Logenplatz der Zeitgeschichte

Die Leipziger Straße in Berlin-Mitte, ideal für Demos aller Art (Foto: dpa)

Wie politisch konfrontativ die Plattenbauten in der Leipziger Straße von Berlin-Mitte waren, ahnt heute kaum einer der Durchrasenden. Wohnen zwischen zwei Welten, hart an der Grenze zweier Machtblöcke – mehr Mitte geht nicht. Die Leipziger Straße als Logenplatz der Zeitgeschichte. Ein Lokalaugenschein.

"Nie wieder will ich hier zu tun haben!" Das schwöre ich mir auf dem Betonmittelstreifen der Leipziger Straße in Berlin, Hauptstadt der DDR, ein paar Jahre vor der Wende.

Mitternacht ist längst vorbei, als ich den Checkpoint Charlie hinter mir habe. Novembernebel hängt zwischen den Plattenbauten. Kalte Nässe frisst die Schuhsohlen auf. Die Trabi-Luft ist zum Beißen dick. Kein Taxi, das mich samt Gepäck ins Interhotel bringt. Bei diesem Wetter interessiert sich nicht einmal die Staatssicherheit für mich, deren Hauptverwaltung II/13 ich sonst ein paar Eintragungen in der Karteikarte wert bin. Heute nicht. Ich schleppe den Koffer zu Fuß ins Devisenhotel Metropol (heute Maritim proArte) in der Friedrichstraße.

Und genau an dieser Stelle in der Leipziger Straße – exakt in dem Haus, vor dem ich damals geflucht hatte – bekam ich später vom DDR-Dienstleistungsamt für ausländische Vertretungen meine Bürowohnung als Korrespondent zugewiesen. Als einer der ganz wenigen, die trotz des Bonner Wohnsitzes zeitgleich in der DDR zugelassen wurden. Strategisch gut gelegen, das Internationale Pressezentrum und der Checkpoint Charlie ganz nahe.

In welch konfrontativen Wohnbau ich da eingezogen bin, bekomme ich erst im Lauf der Zeit mit.

Lokalaugenschein: Die Plattenbauriegel auf der einen Seite der Leipziger Straße, Stahlbetonskelettmonstren auf der anderen. Bollwerke auch heute noch. Warum sie „Springerdecker“ genannt wurden, sei später verraten.

Mitte heißt der Bezirk, er liegt zwischen Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Berg! Ortsunkundige könnten meinen, Mitte liege in einem Tal. Dabei überragt meine Wohnung im elften Stock (nach DDR-Zählung war es der zwölfte) vermutlich die höchsten Erhebungen dieser „Berge“.

Die Tugend von gegenüber

Meine Gegenübernachbarin auf der Nordseite ist die Tugend in Person. Wortwörtlich gemeint. Die „Siegende Tugend“ ist eine sieben Meter große Allegorie, komplett vergoldet. Sie ziert die Kuppel des 70 Meter hohen Deutschen Doms und wacht protestantisch-sinnenfeindlich über dem Gendarmenmarkt. Sie sollte die Berliner im Auftrag von Friedrich II. stets an die preußischen Tugenden erinnern. Aber niemand beachtet sie da oben. Außer mir.

Abgesehen von meiner Tugend habe ich alles im Blick, weswegen Touristen nach Berlin kommen: die Spitze des Sony-Center, Reichstagskuppel, Synagoge, Bode-Museum, Hedwigs-Kathedrale und Berliner Dom, die Türme von Marienkirche und Rotem Rathaus und natürlich den Fernsehturm. Zum Greifen nah stehen der Deutsche und der Französische Dom (beide waren nie Dome) auf dem Gendarmenmarkt, der Nobelbühne von Mitte, der als einer der schönsten Plätze gilt.

Nach Süden fällt der Blick auf den in der Abendsonne goldglänzenden Axel-Springer-Bau.

Mehr Mitte geht nicht

Mein Plattenbau in der Leipziger Straße stand damals hart an der Grenze zweier Machtblöcke. Heute steht er genau dort, wo auf dem Berlin-Stadtplan ein Zirkel seinen Einstich hätte.

