Kaum schlossen in Italien die Wahllokale, begann der atemberaubende Hochrechnungskrimi. Ergebnis: Das Land ist so gut wie unregierbar. Die italienische Politik läuft Gefahr, sich selbst zu blockieren. Mitte-Links errang im Abgeordnetenhaus die Mehrheit, doch Berlusconis Bündnis ist im Senat so stark, dass es jedes Gesetz blockieren kann. Der Kabarettist Beppe Grillo errang einen Sensationserfolg.
Das Wahlergebnis:
29,54 Prozent für Pier Luigi Bersani (Mitte-Links)
29,18 Prozent für Silvio Berlusconi
25,55 Prozent für den Kabarettisten Beppe Grillo und
10,56 Prozent für den scheidenden Regierungschef Mario Monti.
Boykott im Senat
In der Nacht auf Dienstag wurde immer klarer, dass Silvio Berlusconi mit seinem Bündnis im Senat so stark sein wird, dass er jedes Gesetz boykottieren kann, das der Mitte-Links-Wahlsieger Bersani einbringt. Bersani errang die Mehrheit im Abgeordnetenhaus, wird aber große Schwierigkeiten haben, Reformen durchzusetzen. Reformen hätte Italien indes dringend nötig.
Im Abgeordnetenhaus nur 0,4 Prozent Vorsprung
Sein Vorsprung im Abgeordnetenhaus gegenüber Berlusconi beträgt nur 0,4 Prozent.
Weitere Überraschungen: das unerwartet starke Abschneiden des Polit-Clowns Beppe Grillo und das bescheidene Ergebnis des bisherigen Ministerpräsidenten Mario Monti. Grillo erreichte mit seiner Protestbewegung "Movimento 5 Stelle" (Fünf Sterne) ein Viertel der Wählerschaft und konnte die meisten Proteststimmen einsammeln.
Der scheidende Regierungschef Mario Monti konnte dagegen nur knapp mehr als zehn Prozent auf sein bürgerliches Bündnis vereinigen.
Die Börse in Mailand legte – passend zur Stimmenauszählung – eine Berg- und Talfahrt hin: Zunächst reagiert sie euphorisch auf den sich abzeichnenden Sieg von Pier Luigi Bersanis Mitte-Links-Bündnis in Italien. Der italienische Leitindex FTSE MIB baute seine Gewinne nach Schließung der Wahllokale aus und lag 3,8 Prozent im Plus. Auch außerhalb Italiens reagierten die Märkte zunächst positiv. Dann aber bröckelten die Gewinner wieder.
Wegen der Pattsituation – das Kopf-an-Kopf-Rennen dauerte bis tief in die Nacht – hielten sich Politiker, Parteienforscher und Analysten mit Reaktionen und Erklärungsversuchen zurück. Erst am heutigen Dienstag gibt es Reaktionen.
ekö

