„Man hätte die Kavallerie auch satteln sollen…“

Mit seiner Wortgewalt hat sich Peer Steinbrück nicht nur profiliert, sondern es sich auch mit vielen verscherzt. Foto: dpa

Wie eine deutsche Bundesregierung die Euro- und Schuldenkrise lösen soll und wie nicht, das wird ab sofort ein Jahr lang den Bundestagwahlkampf anheizen. Dafür sorgt ab sofort SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. In der Schweiz herrscht blankes Entsetzen, was sich da im „großen Kanton“ abzeichnet.

Ausgerechnet die Schweizer haben – wenn auch unfreiwillig ­– ganz entscheidend dazu beigetragen, dass sich Peer Steinbrück so scharf profilieren konnte. Peer Steinbrück, der furchtlose Hanseat mit Hang zum Klartext, spitzer Zunge und provokanten Sprüchen, der Kämpfer gegen entfesselte Banker und Steuerhinterzieher.

Kavallerie, Indianer, Peitsche – Sprachbilder, die in der Schweiz an Steinbrücks Namen für immer kleben bleiben, Vergleiche, die ihm in Deutschland jedoch das Image grimmiger Entschlossenheit und die Aura des Rächers der kleinen Leute gebracht haben, die nie eine Gelegenheit zur Kapitalflucht in eine Steueroase haben.

Wortgewalt und Mäßigung

Mit seiner Wortgewalt hat sich Steinbrück indes nicht nur profiliert, sondern es sich auch mit vielen verscherzt – und zwar keineswegs nur mit den Schweizern. Selbst in der eigenen Partei hat man ihm nicht vergessen, wie er die Sozialdemokraten als Heulsusen diffamiert hat. Nicht nur einmal mussten ihn die SPD-Spitzengremien in vertraulichen Gesprächen auffordern, sich im Ton zu mäßigen.

Eine Zeit lang hat das auch funktioniert. Aber diesen Samstag brach es wieder aus ihm heraus. Damit ist nicht die Drohung gemeint, dass es "diese Regierung in zwölf Monaten nicht mehr geben wird" und dass er "alle drei (CDU, CSU, FDP) rausschmeißen möchte", sondern dass er sich abermals einen kräftigen Seitenhieb auf die Schweiz erlaubte.

Nachbarstaaten beobachten Umgang mit der Schweiz

Das Kanzlerkandidat und seine Umgebung können sicher sein, dass alle kleineren Nachbarstaaten Deutschlands sehr genau beobachten werden, wie mit der Schweiz weiter umgegangen wird.

Der Landesparteitag im nordrhein-westfälischen Münster am Samstag vormittag war der erste Auftritt seit der Ausrufung als Kanzlerkandidat. In seiner Rede spielte er auch auf seine früheren Provokationen gegen die Steuerpolitik der Schweiz an. "Ob ich mir Bilder wie die Kavallerie ausdenke, weiß ich noch nicht so genau", erweckte er zunächst den Anschein von Reumütigkeit. Um dann eins draufzusetzen: "Manchmal habe ich den Eindruck, man hätte nicht nur über sie reden sollen, sondern man hätte sie auch satteln sollen."

Die Drohung mit der Kavallerie

Noch vor kurzem hatte sich Steinbrück auf einer Veranstaltung mit Schweizer Bankiers die Wiederholung seines berühmten Vergleichs der Schweizer mit Indianern verkniffen, denen man nur mit der Kavallerie drohen müsse, damit sie spurten. In der Sache – eindeutiges Nein zum Steuerabkommen mit einer Abgeltungssteuer auf Schwarzgeld – blieb Steinbrück indes hart. Die Zurückhaltung im Ton indes hatte er in Münster offenbar an der Garderobe des Parteikonvents abgegeben.

Schon jetzt spekulieren die Eidgenossen, wie ein möglicher Antrittsbesuch des möglichen Bundeskanzlers nach dem möglichen Wahlsieg in der Schweiz verläuft und wie Protokollbeamte ins Schwitzen und Journalisten ins Schwärmen kommen und auf jede Silbe und jede Tonart achten werden.

Blitzumfrage: Guter Kandidat, aber …

Für die Schweiz mag es eine Beruhigung sein, was am Wochenende telefonische Blitzumfragen in Deutschland ergeben haben, durchgeführt von ARD-DeutschlandTrends.