Abgesehen davon, dass Berlin eigentlich gar keine Mitte hat, liegt sie hier in der Leipziger Straße. Die Kartographen messen von hier aus alle Entfernungen von und nach Berlin. Die Kilometerangaben auf den Autobahntafeln Richtung Berlin beziehen sich allesamt fast punktgenau auf meinen Plattenbau. Auch die U-Bahn-Station heißt "Stadtmitte".

Zentral zu wohnen, heißt aber auch: 80.000 Autos pro Tag brausen hier vorüber. Als wollten alle 2,1 Millionen Westberliner und die 1,3 Millionen Ostberliner tagtäglich an uns vorbei die Stadthälfte wechseln.

Von „Wir sind das Volk“ bis Hartz IV

Kräne, Bagger, Presslufthämmer, alles was Lärm, Abwechslung und Straßensperren bringt. Typisch für Berlin: Nie fertig, ständig im Werden, und immer lautstark.

Einsatzfahrzeuge. Staatsbesuche – gelegentlich gleich drei am Tag, Marathonläufe,  Demonstrationen, einst „Wir-sind-das-Volk!“, dann Hartz IV, Wahlkampfkundgebungen.

Zwischendurch legen Filmaufnahmen das Alltagsleben lahm. Allmählich müsste jeder Fernsehkrimi und jeder Werbespot den Gendarmenmarkt oder die Leipziger Straße als Kulisse gehabt haben.

Den Rest besorgen die Umzugswagen. Mitte ist der mit Abstand umzugsfreudigste Bezirks Berlins, beweisen die Mobilitätsstudien der Stadtentwicklungsforscher.

An die 10.000 Menschen wohnen in der Leipziger Straße allein zwischen Spittelmarkt und Leipziger Platz. Die Bevölkerungsstruktur von Mitte zeigt die meisten Single-Haushalte ganz Deutschlands. Hier leben fast nur Menschen unter 45. Kinder sind eine Rarität.

Austausch der Bevölkerung

Mitte ist der am meisten ost-west-durchmischte Bezirk Berlins. Seit der Wende fand hier der größte Bevölkerungsaustausch ganz Berlins statt. Mehr als 85 Prozent der Mitte-Bewohner sind seit dem Fall der Mauer ausgewechselt. Zugezogene Westberliner wird man unter ihnen keine finden. Keiner berlinert hier. Und auf den Radwegen in Mitte liegen nicht ganz so viele Scherben von Bierflaschen wie in anderen Bezirken.

Vor dem Krieg war die Leipziger Straße pulsierende Einkaufsmeile, Wertheim das größte Kaufhaus Europas. Zu DDR-Zeiten galten die Plattenbauriegel als beliebte Bummel- und Shoppingstraße. Doch seit der Wende stehen fast alle Geschäftslokale leer. So weit der heutige Zustand.

Axel Springer lässt grüßen

Der Zustand zu DDR-Zeiten: Kaum wo auf der Welt – von der israelischen Siedlungspolitik am Gazastreifen vielleicht abgesehen – findet man solche geopolitisch angelegten Wohnbauten wie in der Leipziger Straße: In Beton gegossene Konfrontation zwischen Kommunismus und Kapitalismus über den Mauerstreifen hinweg.

Die Hochhäuser in der Leipziger Straße gehen indirekt auf Axel Springer zurück. So lautet eine unausrottbare Legende. Oder stimmt es etwa doch?

Als Nikita Chruschtschow 1958 mit seinem Berlin-Ultimatum die westlichen Alliierten in die Knie zwingen wollte, zogen viele Firmen ihre Zentrale aus Berlin ab. Axel Springer jedoch ging in die Offensive. Zwei Tage vor Ablauf des Ultimatums legte er den Grundstein für sein Verlagshaus. Er baute es – massiven Warnungen zum Trotz – in die Kochstraße im einstigen Medienviertel direkt an die Zonengrenze. Nach seinem ersten Bauabschnitt stellte die DDR Mauer und Todesstreifen unmittelbar neben die Springer-Baustelle hin. Heute zeigt eine Linie aus Pflastersteinen auf der Fahrbahn an, wie knapp die Mauer neben dem Hochhaus verlief.

