Silvester 89 mit Quadriga

Nicht nur auf, vor und hinter der Mauer, sogar oben auf der Quadriga wurde gefeiert (Foto: dpa/Wolfgang Kumm)

Die Quadriga hat sich längst daran gewöhnt, dass jedes Jahr eine Million Menschen am Brandenburger Tor Silvester feiern. Aber so einen Jahreswechsel wie den 1989/1990 haben die Siegesgöttin und ihre vier Pferde noch nicht erlebt, und es wird ihn auch nie wieder geben. Lebensgefährlich und unvergesslich.

Auch zwanzig Jahre danach erwartet Berlin wieder eine Million Partygäste auf der Festmeile am Brandenburger Tor.

Die Besucher aus der ganzen Welt können sich schwer vorstellen, wie aufregend und zugleich lebensgefährlich die Silvesternacht 1989 war. Dass es nur zwei Tote und sonst nur Verletzte gab, war ein Wunder.

Massive Mauer vor dem Tor

Damals stand kein Adlon neben dem Brandenburger Tor, es stand gar nichts – abgesehen von der Mauer, die an der Westseite eine Bucht um das Tor bildete. An dieser Stelle war die Mauer zwar nicht so hoch wie im Rest der Grenze durch Berlin, aber unmittelbar vor dem Symbolbau war sie dank der eingebauten Panzersperren so massiv, dass an ein Niederreißen noch vor dem Jahreswechsel nicht zu denken war.

Dieses 2,50 Meter hohe Mauerstück mit den Panzersperren war sogar massiv genug, um den unvorstellbaren Druck der Menschenmassen aufzunehmen, die von Unter den Linden her in Richtung Brandenburger Tor strömten, ohne Unterlass, und die alle und alles zusammenschoben, -pressten und -quetschten.

Wadentiefer Scherbenteppich

Wer auf der östlichen Seite vor der Mauer stand, konnte kaum noch Atem holen. Hätte ich etwas fallen lassen, es wäre nie am Boden angekommen. Wäre jemand auf dem wadentiefen Flaschen- und Scherbenteppich gestolpert, er wäre nie wieder aufgestanden. Dank der Menschendichte konnte ohnehin niemand stolpern.

Mittendrin in diesem Gedränge explodierten Feuerwerkskörper und Trommelfelle, Mäntel fingen Feuer, Jacken wurden angesengt. Ein Mann erlitt schwere Augenverletzungen – er hatte keine Chance, der Höllenstimmung zu entkommen.

Die "Schnelle Medizinische Hilfe" war chancenlos

Noch bevor das Gerüst am Brandenburger Tor zusammenbrach, bemühten sich zwei DDR-Rettungsautos um Menschen, die von der Mauer gefallen sein sollen. Die Mauer – an dieser Stelle bis zu 3,50 Meter breit – diente als Partyfläche, ständig wurden Leute hochgezogen. Kein Wunder, wenn einige ihren persönlichen „Mauerfall“ erlebten und abstürzten. Die beiden Ostberliner Rettungsautos der SMH – Schnelle Medizinische Hilfe – quälten sich Zentimeter um Zentimeter durch die Massen, unter den Reifen knirschten und krachten die Glasstücke und geleerten Flaschen. Die Sanitäter haben die Verletzten übrigens nicht gefunden.

Rufen hatte gar keinen Sinn, man hörte gar nichts. Sogar als das Gerüst am Tor zusammenbrach und viele Dutzende Menschen verletzte, merkten nur die Betroffenen etwas davon. Es war so unbeschreiblich laut, dass man vermutlich nicht einmal die Sprengung des Brandenburger Tores wahrgenommen hätte.

Metallgerüst als Aufstiegshilfe

Es war das Metallgerüst für eine Videoleinwand, die am Nordflügel des Brandenburger Tores befestigt war. Damals wusste noch niemand, was Public Viewing ist, aber man praktizierte es. Auf der riesigen Leinwand zeigte das DDR-Jugendfernsehen „elf 99“ seine Übertragung.

