Europas deutsch-französischer Sockel

Der sozialistische Präsident François Hollande wird der deutsch-französischen Achse wieder mehr Bedeutung geben. Doch dürfe kein Land dem anderen Lektionen erteilen. Foto: dpa

Wie sich zwei notorische Besserwisser-Nationen fünf Jahrzehnte lang immer wieder verständigt haben. Hermann Bohle zum deutsch-französischen Sockel, ohne den in Europa nichts ginge.

"Es lebe die deutsch-französische Freundschaft – vive l’amitié franco-allemande!" So zitierte Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel am vergangenen Sonntag vor der Kathedrale von Reims Frankreichs Staatschef Charles de Gaulle. Er hatte dort vor 50 Jahren, am 8. Juli 1962, die Versöhnung der Erbfeinde von einst "besiegelt". Mit Deutschlands Gründungskanzler Konrad Adernauer, bei einer feierlichen Messe im Dom jener Stadt, die 1870 von den Preußen besetzt, im Ersten Weltkrieg von deutschen Granaten teilweise zerstört und 1945 Unterzeichnungsort  für die bedingungslose Kapitulation des Hitlerreichs war. Unweit von Verdun, wo 1916, vom Februar bis Dezember, 700.000 Soldaten fielen, etwa zur Hälfte Deutsche und Franzosen.

Frankreichs neu gewählter Präsident  François Hollande stand Merkel in nichts nach: "Die tief greifende Bewegung" dieser Freundschaft könnten "keine dunklen  Mächte" ersetzen, "erst recht aber nicht die Dummheit!"

De Gaulle hatte bei seinem triumphalen Staatsbesuch vom 3. bis 9. September 1962 Tausenden auf  dem Bonner Marktplatz zugerufen, was Deutsche sehr lange nicht mehr gehört hatten: "Sie sind eine große Nation!" Mit ihr rief der Visionär einen Bund ins Leben, zu dem sich die politischen Nachkommen heute so entschieden bekennen wie einst. Hollande am Sonntag: "Wir wollen keinem Lektionen erteilen, sondern einfach das Beispiel für Europa geben."

Merkel nennt die nächste Herkulesaufgabe der beiden: "Nachholen, was vor 20 Jahren in Europa versäumt wurde – die politische Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion." Den Weg dahin sieht Hollande in Europas "Integration und Solidarität".

Merkel begreift die jetzigen Aktionen zur Sicherung des Euro als "gelebte" Solidarität – weder an neoliberalen Pur-Ökonomen, die nichts sehen als Geschäfte und Finanzmärkte, noch an Deutschlands scheintreuen Verfassungsfreunden darf das scheitern. Paris und Berlin müssen nun für die neue Politikunion das Dach über den Euro finden. Nämlich für den Teil der EU-Völker, die den unauflöslichen Staatenverband als Schicksalauftrag zum gemeinsamen Überleben verstehen.

Noch knirscht es im deutsch-französischen Gefüge. Hollande ist neu im Amt, und Merkels Europakurs schien bisher nicht immer zu Ende gedacht. Das ändert sich erkennbar. Anlass zu Grabgesängen für das deutsch-französische Duo gibt es nicht. Denn geknirscht hat es da immer.

Berlin und Paris sind seit dem 22. Januar 1963 im Elysée-Versöhnungsvertrag organisiert – und so eng verbunden wie kein Land der Erde mit einem anderen. Die "Entente élémentaire" nannte dies De Gaulle. Das hat sogar zwei Weltrekorde zur Folge: Erstens: Mehr als 2.200 deutsch-französische Städtepartnerschaften, und zweitens: Pro Jahr 200.000 Begegnungen junger Deutscher und Franzosen in 11.000 "Austausch"-Veranstaltungen.

Meinungsstreit zwischen den zwei notorischen Besserwisser-Nationen bleibt trotzdem die Regel. Verständigt aber haben sie sich in den fünfzig Jahren immer.

In England erahnen es manche – dort, wo der franko-germanische Bund zwar von Churchill 1946 proklamiert wurde als Friedensbasis für Europa, ohne dass er in Downing Street heutzutage irgendwen beglückt. Am heutigen Montag meinte der – eher EU-unfrohe – "Telegraph", kaum sei Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy verschwunden, sei "Europe’s new power couple" schon da. Na, bitte.


Hermann Bohle, Genf (Buchautor und langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen)


Link:


EURACTIV.de:
 Merkel und Hollande für mehr Integration in EU (9. Juli 2012) 

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