Legenden und „Wessigerüchte“

Das Verlagszentrum war eine 19-stöckige Provokation für den Osten. Die DDR reagierte – so die gängige Darstellung – auf diese Provokation des Axel-Springer-Hochhauses, indem sie auf der Südseite der Leipziger Straße vier Plattenbauten mit 1.376 Wohnungen in jeweils 25 Stockwerken aufzog. Sie sollten mit ihren achtzig Metern Höhe die Sicht auf den 68 Meter hohen Springer-Bau verstellen. Daher der Beiname „Springerdecker“.

Der Architekt dieser Bauten und des Straßenzuges bestreitet dies vehement.

Ich treffe Professor Joachim Näther, als er achtzig Jahre alt ist, in seinem Lieblingscafé am Alexanderplatz und frage den ehemaligen Chefarchitekten (1963 bis 1973) der DDR über die Planungsvorgaben, die er in Bezug aufs Axel-Springer-Haus bekommen habe. "Darüber kann ich nur lachen!", poltert er. "Das ist eine Westente!"

Sein Auftrag sei gewesen, die Straße mit Wohnungen und gesellschaftlichen Einrichtungen zu bebauen. "Es gab überhaupt keine Vorbedingungen!" Er räumt ein, dass eventuell Politiker der SED solche Motive gehabt haben könnten. Er selber, so Näther, habe sich immer frei gefühlt.

Die Legende von den Lautsprechern

Dass vom Flachdach des Springer-Baus aus Nachrichtenschlagzeilen aus der freien Welt in Richtung DDR gelaufen sind, ist eine Mär. Die Lichtreklame "Axel Springer Verlag" wurde schon kurz nach Baufertigstellung montiert, und das Lichtband mit den Nachrichten, das tief nach Ostberlin hinein zu sehen war, stammte vom ebenfalls in der Kochstraße gelegenen GSW-Haus, der Verwaltungszentrale der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft aus den fünfziger Jahren.

Auch die Legende mit den Lautsprechern entspricht nicht den Tatsachen. Es war nicht Springer, der Informationen oder Parolen aus dem Westen über Lautsprecher an die DDR-Bevölkerung richtete, sondern der Berliner Senat. Und die Lautsprecher waren nicht am Springer-Bau angebracht, sondern teils an VW-Bussen, teils an festen Stellen entlang der Mauer.

Die Legende von den Rolling Stones

In einer anderen Legende spielen die Rolling Stones die Hauptrolle. Der Moderator eines Westberliner Rundfunksenders erlaubte sich einen Spaß, indem er sagte. es wäre doch toll, wenn zum zwanzigsten Geburtstag der DDR (1969) die Rolling Stones auf dem Dach des Springer-Hauses spielen würden. In Ostberlin nahmen das viele ernst. Hunderte Jugendliche versammelten sich in der Leipziger Straße, um sich einen guten Blick aufs Springer-Flachdach zu sichern. Indes, dort gab es keine Rolling Stones. Die Jugendlichen drehten stattdessen ihre Transistorradios auf volle Lautstärke, es gab Tumulte, einige wurden verhaftet.

Die Legende von den FDJ-Farben

Eine weitere Legende, die sogar Ostberliner Fremdenführer ("Stadtbilderklärer") kolportierten, betrifft das typische Blau der Balkonverkleidungen in der Leipziger Straße. Es ist exakt die Farbe der einstigen FDJ-Hemden. Aus der ganzen Republik waren Mitglieder der Freien Deutschen Jugend 1976 nach Berlin geholt worden, um am Projekt "FDJ-Initiative Berlin" teilzunehmen – "zum Aufbau der sozialistischen Hauptstadt". Wie sie anderswo zum Abdichten von Dächern oder Bauen von Wasserleitungen eingeteilt wurden, engagierten sich die Jugendbrigaden in der Leipziger Straße an den neuen Plattenbauten. Und als Zeugnis durften sie, so heißt es, ihr typisches FDJ-Blau an den Balkonbrüstungen hinterlassen.