Schon um 22 Uhr war dem ersten Verwegenen über einen Blitzableiter der Aufstieg auf das 26 Meter hohe Brandenburger Tor gelungen. Der Mann dürfte ein Seil bei sich gehabt haben, um weitere Menschen hinaufklettern zu lassen.  

Erst später stürmten ein paar junge Leute das Leinwandgerüst. Trotz mehrmaliger – kaum vernehmbarer – Aufforderung aus den Lautsprechern, nicht über das Gerüst zu klettern, und trotz der Androhung, die TV-Übertragung abzubrechen, wagten immer mehr Leute den halsbrecherischen Aufstieg auf das Dach des Bauwerks, einige sogar auf die Quadriga, die sechs Meter hohe Siegesgöttin mit dem Viergespann.

DDR-Fahne an der Quadriga zerschnitten

Sie kletterten jedenfalls nicht in die Höhe, um einen besseren Empfang für ihr Handy zu kriegen. Damals hatte niemand ein Handy. Damals hätte sich auch niemand vorstellen können, dass zwanzig Jahre später allein in Deutschland 21 Millionen Menschen insgesamt 290 Millionen SMS mit Neujahrsgrüßen verschicken.

Sie zogen dort oben die DDR-Flagge ein und zerschnitten sie in Streifen. Dann  hissten sie die bundesdeutsche Fahne und die Europaflagge. Wäre eine Sektflasche oder gar ein Mensch auf die Menge hinabgestürzt, hätte es mehr Tote geben müssen.

Die DDR-Volkspolizei hielt sich die ganze Zeit zurück, um Eskalation zu vermeiden.

Gegen 1.40 Uhr brach das Gerüst zusammen. Es riss etliche Kletterer in die Tiefe und begrub viele Menschen. Ein Mann starb. Mindestens 135 weitere Opfer wurden verletzt, viele davon schwer, aber keiner lebensgefährlich. Insgesamt dürften in dieser Nacht an dieser Stelle 600 Menschen Verletzungen erlitten haben.

Am frühen Morgen wurde auch auf dem grünen Mittelstreifen Unter den Linden noch die Leiche eines 24-jährigen Westberliners entdeckt.

Der Siegesgöttin und ihrem Gefährt – 28 Jahre lang allein und unerreichbar – war dieser erste gemeinsame deutsch-deutsche Silvester zu viel. Sie wurden so stark beschädigt, dass sie 1991 aufwändig restauriert werden musste.

Noch kurz vor dem Silvester verschandelten DDR-Blumentröge aus Beton zwischen den 15 Meter hohen dorischen Säulen die Durchfahrten durchs Tor.

Die deutsche Frage und die Bagger der Pioniere

Das Brandenburger Tor war erst wenige Tage vor dem Jahreswechsel, am 22. Dezember, geöffnet worden. Ein Akt von großer Symbolik, hatte es doch stets geheißen: „Die deutsche Frage ist so lange offen, solang das Brandenburger Tor geschlossen ist.“

Rund eine Woche vor der Silvesterfeier hatten die Baumaschinen der DDR-Pioniere gegen 23 Uhr nachts mit ihrem Höllenlärm begonnen, wo sonst um die Zeit Totenstille herrscht. Der nördliche Durchbruch neben dem Berliner Reichstag wurde von Schweinwerfern grell erleuchtet, die südliche Baustelle lag im Dunkel.

"Diana" auf dem ersten Plattensegment

In die Plattensegmente wurden Löcher gebohrt, damit sie angehoben werden konnten. Die Betonbohrer und das schwere Pioniergerät hüllten die Szene in dichte Staubwolken.

Da die Mauer stabiler war als erwartet, kamen die Soldaten in Verzug. Ein schwerer Bagger ratterte um Mitternacht über den „Platz vor dem Brandenburger Tor“, stieß mehrmals unsanft gegen das erste Mauersegment, das sich nur widerwillig lockerte.

Als das Betonsegment über dem Boden schwebte, war von den Graffitis auf der westlichen Plattenseite nur das Spraywort „Diana“ zu entziffern.

