Helmut Kohl, Willy Brandt und der Bananenfaktor

Willy Brandt (76) auf Wahlkampftour in der DDR. Am Nachmittag des 4. März 1990, zwei Wochen vor der Volkskammerwahl, sprach er in Gera auf dem Platz der Republik (Foto: Bundesarchiv)

Die einzige demokratische Wahl der DDR war die Volkskammerwahl vom 18. März 1990. Der Wahlkampf war schlicht abenteuerlich. Westpolitiker erdrückten die Ostwähler. Ich begleitete Helmut Kohl, Willy Brandt und andere auf vielen Kundgebungen. Die Banane wurde zum deutsch-deutschen Symbol.

Das liest sich heute so leicht: „Am 18. März 1990 fand die Volkskammerwahl statt, die erste demokratische Wahl in der DDR.“ Aber hinter diesem nüchternen Satz verbergen sich Verunsicherung, Aberglaube, naives Kalkül, Idealismus, Rachegelüste, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Stolz, Seelenqualen und jede Menge Hoffnungen.

Das Volk war aufgewühlt. Ich habe damals Wahlkampfkundgebungen ohne Ende mitgemacht. Bei der damaligen Infrastruktur war jede Veranstaltung ein Abenteuer.

Eine Südfrucht spielte im Wahlkampf eine große Rolle. In der DDR hatte es fast nie Bananen gegeben. Der Nachholbedarf war nach dem Mauerfall so riesig, dass Anfang der Neunziger Jahre der Pro-Kopf-Verbrauch an Bananen im Osten Deutschlands fast doppelt so hoch war wie der im Westen. 

"Zu Affen gemacht"

Bananen mit CDU-Aufklebern tauchten an vielen Plätzen auf. Kein Wunder, dass der SPD-Politiker Otto Schily, nach der Volkskammerwahl um einen Kommentar zum CDU-Sieg gebeten, wortlos grinsend eine Banane aus der Tasche zog und in die Fernsehkamera hielt. Worauf im Bundestag debattiert wurde, ob Schily damit die Ostdeutschen „zu Affen gemacht“ habe (Zitat Innenminister Wolfgang Schäuble).

Die CDU hatte entgegen allen Prognosen die Volkskammerwahl mit 40,8 Prozent der Stimmen gewonnen, die SPD wider Erwarten verloren. Bis zur Wahl hatte die SPD als Favorit gegolten. Am Bananenfaktor allein dürfte das nicht gelegen haben.

Wahlkampfeinsatz mit 76

Willy Brandt war immerhin schon 76 Jahre alt, als er vor der Volkskammerwahl als Wahlhelfer für die DDR-SPD in Gera, Eisenach, Erfurt, Wismar, auf dem Martkplatz von Eberswalde, auf dem Hauptmarkt von Zwickau und auf dem Platz der Nationen (heute Luisenplatz) in Potsdam auftrat.

Ich durfte ihn zur Kundgebung in Potsdam am 11. März 1990 begleiten – nicht irgendwo mitten unter den Leuten, sondern direkt an seiner Seite. So kämpferisch er dann am Mikrofon war, so merkwürdig nachdenklich war er zuvor beim Hingehen. Es war ein schweres Schweigen bei schwerem Gang.

So etwas kam bei ihm durchaus öfter vor. In seinem Wohnort Unkel am Rhein (nahe Bonn) erzählte ein Nachbar, der ihn auf dem Weg zum Bahnhof sah und mit dem Auto nach Bonn mitnahm, dass Brandt auf der ganzen Fahrt kein einziges Wort gesprochen habe – "als ob er im Kopf einen Artikel schreibt".

In Potsdam lief sicher mehr als nur ein Artikel in Willy Brandts Kopf ab. Er bewegte sich bedächtig, als müsse er noch überlegen. Sicher nicht über Bananen und Banalitäten, die er gleich dem Wahlvolk versprechen oder was er für die Sozialdemokraten noch an Prozenten retten könne. Sondern Höheres, nämlich wie es jetzt mit Deutschland, Europa und der Welt wohl weitergehen würde.

