Jetzt hören wir auf zu jammern – jetzt machen wir etwas. Mit diesem Ansatz hat sich Ulrich Beck europaweit Unterstützer für eine Initiative gesucht, mit der ein „Alltagseuropa von unten“ enstehen soll. Im Gespräch erläutert der Soziologe, woran Europa heute krankt und wie sein Manifest „Wir sind Europa!“ in der Praxis umgesetzt werden soll.
Der Soziologe Ulrich Beck macht sich Sorgen um Europa. Nicht die Krise sei besorgniserregend – Europa sei schließlich immer in der Krise – sondern die Europaskepsis. Mit dem Manifest "Wir sind Europa!" will Beck dieser negativen Stimmung eine positive Gegenbewegung von unten entgegensetzen.
"Bisher haben wir ein Europa der Sonntagsreden und ein Europa der Institutionen, aber wir haben kein Alltagseuropa. Wir haben kein Europa, in dem sich die Menschen wohlfühlen und mit dem sich die Menschen identifizieren. Die praktische Idee eines ‚Freiwilligen Europäischen Jahres für alle‘ soll über das Reden über Europa hinausführen und dem Einzelnen das Tun ermöglichen, um so Europa für jeden greifbar zu machen", sagte Beck am Donnerstag (3. Mai) in Berlin.
Das Wunder Europa
"Wir haben das Institutionengebilde, wir haben ein organisiertes Haus Europa, es wird aber noch nicht wirklich von den Europäern bewohnt. Unsere europäische Demokratie wird national praktiziert, aber noch nicht als europäische. Es geht bei diesem Projekt um die Verwurzelung der Demokratie und die Ausbreitung der Demokratie ins Transnationale durch das Tun. Das Wunder Europa ist doch, dass aus Feinden Nachbarn geworden sind. Jetzt geht es darum, aus Nachbar Europäer zu machen, die sich mit der Demokratie in Europa identifizieren."
Noch nie sei über Europa intensiver diskutiert worden als heute. Die aktuelle Krise habe die Schicksalgemeinschaft Europas deutlich gemacht. "Diese Krise kann zu einer Geburtsstunde einer neuen Identifikation werden. In dieser Richtung versucht das Manifest zu wirken", sagte Beck.
Der Soziologe warb in Berlin gemeinsam mit dem Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit für sein "Manifest zur Neugründung Europas von unten", das am selben Tag europaweit in der Presse und im EURACTIV-Netzwerk erschien (EURACTIV.de vom 3. Mai 2011: Wir sind Europa!) Als Beck ihn angerufen habe, sei er von seinem Ansatz sofort überzeugt gewesen, so Cohn-Bendit: "Jetzt hören wir auf zu jammern – jetzt machen wir etwas. Das gefällt mir an dieser Initiative."
Von unten, für alle, freiwillig und bezahlt
Die Idee eines "Freiwilligen Europäischen Jahres für alle" soll auf vorhanden Strukturen aufbauen. "Wenn das mit der Finanzierung klappt, wird es eine Flutwelle von Interessenten geben", ist Beck überzeugt. Ob das funktioniert, ist allerdings offen. Eines der Dilemmata solcher Aufrufe sei, dass es darum gehe, wie "von oben das Europa von unten" geschaffen werde. "Wie schaffen wir es, eine freiwillige Initiative tatsächlich in Gang zu setzen? Die Ausgangslage ist relativ gut, da vieles vorbereitet ist und wir auf bestehenden Strukturen und Institutionen aufbauen können. Neu ist: Von unten, für alle, freiwillig und bezahlt", so Beck.
Zuschuss auf Hartz IV-Niveau
Cohn-Bendit sagte gegenüber EURACTIV.de, das eine Mischfinanzierung denkbar sei, wobei die Europäische Kommission, die nationalen Haushalte und private Unternehmen jeweils ein Drittel beisteuern könnten. Die Initiatoren der Initiative denken bei der Finanzierung nicht an ein vollfinanziertes Stipendium, sondern eher an einen Zuschuss auf Hartz IV-Niveau stellte Michael Thoss, Leiter der Allianz Kulturstiftung klar. Die Stiftung unterstützt die Initiative Becks finanziell und organisatorisch.
"Europa ist eine konkrete Lebenserfahrung. Es gibt bereits Initiativen wie den Europäischen Freiwilligendienst. Solche Strukturen wollen wir nutzen und erweitern. Wir wollen das entbürokratisieren und für alle Altersklassen und Berufsgruppen, inklusive den Arbeitslosen, öffnen", sagte Thoss. Dabei gehe es nicht um eine finanzielle Vollversorgung, "sondern um Anreize, die Menschen motivieren, eine europäische Erfahrung zu machen". Das Projekt solle Eigeninitiative und Bürgersinn stärken, deshalb sollte sich jeder selbst um die ergänzende Finanzierung kümmern.
Die ungeklärte Finanzierung ist nur ein Problem. Es fehlt auch noch ein Netzwerk mit und in den Kommunen. Schließlich sollten die Projekte vor Ort entwickelt werden. "Die Menschen können selbst Vorschläge machen oder sich bei bestehenden Initiativen einbringen", sagte Cohn-Bendit. Diese müssten zertifiziert werden. Unklar ist allerdings, wer die Projekte nach welchen Kriterien bewerten soll. "Wir haben noch nicht auf alle Fragen eine Antwort, nicht für alle Probleme eine Lösung."
Michael Kaczmarek
Links
Zum Thema auf EURACTIV.de
Wir sind Europa! (3. Mai 2012)

