„Eine Firma kann man leichter führen als ein Land wie Italien“

Paolo Barilla ist Vize-Vorsitzender der italienischen Pasta-Weltmarktführers Barilla. [Salvatore Vinci / 13 Photo]

Pasta-Weltmarktführer Paolo Barilla über die Krise Italiens, die vermittelnde Rolle der Unternehmen – und die Bedeutung der „Fridays for Future“-Bewegung. EURACTIVS Medienpartner WirtschaftsWoche berichtet.

Die italienische Botschaft in Berlin. Paolo Barilla, Vize-Vorsitzender der italienischen Pasta-Weltmarktführers Barilla (Jahresumsatz: 3,5 Milliarden Euro), ist in die deutsche Hauptstadt gekommen, um über Nachhaltigkeit zu sprechen. Doch ein anderes Thema ist in dieser Woche viel präsenter: die Krise Italiens. Die EU-Kommission empfiehlt ein Defizitverfahren gegen Italien – wegen der Schuldenpolitik der Populisten-Regierung der Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung. Doch Italiens Unternehmer tun sich schwer damit, die Regierung zu kritisieren. Auch Paolo Barilla, 58, ist da keine Ausnahme.

WirtschaftsWoche: Herr Barilla, die EU-Kommission erwägt eine Defizitverfahren gegen ihr Heimatland Italien wegen seiner Schuldenpolitik. Wie fühlt sich das an?
Paolo Barilla: Italien hat zwei Gegensätze: die Schönheit – und die unklare Lage, in der wir stecken. Ich frage immer die Touristen, wie sie die Schönheit und diese Situation vereinbaren können. Sie sagen dann immer: Das ist nun mal Italien. Sie haben Recht. Natürlich ist mir die Schönheit lieber. Wir kennen das seit Jahrzehnten. Ich glaube, dass unser Unternehmen versuchen muss, ein positiver Akteur in dieser Situation zu sein – um die Situation zu verändern. Wir müssen mit allen Akteuren zusammenarbeiten, eine gute Richtung aus der Situation zu finden.

EU-Kommission geht wegen Schuldenpolitik gegen Italien vor

Wegen der Schuldenpolitik der Regierung in Rom geht die EU-Kommission gegen Italien vor. Wie die Behörde am Mittwoch, 5. Juni, mitteilte, hält sie angesichts der sich verschlechternden Haushaltslage und Gesamtverschuldung die Einleitung eines Defizitverfahrens für gerechtfertigt.

Die Regierung hat sich ihre Macht durch teure Wahlgeschenke gesichert: Mehr Geld für Rentner, mehr Geld für Arbeitslose. Auf der anderen Seite wurden wichtige Infrastrukturprojekte – wie der Schnellzug Turin-Lyon – gestoppt. Ist diese Wirtschaftspolitik gut für Italiens Unternehmen?
Eine Firma kann man leichter führen als ein Land wie Italien. Es ist die Rolle von Politikern, auf die Emotionen der Bürger zu reagieren – und Stimmungen können nun mal schwanken. Aber Investitionen in die Infrastruktur sind wichtig. Ich kann auch die andere Seite verstehen. Sie haben Infrastrukturprojekte gestoppt, weil sie sagten: Wir sollten nachdenken, bevor wir so etwas umsetzen.

Glauben Sie, dass Italien am Ende aus dem Euro ausscheiden wird?
Nein. Ich bin davon überzeugt, dass es eine Lösung geben wird. Die Mehrheit der Italiener weiß, welche Vorteile ihnen der Euro bietet. Aus der Finanzkrise 2008 haben vor allem viele Mittelständler gelernt, dass sie mehr exportieren müssen, ihnen geht es jetzt gut. Sie wollen auf keinen Fall aus dem Euro ausscheiden.

Es gibt Berichte darüber, dass viele junge, gut ausgebildete Italiener die Heimat verlassen. Haben Sie bereits Probleme, Fachkräfte zu finden?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben hochprofessionelle Mitarbeiter. 4000 unserer 8000 Mitarbeiter arbeiten in Italien und erwirtschaften 45 Prozent unseres Umsatzes. Wir haben übrigens auch in Süditalien eine wundervolle Fabrik.

Wir leben in Zeiten, in denen nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland, Frankreich und Ungarn Populisten auf dem Vormarsch sind. Welche Rolle sollten Unternehmen da spielen?
Wir sind ein Teil Italiens. Barilla ist nur zehn Jahre jünger als der Staat Italien, wir haben schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Wir glauben, dass wir für Italien verantwortlich sind. Wir können mit unseren Lieferanten, den Bauern sprechen, genauso wie mit Behörden. Wir können ein Vermittler sein.

Italien: Salvini siegt, Fünf-Sterne-Bewegung stürzt ab

Die Lega verdoppelte ihr Wahlergebnis gegenüber den nationalen Wahlen im vergangenen Jahr auf jetzt 33,6 Prozent, während die Fünf-Sterne-Bewegung auf 16,7 Prozent abrutschte.

Für Italiens Unternehmer ist es offenbar schwierig, sich zur Regierungsarbeit zu äußern. Warum ist das so?
Jeder meiner Mitarbeiter kann und soll bitte frei seine Meinung nach außen äußern. Es wäre seine Meinung, nicht die Barilla-Meinung. Wenn ich etwas sage, ist das etwas Anderes. Für mich ist das eine delikate Angelegenheit. Vor allem wegen des bekannten Familiennamens.

Wie ist denn die Stimmung bei den italienischen Bürgern?
Die Bürger sind besorgt. Aber sie wollen eine Lösung, und das innerhalb einer kurzen Zeit.

Sie sind in diesen Tagen nach Deutschland gekommen, um „Fridays for Future“-Aktivisten zu treffen und über Nachhaltigkeit zu sprechen. Was haben Sie gelernt?
Sie wollen, dass wir mehr tun – neue Regeln, neue Standards. Sie wollen keine Versprechungen hören. Das finde ich sehr gut. Das ist ein guter Weg, um Druck auf die Politik und uns Unternehmen zu erzeugen. Sie geben uns einen Tritt, die Dinge schneller anzupacken.

Und wie nachhaltig sind Ihre Nudeln, Herr Barilla?
Sehr nachhaltig. Dadurch, dass sie günstig sind, dass sie Kalorien, Nährstoffe enthalten und in vielen Variationen sehr schnell zubereitet werden können. Eins der modernsten Lebensmittel, das es gibt.

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