Friedensnobelpreisträger zu sein und Urheber des Satzes „Es wächst zusammen, was zusammen gehört“, verpflichtet eben.

Von diesem Potsdamer Auftritt, zu dem ich ihn begleiten durfte, kann ich sagen, was nicht jeder Korrespondent behaupten kann: Ich habe zusammen mit Willy Brandt geschwiegen.

Doch bevor wir ihm bei der Kundgebung am 11. März in Potsdam zuhören, verfolgen wir zunächst den damaligen Bundeskanzler.

Magdeburg: Kein guter Tag für Helmut Kohl

Helmut Kohl wahlkämpfte am 6. März 1990 in Magdeburg. Es war kein guter Tag für ihn. Die Lastautos von „Jägermeister“ mussten halbvoll wieder zurück in die BRD fahren. Für 75.000 Menschen hatte die Firma Kräuterlikör zur Gratisverkostung gebracht, aber höchstens 25.000 waren gekommen. Der Auftritt in Magdeburg war bis dahin der Tiefpunkt in Helmut Kohls Werbetour zugunsten der bürgerlichen „Allianz für Deutschland“, die bei der DDR-Volkskammerwahl am 18. März gegen einen mächtigen Gegner, die Sozialdemokraten, antrat.

Nur 25.000 Neugierige, das war ernüchternd für die CDU-Wahlkampfstrategen, die sonst gewohnt waren, erst bei 100.000 zu zählen anzufangen. Der Nieselregen, den der Wind zusammen mit dem unverständlichen Lautsprecherdröhnen in die Gesichter peitschte, reduzierte jegliches Interesse.

Als Kohl nach (trotzdem) eineinhalbstündigem Wahlkampfreden und fünfminütigem Wahlkampfschweigen (wegen des betörenden Glockengeläutes von Sankt Mauritius) seinen Auftritt in der traditionell roten Stadt zu Ende brachte, waren auf dem Magdeburger Domplatz nur noch ein paar tausend Menschen. Aber ein Teppich Zehntausender Flugblätter bedeckte das Pflaster.

Nachhilfe in Marktwirtschaft: Bananen, Autos, Waschmaschinen

Hefte mit dem CDU-Wirtschaftsprogramm lagen klatschnass auf dem Boden. Die Zeichnungen in den Broschüren erklärten den DDR-Bürgern, welcher Luxus durch die soziale Marktwirtschaft erschwinglich wird: Auto, Waschmaschine, Fernseher, Banane.

Die Rufe „Helmut, Helmut!“ fielen diesmal sehr schwach aus. Hier konnte sich der CDU-Vorsitzende keine Kraft holen nach einem Arbeitstag, der äußerst anstrengend war. Fast wäre die Koalition in Bonn geplatzt, weil er mit neuen Junktims zur Polengrenze noch einmal einen Alleingang gewagt und auf einen Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes bestanden hatte.

Die Supermächte verschreckt

Die Parteien, die Massenmedien, die Nachbarländer, die Supermächte, sie alle hatte Kohl verschreckt, das Echo war weltweit verheerend. In der Krisensitzung mit den Koalitionspartnern musste er den Liberalen nachgeben und vor den Fernsehkameras eingestehen, Fehler gemacht zu haben.

Und indirekt leistete er, ohne es zu wollen, der FDP Wahlkampfhilfe, weil Außenminister Hans-Dietrich Genscher wieder einmal als Garant einer stabilen Außenpolitik bestätigt wurde.

Kein guter Tag also für Helmut Kohl, die Magdeburger entschädigten ihn nicht. Als er endlich seinen Schlusssatz sprach – „Gott segne unser deutsches Vaterland!“ – und die Leute aufgefordert wurden, „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ mitzusingen, lief schrecklich verzerrte Kassettenmusik über die Boxen. Kaum jemand machte mit.

