Die Mythen des Riccardo Ehrman

Die Akteure der Pressekonferenz vom 9. November 1989: Günter Schabowski (auf dem Podium der zweite von rechts), ANSA-Mann Riccardo Ehrman (links auf der Kante des Podiums hockend), "Bild"-Mann Peter Brinkmann (in der ersten Reihe sitzend, den Kopf nach hi

Es gibt Momente, die den Lauf der Geschichte beeinflussen. Zum Beispiel die Fragen zum DDR-Reisegesetz auf Schabowskis Pressekonferenz vom 9. November 1989. Diese Momente sind historisch so wichtig, dass Fakten, Mythen und Ungereimtheiten streng zu trennen sind. Das gilt auch für die Fragen des ANSA-Korrespondenten Riccardo Ehrman.

Bundespräsident Horst Köhler hat dem italienischen Journalisten Riccardo Ehrman das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Überreicht hat es ihm der deutsche Botschafter in Madrid Ende Oktober 2008.

Der Korrespondent der Nachrichtenagentur ANSA habe durch seine Fragen – vor allem: "Wann tritt das in Kraft?" – Politbüromitglied Günter Schabowski auf der internationalen Pressekonferenz zu der Mitteilung gebracht, dass das Gesetz "sofort, unverzüglich" gelte. Somit gilt Ehrman als "Maueröffner".

Ehrman hat – eigenen Angaben und zahlreichen späteren Darstellungen zufolge – mit seiner Frage den Fall der Mauer ausgelöst. Seine eigene Darstellung: "Und ich fragte: ‘Ab wann?’ Und er, Schabowski, sagte: ‘Sofort.’” Nachzulesen in unzähligen Interviews, die Ehrman seither gegeben hat.

Das richtige Stichwort geliefert

Es trifft wohl zu, dass Ehrman das richtige Stichwort geliefert hat, als er Schabowski fragte: „Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?“ In den 53 Minuten seit Beginn der PK hatte noch niemand danach gefragt.

Es trifft aber nicht zu, dass er die – letztlich entscheidenden – Zusatzfragen „Ab wann?“ und „Gilt das auch für Berlin West?“ gestellt hat.

Riccardo Ehrman ist 1929 in Florenz geboren. Er arbeitete unter anderem für die italienische Nachrichtenagentur ANSA als Korrespondent in Kanada und in Berlin. Er lebt seit vielen Jahren mit seiner spanischen Frau in Madrid. Seine ehemaligen Kollegen haben ihn als liebenswürdigen Kollegen in Erinnerung. Allerdings nimmt er es mit Details nicht immer so ganz genau. Er erzählt recht gern und viel. Fakten und Mythen entwickeln dabei ein Eigenleben. Im zwanzigsten Jahr der Maueröffnung entlarvt sich der Achtzigjährige mit neuen Versionen selber als Geschichtenerzähler der Geschichte.

Fakten und Legenden

Nicht um die Verdienste Riccardo Ehrmans zu schmälern, sondern um der Mythenbildung in einem wichtigen Moment vorzubeugen, gebietet es die Chronistenpflicht, Fakten geradezurücken.

Günter Schabowski zog einen passenden Vergleich: Es ist wie beim Fußball. Der eine – hier Riccardo Ehrman – schießt den Ball von der Seite in den Strafraum, und der andere – Peter Brinkmann – schießt dann den Ball ins Tor.

Schabowski ferner: „Was Ehrman jetzt erzählt, ist totaler Quatsch. Ehrman war es nicht allein, der die Dinge in Gang brachte. Die entscheidende Zwischenfrage, nämlich ab wann das gelten soll, kam von Peter Brinkmann, heute Reporter beim Berliner KURIER. Es war wirklich alles zufällig!“

Schabowski kennt beide Journalisten persönlich. In der legendären Pressekonferenz (PK) saßen sie ihm so nah, dass er sie sehr gut sehen und unterscheiden konnte, wann wer welche Frage gestellt hat. Ehrman kauerte mit seinem Notizblock am Rand des Podiums, „Bild“-Korrespondent Brinkmann saß in der ersten Stuhlreihe direkt vor Schabowski.

Im März 2009 führte Schabowski ein Gespräch mit der Auslandspresse in Berlin. Die spanische Rundfunk-Korrespondentin Aurora Minguez – eine gute Bekannte von Riccardo Ehrman – bat Schabowski, noch einmal genau zu erzählen, wie das damals war, als Riccardo diese bekannte Frage gestellt habe.

Auch zu ihrer eigenen großen Verblüffung stellte Schabowski erst einmal richtig, dass es nicht Ehrman, sondern Peter Brinkmann gewesen sei, der die auslösende Frage gestellt habe. Ehrmann habe nur vorher das Thema Reisegesetz aufs Tapet gebracht.