Diese Legende ärgert Joachim Näther erst recht: "Auch das sind Wessigerüchte, die zum Himmel stinken!"

Legende oder nicht?

Offen bleibt die Frage, warum die SED-Führung eine autobahnähnliche Verkehrsader in Richtung Westen errichten ließ, die kurz vor der Mauer abrupt aufhörte. Näthers Darstellung: Es habe unter den Stadtplanern Ostberlins und Westberlins Kontakte und Treffen gegeben. Dabei habe man unter Kollegen weiter als die Politiker gedacht und den Kreislauf der Stadt auch nach einer möglichen Überwindung der Teilung berücksichtigt. Die andere Version lautet: Diese städtebauliche Planung dokumentiert die Absicht der DDR, Westberlin eines Tages in ihr Territorium zu übernehmen. In diesem Falle wäre die Mauer auch überflüssig geworden und die Leipziger Straße fortgesetzt worden.

Kein Fenster zum Todesstreifen

Wohnen durften hier nur verlässliche Genossen. Kader, die der Logenplatz mit Blick auf Westberlin und die Nähe zum "reaktionären Springer-Konzern" nicht zur Republikflucht animierte. Dennoch gibt es, obwohl südseitig, keine Fenster aus den vier Wohnblöcken. Der direkte Blick auf den Todesstreifen und die Grenzbefestigungsanlagen war tabu. Umgekehrt verzichtete auch der Springer-Bau auf Fenster in Richtung Ostberlin.

Auf der Nordseite der Leipziger Straße entstanden halb so hohe Wohnriegel. Auch hier wohnten vorwiegend Funktionäre, Parteigetreue sowie viel ausländisches Diplomatenpersonal. Denn die Jahre der Plattenbauerrichtung waren gleichzeitig die Jahre der – ohnehin späten – internationalen Anerkennung der DDR. Mit den neuen Botschaften und Handelsvertretungen kamen viele Mitarbeiter, die unterzubringen waren.

Und etliche Korrespondenten wohnten hier. Fritz Pleitgen, der 1977 für fünf Jahre als ARD-Korrespondent hierherkam und Lothar Löwe ersetzte, der wegen kritischer Berichterstattung ausgewiesen worden war. Er wohnte auf Nummer 66.

Stasi-Einbrüche und Zeitschriftenhandel

In der Nebenstiege, Leipziger Straße 65, wohnte Joachim Jauer im siebenten Stock. Er war von 1978 bis 1982 Korrespondent für das ZDF.

ZDF und ARD waren für die Regierung in Ostberlin enorm wichtig, weil sie auch von den DDR-Bürgern gesehen wurden. Deshalb wurden diese Korrespondenten einerseits misstrauisch bewacht, andererseits von Honecker auch jovial behandelt.

Jauer erzählte einmal im Deutschlandfunk: “Ich habe in der Leipziger Straße gewohnt, wie ich heute weiß, sehr stark beobachtet von der Staatssicherheit. Abgehört, möglicherweise auch gefilmt. In die Wohnung ist eingebrochen worden. Das hat dazu geführt, dass ich immer einen Aktenkoffer mit mir herumgeschleppt habe, auch nach Westberlin. Den habe ich nicht in der Wohnung gelassen.” Auch der Hausmeister sei auf ihn angesetzt gewesen: “Der passte auf, dass wir keinerlei Zeitungen, Zeitschriften aus dem Westen hinterließen. Diese Zeitungen oder Zeitschriften mussten in einem Extra-Kasten nach seinem Wunsch entsorgt werden. Er hat damit, wie wir später erfahren haben, einen schwunghaften Handel getrieben.”

Warum in vielen dieser Wohnungen gleichsam eine Ecke fehlte, welcher besondere "Gesprächsfaden" vom IPZ in meinen Plattenbau führte und welche Nachbarn ich in der Leipziger Straße hatte, steht im nächsten Kapitel.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

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