Die Mehrheit der Deutschen hält Steinbrück zwar für einen guten Kanzlerkandidaten: 58 Prozent finden das. Nur 21 Prozent sind nicht dieser Meinung. Aber Angela Merkel liegt, wenn man den Regierungschef direkt wählen könnte, klar vor dem SPD-Herausforderer. 50 Prozent würden sich für Merkel entscheiden, 36 Prozent Steinbrück wählen.

Außerdem gilt gerade die eher spröde, emotionssparsame Merkel als sympathischer und glaubwürdiger als Steinbrück. Sie wird zudem als die stärkere Führungspersönlichkeit von den beiden wahrgenommen.

… weniger Kompetenz bei Krisenbewältigung

Auch der vermutete Rückhalt in der jeweils eigenen Partei spielt eine Rolle: Mit großem Abstand konzediert man Merkel, dass sie ihre Partei hinter sich hat, was die Deutschen von Steinbrück nicht so sehen.

Sogar in der Bewältigung der Euro- und Schuldenkrise billigen die Deutschen der nüchternen Amtsinhaberin mehr Kompetenz zu als dem Herausforderer. Das ist durchaus bemerkenswert, da sich Steinbrück als Bundesfinanzminister zu Beginn des Lehman Brother Skandals und der Erschütterung der globalen Finanzmärkte  als großer Krisenerklärer und –bewältiger in Erinnerung bringen wollte.

Auch die Emnid-Umfrage im Auftrag von "Bild am Sonntag" ergibt, dass zwei Drittel der Befragten nicht an einen Bundeskanzler Steinbrück glauben, nur 27 Prozent erwarten es.

Nur bei Sozialthemen Vorsprung vor Merkel

Lediglich im Punkt soziale Gerechtigkeit liegt Steinbruck vor Merkel: 40 Prozent der befragten Wahlberechtigten finden, dass sich Steinbrück stärker für soziale Gerechtigkeit einsetze, nur 24 Prozent denken dies von Angela Merkel. Wer interpretiert, dieses Image gründet sich unter anderem auch auf die verbalen Attacken gegen die Steueroasen, liegt gewiss nicht falsch.

Dass sich die SPD im Wahlkampf genau darauf konzentrieren wird, zeigte sich rasch mit Parteichef Sigmar Gabriel: "Nirgendwo wird der Unterschied zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück so deutlich wie bei der dringend nötigen Bändigung der Banken und der Finanzmärkte." Womit ausreichend angedeutet ist, dass die Schweiz als Zufluchtsort für Steuersünder im Bundestagswahlkampf durchaus eine zentrale Rolle spielen wird – und das ein Jahr lang. Gewählt wird in der Bundesrepublik voraussichtlich im September 2013.

An die Griechenland-Kritiker: "Ihr wisst nicht, wovon ihr redet"

Auch Griechenland wird sich durch den Wahlkampf ziehen. Deutschland werde noch lang helfen müssen, die Kanzlerin müsse den Deutschen "endlich die Wahrheit sagen", forderte Steinbrück in der "Welt am Sonntag". Allerdings redet er auch hier Klartext: "Wir sollten allen, die martialisch den Rauswurf Griechenlands aus der Euro-Zone fordern, deutlich sagen: Ihr wisst nicht, wovon ihr redet! Die politischen und ökonomischen Erschütterungen wären verheerend."

Hält diese Energie für ein ganzes Jahr voll Wahlkampf?

Nicht nur im Kanzleramt und in der Union werden Steinbrücks Auftritte und die Reaktionen darauf genau registriert. Wenn der Kandidat schon ein Jahr vor der Wahl sein rhetorisches Pulver verschießt, fragt sich, wie lang diese Energie anhält und womit er das Interesse der Wähler wachhalten kann. Da muss er schon Handfestes bieten – sonst verderben ihm Meldungen wie die über hohe Honorare für Interviews die Chancen.

Tägliche Antwort der Neutralen: Schweizer Flagge vorm Kanzleramt

Kleiner Trost für die Schweizer: Sollte Steinbrück in einem Jahr tatsächlich der Einzug ins Bundeskanzleramt gelingen, hat er ausgerechnet die eidgenössische Flagge vor seinem Fenster. Sie ist nicht zu übersehen. Das rote Quadrat mit dem weißen Kreuz weht vom Dach der Schweizerischen Botschaft. Und die steht unmittelbar vor dem Kanzleramt. Dort wirkt sie wie ein Fort.

Ewald König

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