Theresa May droht der Verlust der absoluten Mehrheit

Die britische Premierministerin Theresa May [EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA]

Herber Rückschlag für Premierministerin Theresa May: Ihre konservativen Tories haben bei der Parlamentswahl in Großbritannien laut Prognosen die absolute Mehrheit verloren.

Demnach wurden wurde die Regierungspartei am Donnerstag zwar erneut stärkste Kraft, sie kann aber vermutlich nicht mehr alleine regieren. Die oppositionelle Labour-Partei gewann den Prognosen zufolge deutlich hinzu. Kurz vor Beginn der Brexit-Verhandlungen zeichnet sich nun eine schwierige Regierungsbildung ab. Labour-Chef Corbyn forderte Mays Rücktritt.

Mays Plan, sich mit den vorgezogenen Neuwahlen ein starkes Mandat für die bevorstehenden Verhandlungen über den EU-Austritt ihres Landes zu verschaffen, ging offenbar nach hinten los. Den Nachwahlbefragungen zufolge, die mehrere Sender am Donnerstagabend unmittelbar nach Schließung der Wahllokale veröffentlichten, verloren die Konservativen 16 Mandate und kamen auf 314 Sitze. Damit würden die Tories die absolute Mehrheit von 326 Sitzen klar verfehlen.

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Die Labour-Partei unter ihrem dezidiert linken Vorsitzenden Jeremy Corbyn gewann der Prognose zufolge 37 Mandate hinzu und käme auf 266 Sitze. Die Schottische Nationalpartei (SNP) rutschte den Nachwahlbefragungen zufolge von 54 auf 34 Sitze ab.

Corbyn forderte die Regierungschefin zum Rücktritt auf. May habe „Wählerstimmen, Unterstützung und Vertrauen verloren“, sagte der Labour-Chef am frühen Freitagmorgen. Sie müsse abtreten und Platz machen für eine „wirklich repräsentative Regierung“.

May erklärte hingegen, Großbritannien brauche „eine Phase der Stabilität“. Sollten sich die Prognosen bestätigten, sei es Aufgabe der Tories, „sicherzustellen, dass wir diese Phase der Stabilität haben“.

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Die Liberaldemokraten kommen laut der Prognose auf 14 Mandate – das wäre ein Zuwachs um fünf Sitze. Die Partei hatte im Wahlkampf für ein zweites Referendum geworben, mit dem die Briten ihre Brexit-Entscheidung vom Juni vergangenen Jahres rückgängig machen könnten. Die EU-feindliche United Kingdom Independence Party (Ukip) würde den Prognosen zufolge ihren einzigen Sitz im britischen Unterhaus verlieren.

In Großbritannien gilt das Mehrheitswahlrecht. Das Auszählungsergebnis wird erst für Freitagmorgen erwartet. Als Reaktion auf die Nachwahlbefragungen und die drohende Hängepartie verlor das britische Pfund an Wert.

„Das ist eine Katastrophe für Theresa May. Ihre Führung würde in Frage gestellt werden und sie könnte zum Rücktritt gedrängt werden, falls sich die Ergebnisse bestätigen“, sagte der Politikprofessor Iain Begg von Hochschule London School of Economics. Sein Kollege Tony Travers erklärte: „Das ist genau das Gegenteil dessen, was sie mit der Wahl erreichen wollte.“

Auch die Politologin Paula Surridge von der Bristol University sieht May geschwächt. Ein Rücktritt sei nicht auszuschließen.

Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok sagte, er befürchte negative Auswirkungen auf die Brexit-Verhandlungen. „Dieses Ergebnis bedeutet, dass überhaupt keiner Kompromisse machen kann“, sagte Brok in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“. „Das wird für die Brexit-Verhandlungen sehr große Erschwernisse mitbringen.“

Sollten die Tories ihre absolute Mehrheit im Unterhaus tatsächlich einbüßen, könnten sie versuchen, eine Koalition zu bilden oder eine Minderheitsregierung zu stellen. Eine Koalitionsregierung gab es in der britischen Nachkriegsgeschichte bislang erst einmal: Von 2010 bis 2015 schlossen sich die Tories unter Mays Amtsvorgänger David Cameron mit den Liberaldemokraten zusammen. Diese erklärten noch am Donnerstag, sie stünden für eine Koalitionsregierung nicht zur Verfügung.

Regulär hätte in Großbritannien erst 2020 gewählt werden müssen. Mit der vorgezogenen Wahl wollte sich May ein starkes Mandat für die Brexit-Verhandlungen verschaffen, die bereits am 19. Juni beginnen sollen. Sie hatte den Urnengang im April angekündigt, als ihre Partei in den Umfragen klar vorn lag.

Nach den jüngsten islamistischen Anschlägen im Vereinigten Königreich war aber die Sicherheitsdebatte im Wahlkampf in den Vordergrund getreten. Bei drei Anschlägen in London und Manchester waren in den vergangenen drei Monaten 34 Menschen getötet worden. Im Wahlkampf wurde May angekreidet, dass mit ihrer Mitwirkung als Innenministerin seit 2010 rund 20.000 Stellen bei der Polizei gestrichen worden waren.

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