Der Autodrehkran ADK 125 hob die „Diana“-Platte auf einen Lkw, der brachte sie in ein Zwischenlager der Pioniere außerhalb Berlins. Das erste Segment sollte in einem Museum landen, die anderen waren als Futtersilofundament im Gespräch.

Grenzer verteilen ihre Grenze

„Dabei haben wir schon horrende Angebote dafür bekommen“, erzählte ein Offizier. Grenzsoldaten fotografierten das Geschehen. Einer der Pioniere verteilte an die Zuschauer ein paar Mauerstücke, die leicht zerbröselten.

Um 1.30 Uhr nachts rückten die Teerfahrzeuge an, gegen drei Uhr früh sind die Durchbrüche fünf Meter breit. Um diese Zeit waren aus der Provinz die Autos vieler Neugieriger nach Berlin unterwegs, die sich das Weihnachtsgeschenk von 1989 – einen gerade noch souveränen Akt der DDR-Regierung – nicht entgehen lassen wollten.

Das berühmte Viergespann auf dem Tor oben war zu dieser Zeit gar nicht vollständig. Es fehlten die Attribute des Siegeszeichens. Das Eiserne Kreuz und der Adler waren damals im Märkischen Museum ausgestellt.

Drei Franzosen und die Quadriga

Die Quadriga sah im Lauf der Geschichte drei großkalibrige Franzosen. Der eine war Napoleon, der 1806 im Triumphzug das Tor passierte und dabei die schwergewichtige Göttin mit nach Paris nahm. Was ihn zum berühmtesten „Pferdedieb von Berlin“ machte.

Der Zweite war Francois Mitterrand, dem das Ende der Teilung, die deutsche Wiedervereinigung und die Öffnung des Brandenburger Tores ohne seine Genehmigung gar nicht passte und der unmittelbar vor dem Festakt mit Helmut Kohl und DDR-Regierungschef Hans Modrow Berlin verließ.

Und der dritte Franzose, der zwar mit dem Fall der Mauer, aber nicht so ganz mit der Wahrheit klar kommt, ist Nicolas Sarkozy. Letzteres kam jüngst zum 20. Jahrestag des Mauerfalls heraus. Der amtierende Präsident verblüffte in seinen Blog-Erzählungen, was er damals als junger Abgeordneter der Gaullisten-Partei RPR alles getan hat.

Sarkozy als Mauerspecht am falschen Tag

Er habe am 9. November 1989 die Information aus Berlin bekommen, wonach in der „Hauptstadt des geteilten Deutschlands“ (sic!) Veränderungen stattfänden und er umgehend nach Berlin geflogen sei. Er habe am Brandenburger Tor mit vielen Menschen gefeiert. Illustriert ist der Blog-Eintrag mit dem jungen Sarkozy als „Mauerspecht“.

Zwar hat Sarkozy tatsächlich mit einem Meißel Steinbrocken herausgeklopft und damit beinahe die Berliner Mauer zu Fall gebracht – aber nicht am historischen 9. November 1989, sondern – so sein Fotograf – am 10. November um 22 Uhr. Auch feierte am 9. November niemand am Brandenburger Tor. Hätte es Sarkozy versucht, hätte er schnell gemerkt, dass er sich dem Tor nicht einmal annähern durfte. Dort ging es erst tief in der Nacht auf den 10. November los.

Die allgemeinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit vieler Details konterkarierte Sarkozy, in dem er sich umso mehr auf das Datum vom 9. November versteifte.

Siegesparaden und Love Parade

Die Quadriga wurde Zeuge zahlreicher Auf-, Ab- und Durchmärsche, von Siegesparaden und der Love Parade, die es mittlerweile auch nicht mehr gibt.

Nur Fußgänger dürfen durchgehen; ein Taxifahrer ärgert sich: „Diese Rattenlöcher“, durch die die Leute huschen müssten, „nee, det is keene Symbolik!“

Für die Silvestergäste aus aller Welt scheint es dennoch Symbolik genug zu sein.

Wird fortgesetzt.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

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