Plagiatsaffäre: Uni Bonn entzieht Chatzimarkakis Doktortitel

"Meine Dissertation ist ein Grenzfall", sagt der liberale Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis zur Aberkennung seiner Doktorwürde. Foto: dpa.

Die Universität Bonn hat dem FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis den Doktortitel aberkannt. Seine Reaktion: „Diese Entscheidung ist sehr bitter für mich.“ EURACTIV.de veröffentlicht die Stellungnahme des Liberalen.

Die Universität hat dem FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis am Mittwoch den Doktortitel entzogen. Zuvor war die Uni Plagiatsvorwürfen gegen Chatzimarkakis nachgegangen.  In der Doktorarbeit des FDP-Europaabgeordneten finden sich laut der Internet-Plattform "Vroni Plag" auf 71 Prozent der Seiten Plagiate. Chatzimarkakis hat angekündigt, erneut promovieren zu wollen. 

Alexander Graf Lambsdorff, Vorsitzender der FDP im Europäischen Parlament, erklärte am Mittwoch: "Wir bedauern die Entscheidung der Universität Bonn, Jorgo Chatzimarkakis den Doktorgrad zu entziehen. Offenbar haben unzureichende Zitiermethoden zu diesem Schritt geführt. Wir begrüßen, wie offen Jorgo Chatzimarkakis mit seinem Fall umgegangen ist und auch heute noch umgeht. Für sein erneutes Promotionsverfahren drücken wir ihm die Daumen."

Chatzimarkakis erkärte am Mittwoch zu dem Beschluss:

"Diese heutige Entscheidung ist sehr bitter für mich. Bei aller Enttäuschung stelle ich aber erleichtert fest, dass die Universität Bonn keine Täuschungsabsicht sieht und ausdrücklich Fußnotenapparat und Literaturverzeichnis als regelgerecht ansieht.

Meine Dissertation ist ein Grenzfall. Es gilt in ihr: Alle Quellen sind mit Fußnote ausgewiesen und im Literaturverzeichnis aufgeführt. Die Universität Bonn kritisiert aber, dass nicht ausreichend klar sei, wie sich eigener gegen fremden Text abgrenze. Also: Keine Stelle ohne Quelle – jedoch ohne Gänsefüßchen.

Dass meine damals gewählte Zitierweise heute als unzureichend angesehen wird, bedauert niemand mehr als ich: Ich habe meine Dissertation im Jahre 2000 online veröffentlicht, weil ich überzeugt war, dass sie gemäß der Promotionsordnung war.

Ich bedauere aber auch, dass mein Doktorvater sowie der Zweitgutachter in die aktuelle Debatte hineingezogen wurden. Ich habe mich bereits im Mai dafür persönlich entschuldigt. Es liegt mir sehr am Herzen, dies hiermit auch öffentlich zu erneuern!

Meiner Alma Mater möchte ich für das rasche Verfahren danken. Insbesondere wurden meine Verteidigungsargumente für gewichtig gehalten – eben weil ein Grenzfall vorliegt.

Fehler eingestehen fällt manchmal schwer. Dennoch ist nur stark, wer aus Fehlern lernt. Das werde ich jetzt beweisen. Mit der Dissertation wollte ich mein Universitätsstudium krönen. An diesem Wunsch hat sich nichts geändert. Ich bin bereit, eine erneute Doktorarbeit in Angriff zu nehmen.

Ich werde jetzt das Schreiben der Universität Bonn abwarten, in dem der Entzug juristisch begründet wird."

Hintergrund

Die Philosophische Fakultät der Universität Bonn verlieh Chatzimarkakis im Jahr 2000 den Doktortitel für die Arbeit "Informationeller Globalismus. Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des elektronischen Geschäftsverkehrs."

Georgios "Jorgo" Chatzimarkakis ist seit 2004 Abgeordneter im EU-Parlament. Er hat sowohl die deutsche als auch die griechische Staatsangehörigkeit. Chatzimarkakis ist Mitglied und Koordinator der liberalen ALDE-Fraktion im Haushaltskontrollausschuss (CONT) und sitzt im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE). Derzeit ist Chatzimarkakis unter anderem Berichterstatter im EU-Parlament zur geplanten REMIT-Verordnung, einer einheiltlichen Regulierung für den Energiemarkt (Strom, Gas).

2007 erregte Chatzimarkakis bundesweit Aufsehen, als er der FDP in einem Strategiepapier die Fusion mit den Grünen vorschlug.

Chatzimarkakis verteidigt innerhalb der FDP die Euro-Rettungsmaßnahmen gegen den Widerstand von FDP-Politikern wie Frank Schäffler und Hermann Otto Solms. "Die Position der Bundestagsfraktion, die Augen und Ohren vor der Krise zu verschließen, bedeutet, sich am eigenen Wähler und am Steuerzahler zu versündigen", kritisierte Chatzimarkakis Anfang Februar im Interview mit EURACTIV.de.

awr

Links

Dokumente

VroniPlag Wiki: Internetseite

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