Rüffel vom Bundespräsidenten

Zur selben Stunde bekam Kohl von seinem Partei"freund", dem Bundespräsidenten, einen Rüffel. Hätten die Versammelten vom Domplatz nun die Radionachrichten einschalten können, hätten sie Richard von Weizsäckers Warnung vernommen, der sich „nachdrücklich“ gegen Bestrebungen in der Regierungskoalition wandte, die Wiedervereinigung ausschließlich über den Anschluss der DDR auf der Basis von Artikel 23 des Grundgesetzes zu vollziehen.

Dies werde „zunächst und vor allem in der DDR entschieden“, sagte Weizsäcker. Und die deutsche Einheit solle nicht über einseitigen wirtschaftlichen Druck auf die DDR durchgesetzt werden. Zu große Hast würde einen „ungesunden“ Zustand hervorbringen.

Bevor Kohl abtrat, gab’s noch Auseinandersetzungen mit jungen Leuten, die mit DDR-Fähnchen, "Alles Lüge!"-Transparenten und Pfiffen protestierten. "Rote raus!", riefen ein paar CDU-Anhänger. Kohl vermutete, dass die Krawallmacher extra aus Braunschweig herübergekommen seien, um hier zu stören.

Die Eile, mit der die Bonner Regierung die Vereinigung beider deutscher Staaten vorangetrieben hatte, war zu spüren. Sie wirkte sich auf die Stimmung in der DDR-Bevölkerung aus. 311 Jahre lang hatte man am Magdeburger Dom gebaut, vor dem Kohl den Eindruck vermittelte, er könne keine 311 Tage mehr warten, bis die zwei Länder "ein einig Vaterland" seien.

"Nehmt die Bananen, woher ihr sie kriegt"

Zurück zu Potsdam, zurück zu Willy Brandt. "Nehmt die Bananen, woher ihr sie kriegt! Aber wählt, was ihr für richtig haltet!" Willy Brandt spielt auf die Lkw-Ladungen voll Bananen an, die – mit CDU-Aufklebern versehen – zuvor an anderen Plätzen verteilt worden sind.

Willy Brandt hat keine Bananen mitgebracht, aber gute Tipps und weise Worte.

"Wählt, was ihr für richtig haltet!" ist indes eine Aufforderung, der nachzukommen den DDR-Wählern sehr schwer fällt. Ein großer Teil ist wenige Tage vor der Volkskammerwahl immer noch unschlüssig; ein Teil ergeht sich in taktischen Berechnungen; ein Teil hat Angst, die Bonner Regierung könnte der DDR ihre Hilfe versagen, wenn hier "falsch" gewählt werde.

Brandt hat in seinen Wahleinsätzen und Gesprächen die jüngste Phase der Hoffnungslosigkeit und Ängste registriert, die längst die Aufbruchstimmung verdrängt hat. Er redet den Leuten Mut zu: "Lasst euch nicht die Schneid abkaufen!" Er appelliert ans Selbstbewusstsein der DDR-Bürger und erinnert immer wieder an Würde und Anstand.

"Brav verhalten" wegen Bonn

Das in den jüngsten Tagen verbreitete Argument, man müsse sich „brav verhalten“, damit aus Bonn auch das Geld komme, kontert Brandt mit der Frage: „Glaubt jemand, die DDR-Bürger sind zu kaufen?“ Das Kapital komme ja nicht aus der Privatschatulle des Bundeskanzlers!

Der 76-jährige Brandt zieht als „Mister Wiedervereinigung“ durchs Land. Als Ehrenvorsitzender sowohl der west- als auch der ostdeutschen SPD warnt er vor einem "Anschluss". Der Artikel 23, nach dem die Bonner Koalition die DDR einfach „beitreten“ lassen wolle, sei ein Holzweg. Statt sich anzuschließen, müssten zwei gleichberechtigte Partner aufeinander zugehen.

In drei Etappen stellt sich Brandt die deutsche Einheit vor. Vom Balkon auf den Platz der Nationen sprechend, gibt er Kostproben seines Könnens, schwierige Dinge sehr populär zu formulieren.

Die erste Etappe, die der Währungsunion, solle so rasch wie möglich nach der Wahl verwirklicht werden. "Der östliche Teil Deutschlands wird schon in wenigen Jahren der modernere sein."

