Griechenland: Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Er macht den Griechen Hoffnung und den Europäern Angst: Alexis Tsipras, Chef von SYRIZA, der "Koalition der Radikalen Linken" in Griechenland. Foto: dpa

Die Griechen haben am Sonntag die Wahl zwischen Pest und Cholera. Doch egal wie sich die Griechen entscheiden, niemand wird einen überstürzten Euro-Austritt Griechenlands riskieren. Ein Kommentar von EURACTIV.de-Redakteur Michael Kaczmarek.

Die Griechen gehen am Sonntag zur Wahl und nur die Fußball-Europameisterschaft scheint die Deutschen vor einer Weltuntergangsstimmung zu bewahren. Nur ein Beispiel: Das Handelsblatt zählt seit Tagen den Countdown bis zur Griechenland-Wahl herunter, hält eine Gebrauchs-Anleitung für den Euro-Austritt bereit, hat bereits errechnet Was die Euro-Krise Deutschland kosten kann und bebildert den Themenblock mit einer Dynamit-Stange. Die Botschaft ist klar: "Für die Griechen geht es am Sonntag um alles oder nichts."

Auch die Financial Times Deutschland (FTD) greift zu einem ungewöhnlichen Mittel: Sie gibt auf der Titelseite vom Freitag (15. Juni) den Griechen eine Wahlempfehlung auf Griechisch und Deutsch: "Widerstehen Sie der Demagogie von Alexis Tsipras und seiner Syriza. Trauen Sie nicht deren Versprechungen, dass man einfach alle Vereinbarungen aufkündigen kann – ohne Konsequenzen. Ihr Land braucht endlich einen funktionierenden Staat. Damit es geordnet regiert wird, empfehlen wir die Nea Dimokratia." Offenbar hat Tsipras die FTD-Redaktion mit seinem Gastkommentar "Mein Rettungsplan für Griechenland", den die FTD tags zuvor abgedruckt hatte, nicht überzeugen können.

Keine Wahlempfehlung

Sollte man den Griechen wirklich eine Wahlempfehlung geben? Die Griechen haben am Sonntag die Wahl zwischen Pest und Cholera: Sie werden die nächsten Jahre leiden – egal, ob sie den erdrückenden Schuldendienst über die nächsten Jahre oder Jahrzehnte fortsetzen oder ob sie sich für einen möglichen Absturz ins Ungewisse entscheiden. Der einzige Unterschied ist, dass sie im zweiten Fall alle Mitglieder der Euro-Zone mitreißen könnten, was globale Folgen haben könnte.

Der Konjunktiv ist bewusst gewählt: Niemand weiß, welche Folgen ein Euro-Austritt Griechenlands hätte. Niemand. Deswegen wird niemand einen Euro-Austritt Griechenlands riskieren. Davon ist Tsipras überzeugt, und davon geht in informellen Gesprächen auch mancher deutsche Politiker aus. Selbst aus deutschen Regierungskreisen gab es gegenüber EURACTIV.de die unmissverständliche, wenn auch inoffizielle Botschaft: Es wird Verhandlungen geben, egal ob mit Tsipras oder mit Antonis Samaras, dem Parteichef der konservativen Nea Dimokratia.

Schließlich gehen die unabsehbaren Folgen eines "Grexit" weit über die Fragen des Geldes, der Wirtschaft und der Solidarität hinaus. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Stabilität in den Regionen des östlichen Mittelmeers, des westlichen Balkans und letztlich in der EU selbst. Griechenland ist ein Dominostein, der nicht nur Spanien und Italien zu Fall bringen kann. "Der Euro muss und wird zusammengehalten werden, weil das Prinzip der Europäischen Integration wertvoller ist als Griechenlands Staatsschulden. Aber auch weil jeder andere Weg ein immer noch nicht kalkulierbares Risiko bedeutet", schrieb Manuel Sarrazin.

Egal wie die Griechen entscheiden: Die kommenden Tage, vielleicht Wochen, werden sehr emotional, hektisch und gefährlich. Doch es ist schlicht unvorstellbar, dass Europas Politiker auf volles Risiko gehen. Wenn sie Griechenland aus der Euro-Zone fallen lassen, dann nur mit einem teuren und engmaschigen europäischen Sicherheitsnetz. Über die Details wird ab Sonntagabend verhandelt.

Michael Kaczmarek

Abonnieren Sie unsere Newsletter

Abonnieren