissionschefin hat Ursula von der Leyen im Europaparlament die Rede gehalten, die sie sich in den Jahren davor von der Kanzlerin gewünscht haben muss – proeuropäisch und emotional. Gesagt hat sie das nie. Auch bei anderen strittigen Fragen hat Ursula von der Leyen die Kanzlerin nie kritisiert. Sie hat Merkels Schwächephasen nicht zur Profilierung genutzt und hat Annegret Kramp-Karrenbauer unterstützt, als diese an ihr vorbeizog und zu Merkels Favoritin für die Parteispitze und die Nachfolge im Kanzleramt wurde. Das Ergebnis war vergangene Woche im Bellevue zu besichtigen, als die drei mächtigsten Politikerinnen des Landes einträchtig nebeneinander saßen.

Von der Leyen wurde oft als Egoshooterin beschrieben, weil sie sich für CDU-Belange nie übermäßig interessierte, sich gelegentlich heftig an parteiinternen Widersachern, wie der früheren Familienministerin Kristina Schröder, rieb und einmal sogar fast mit der Opposition für eine gesetzliche Frauenquote abgestimmt hätte. Doch das Bild ist nur zur Hälfte richtig. Ihre Loyalität zu Personen – die sie umgekehrt auch selbst einfordert – war immer größer als die zu Beschlusslage der CDU. Am Ende schadete das nicht.

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