Siegermächte? "Wir wollen ja wieder unter uns sein"

Der zweite Abschnitt betreffe Deutschlands künftigen Status und würde bis ins kommende Jahr hineinreichen. Neutralität würde nicht klappen, dazu sei Deutschland zu groß. „Und wir sollten von deutschem Boden aus Gorbatschows Arbeit nicht unnötig erschweren.“ Man müsse ein neues Sicherheitssystem finden. „Wie lang sollen Truppen der Siegermächte noch in Deutschland stationiert sein?!“, fragt er rhetorisch. „Einmal wollen wir, 45 Jahre nach Kriegsende, ja wieder unter uns sein.“

Ignorieren dürften die Deutschen aber die Rechte der Alliierten auch nach erreichter Einheit nicht: "Die deutsche Einheit ist zuerst eine Sache der Deutschen selbst, aber eben nicht nur ihre eigene."

"Verfassung nicht sklavisch übernehmen"

Erst in der dritten Phase sollte das gemeinsame Dach, eine Verfassung, geschaffen werden. Obwohl er das Grundgesetz für eine gute Verfassung halte, sollten es die DDR-Bürger "nicht sklavisch übernehmen".

Mit der Zahl der Zuhörer bei DDR-Veranstaltungen aller Parteien mit massiver Westhilfe hat es eine eigene Bewandtnis. 60.000 sollen es bei Brandt gewesen sein. Ähnlich wie bei früheren Angaben zu CDU- und FDP-Kundgebungen hat man aber auch hier den Eindruck, dass die Schätzungen der westlichen Wahlkampfhelfer und jene der DDR-Funktionäre einfach addiert wurden. Eine andere Schätzung gibt der Brandt-Veranstaltung nur 5.000 Zuhörer, was wiederum entschieden untertrieben ist.

Immer öfter angewidert – außer von Willy Brandt

Fest steht, dass die Auftritte westlicher Politprominenz in diesen Tagen nicht mehr so gut ankommen wie zu Beginn des Wahlkampfs. Viele Empfindlichkeiten der DDR-Bürger werden getroffen, wenn Parteigrößen aus dem Westen übereinander herziehen. Das stößt hier ab, das will niemand, das verkraften die Menschen nicht mehr, die ein paar Monate nach der Wende – mehr oder weniger angewidert – das Interesse an der Politik verloren haben.

Die massive Einmischung aus dem Westen erfolgt durch Politprominenz, die bei dieser Wahl gar gewählt werden kann noch selbst wählen darf. Eine solche Materialschlacht haben die DDR-Bürger noch nie gesehen. Um beispielsweise Kohls Auftritte anzukündigen, kommen autobusweise CDU-Helfer aus dem Westen und kleben über Nacht eine ganze Stadt mit vielen Zehntausenden Plakaten zu.

Willy Brandt ist eine Ausnahme, weil er nicht als Parteisoldat kommt, sondern in der Rolle eines Staatsmanns, der den Vereinigungsprozess begleiten will. Denn "dass ich einer Partei angehöre, hat sich ja herumgesprochen".

Unter den Zuhörern sind nicht nur Fans. Viele ärgern sich, dass die prominenten Helfer aus dem Westen die Kandidaten aus dem Osten von der Tribüne drängen. „Ich denke, WIR wählen!“, meint ein 71-jähriger PDS-Anhänger. Denn es sind nicht Willy Brandt oder Helmut Kohl oder Hans-Dietrich Genscher, die in der DDR kandidieren. Der eigentliche SPD-Kandidat heißt Ibrahim Böhme. Aber wie die anderen Parteichefs hat auch er nicht viel zu vermelden, und so wie kurz zuvor CDU-Spitzenkandidat Wolfgang Schnur muss auch Ibrahim Böhme wegen seiner Stasi-Vergangenheit aufgeben.

Neuland für Meinungsforscher

Die Umfragen der letzten Tage vor der Wahl bieten ein diffuses Bild. Die DDR ist auch für die Meinungsforschungsinstitute absolutes Neuland. Dazu kommt das rasante Tempo der Stimmungsschwankungen. Kaum werden Zahlen veröffentlicht, sind sie schon überholt.

So präsentiert die (Ostberliner) Akademie der Wissenschaften einen Tag nach Willy Brandts Potsdam-Gastspiel eine Umfrage vom Stand Anfang März. Die nicht einmal eineinhalb Wochen alten Antworten passen gar nicht mehr ins aktuelle Meinungsbild. 37 Prozent wüssten es demnach noch immer nicht; 23 Prozent würden die SPD wählen, 22 die PDS, nur 4 die CDU, 2 die DSU und nur 1 Prozent die Grünen. Aber: Als Wahlsieger erwarten die Befragten zu 71 Prozent die Grünen!

Eine andere Umfrage fiel für die Sozialdemokraten ernüchternd aus, die sich bereits bei über 50 Prozent vermutet hatten. Nun waren es für sie weniger als 40 Prozent, für die CDU deutlich mehr als 30 Prozent. Anlass genug für Willy Brandt, die Leute zu warnen: „Lasst euch nicht irritieren! Manche Meinungsumfragen sind auch gefälscht.“

Schwacher Beifall als präziser Indikator

Als Brandt die DDR-Wahl mit der bevorstehenden Wahl in Nordrhein-Westfalen vergleicht – NRW hat genauso viele Einwohner wie die DDR – und prophezeit, die DDR-SPD werde wie in NRW die absolute Mehrheit haben, da ist der Applaus erbärmlich. Das glaubt ihm niemand mehr. Der schwache Beifall ist – wie wenig später das Wahlergebnis zeigt – ein sehr präziser Indikator für die Stimmung.

„Die Wiedervereinigung wird kommen, da machen wir uns nichts vor“, sagt ein Magdeburger Beamter. „Aber wir sind gegen die Vereinigung mit Haut und Haar, wie sich das der Große Bruder vorstellt.“ Er drückt aus, was offenbar immer mehr Menschen zu dieser Zeit denken, die bemerken, dass die Reden der westlichen Politiker, egal von welcher Partei, doch nur wahltaktische Luftblasen sind und ihnen keine Taten folgen.

Anderen wiederum kann es nicht schnell genug gehen, wie jenem Lehrer, der eigentlich SPD wählen möchte, aber seine Stimme doch der CDU gibt, „damit das Kapital möglichst schnell ins Land kommt, denn das brauchen wir jetzt am dringendsten“. Der Lehrer weiß aber schon jetzt, dass er dafür das übernächste Mal sicher nicht die CDU wählen wird.

Auch Hans-Joachim Siebert will „rasch vereinigt werden“. Der 54-jähriger Ex-Schiedsrichter, der 1974 in Dortmund das politisch „falsche“ Handballteam hat gewinnen lassen und prompt von der SED aus dem Sport rausgeworfen wurde, ist mit seiner Frau eigens fünfzig Kilometer hergefahren, „um das Umfeld zu studieren“. Was die Allianz für Deutschland bietet, sagt beiden zu.

„Es ist so schwer, denn es ist eine Frage der Taktik“, meint ein anderer. „Die SPD darf ja auch nicht zu wenig bekommen.“ Er wisse seine Entscheidung „schon fast“. Die Allianz für Deutschland werde es sicher nicht sein.

Sebastian Pflugbeil: Alle haben die Köpfe abgeschaltet

Ein paar Tage noch bis zur Wahl – „und alle haben die Köpfe abgeschaltet“. Sebastian Pflugbeil vom Neuen Forum, einer der acht Minister ohne Ressort, resigniert, als er im Gespräch mit mir Bilanz zieht. „Wir haben es uns schlimm vorgestellt. Aber es ist viel schlimmer gekommen, als wir je gedacht haben. Und die Regierung kann gar nichts machen.“

Alle haben die Köpfe abgeschaltet: Mit diesem Befund ließe sich der Psychotest eines Volkes abschließen. Bei vielen ist die Vereinigungseuphorie umgeschlagen, doch fügen sie sich ins Unvermeidliche: Die Einheit komme ja sowieso. „Im Prinzip ja“, ist immer wieder zu hören, „aber so wollten wir das nicht.“

Westdeutsche Arroganz, die Gregor Gysi hilft

Westdeutsche Arroganz rund um den Bonn-Besuch von Ministerpräsident Hans Modrow und während des gesamten DDR-Wahlkampfs hat sehr schnell zu später Ernüchterung beigetragen und mitbewirkt, dass die PDS (die alte SED) unter Gregor Gysi seit Tagen in der Gunst steigt.

„Wir Graswurzelleute sind politisch machtlos, die Profipolitiker diskutieren immer noch hinter verschlossenen Türen, und die Bevölkerung sitzt auf den Koffern.“ Als das Volk auf die Straße gegangen sei, so Pflugpfeil, habe es die Weichen endlich selber stellen wollen. „Aber jetzt stellen Helmut Kohl und Hans-Jochen Vogel die Weichen.“

Volkskammerpräsident Günther Maleuda schickt eine Mahnung nach Bonn: “Überlassen Sie unsere Wahlkampftribünen den Kandidaten unseres Landes!” Die Vertreter des zentralen Runden Tisches wollen die westliche Wahlkampfhilfe gleich ganz verbieten. Diesen Aufruf hätten sie sich sparen können. Die bundesdeutschen Politiker “helfen”, wo es nur geht.

Da gibt es die DSU, die von ihrer “Mutter”, der CSU, von lauter Hilfe förmlich erdrückt wird. Um andere politische Gruppierungen kümmert sich niemand. Die Manager der Christdemokraten, der Sozialdemokraten und der Freidemokraten aus dem Westen versorgen die ostdeutschen Brüder und Schwestern mit Logistik, Material, Rednern und Slogans.

Nur die PDS kann sich keine Hilfe erwarten, braucht aber auch keine. Sie ist noch aus SED-Zeiten üppig versorgt, verfügt über erfahrene Leute und technische Infrastruktur.

Kein Papier für Wahlplakate

Die anderen Parteien haben viel zu wenig Papier, keine Fotokopierer, kaum Schreibmaschinen, Transportmittel, Telefone. Als FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff Nachhilfe über Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit geben will, verblüffen ihn die DDR-Liberalen mit der Bitte um Bleistifte.

Während die ostdeutschen Gegenstücke zu den Bonner "Altparteien" alles bis hin zu Computern und Druckmaschinen für den modernen Wahlkampf kriegen, bleiben die Grünen und die Bürgerrechtler von westlicher Hilfe “verschont”. Sie können im Wahlkampf nicht einmal ihre Auftrittstermine bekanntmachen.

In einer aserbeidschanischen Teestube feiert ein Magdeburger Kriminalist mit Frau und Sohn seinen 42. Geburtstag. Kohls Vereinigungstempo hat bei ihm Seltsames bewirkt. Er, der 23 Jahre lang Mitglied bei der SED war und erst im Januar aus der Einheitspartei ausgetreten ist, wird nun doch wieder die PDS (SED) wählen. Der Polizist hat Angst, dass er sich im Kapitalismus seine Drei-Zimmer-Wohnung um 102 DDR-Mark Monatsmiete nicht mehr wird leisten können. Da nimmt er lieber in Kauf, noch weiter auf seine Sitzgarnitur fürs Wohnzimmer zu warten, was er schon fünf Jahre tut.

Aserbeidschanische Volksweisheit 

Vor ihm liegt die Menükarte der Teestube. „Wo man sich einig ist, entsteht Wohlstand“, steht da drauf. Eine uralte Volksweisheit in Aserbeidschan, eine höchst aktuelle in der DDR.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit Merkwürdigkeiten der Volkskammerwahl vom 18. März 1990.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

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Legendäres Titelbild des Satiremagazins "Titanic" vom November 1989 mit „Zonen-Gaby im Glück“ und ihrer „ersten Banane"

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