Italienische Interpretationen

Um großzügige Deutungshilfen ist Ehrman aber nicht verlegen: „Ich war in diesem Augenblick nicht mehr und nicht weniger als ein Werkzeug der Geschichte“, sagte er. Er freue sich, einen kleinen Teil zur Wiedervereinigung beigetragen zu haben. Er habe einmal günstig in die Weltgeschichte eingegriffen. Und so weiter. In den Zeitungsinterviews und Reportagen lässt er sich für “seine Hauptrolle im Schauspiel Mauerfall” und dafür feiern, dass er “der Weltgeschichte einen Schubs gegeben hat”. In anderen Darstellungen hat er “der Weltgeschichte das Stichwort gegeben”.

Seine Schilderungen bergen jedoch ein paar Ungereimtheiten.

Ungereimtheit Nummer eins: Ehrman will sofort nach Schabowskis Antwort auf seine Frage und noch vor dem Ende der PK aus dem Saal gelaufen sein. "Mir war damals sofort klar, was für Folgen Schabowskis Äußerungen haben würden." Noch vor Ende der live übertragenen Konferenz sei er an sein Telex-Gerät geeilt und habe die Nachricht von der baldigen Öffnung der Mauer an seine Zentrale in Rom für die ganze Welt abgesetzt.

Aus dem Pressesaal gelaufen?

Nun sehen wir uns das genauer an. Schabowskis Antwort auf die Frage nach den Reiseregelungen war der allerletzte Punkt der PK. Da musste niemand rauslaufen, die PK war ohnehin zu Ende.

Sonderbar auch, dass ein Journalist eine PK sofort verlässt, wenn gerade eine potenzielle Sensation verkündet worden ist, aber noch viele Fragen offen sind.

Sonderbar ferner, wie Ehrman aus dem Saal gelaufen sein will: Er hockte aus Platzmangel an der Kante des Podiums ganz vorne. Der Ausgang des Saales befand sich ganz hinten. Und dazwischen war alles blockiert mit Fernsehteams, Fotogerätschaften, Taschen, Mänteln und ganz vielen Kollegen. Ganz abgesehen davon, dass Ehrman leicht hinkte. Wie will Ehrman von ganz vorne so schnell hinausgerannt sein?

Eine weitere Arabeske: Außer ihm sei “nur ein westdeutscher Diplomat aus dem Saal gelaufen, um den Bundeskanzler zu informieren”, schilderte Ehrman in Interviews. Ein westdeutscher Diplomat auf einer Pressekonferenz im IPZ der DDR? Der gleich wegläuft, ohne die weiteren Ausführungen Schabowskis abzuwarten? Und der beim Verlassen des Saales einem Journalisten noch verraten haben will, dass er jetzt den Bundeskanzler informieren werde?

Das Mysterium mit der bestellten Frage

Die bisher größte Überraschung aber lieferte Ehrman im April 2009. Unzählige Male war er ausführlich zu den entscheidenden Minuten seines Lebens interviewt worden. In all den zwanzig Jahren hatte er kein einziges Mal eine Andeutung von einem mysteriösen Anruf aus der ADN-Zentrale gemacht. Im Gegenteil: Bei der Recherche des Historikers Hans-Hermann Hertle für das Buch “Mein 9. November” gab Ehrman 1999 ausdrücklich an: "Ich habe meine Frage an Herrn Schabowski nicht vorher vorbereitet, ich hatte keine Vorabinformationen." In anderen Interviews sagte Ehrman: "Ich hatte nichts vorbereitet, ich wusste nicht, was passieren würde.”

Im April 2009 aber verblüffte er mit einer Version, die – wäre sie wahr gewesen – durchaus eine Neuinterpretation der Vorgänge nötig gemacht hätte.

Anruf aus dem U-Boot in der ADN-Zentrale

Demnach habe ihm der damalige Chef der staatlichen DDR-Nachrichtenagentur ADN, Günther Pötschke, Mitglied im SED-Zentralkomitee, den Tipp für die entscheidende Frage gegeben. Pötschke habe Ehrman vor der Schabowski-PK aus dem ‘Unterseeboot’, dem Konferenzzimmer des ADN-Chefs, angerufen und ihn aufgefordert, „unbedingt nach dem Reisegesetz zu fragen. Das sei sehr wichtig.”

Auf Fragen, warum er erst jetzt, zwei Jahrzehnte nach der Schabowski-PK, damit herausrücke, antwortete Ehrman: „Ich wollte klarmachen, dass meine Frage kein Zufall war.”

Quellenschutz für Günther Pötschke?

Danach begründete Ehrman sein Verhalten mit „Quellenschutz“. Aus Rücksicht auf seinen Informanten wolle er dazu nichts sagen. Von der Rücksichtnahme hat Pötschke allerdings nicht mehr viel. 2006 ist er gestorben.

Der damalige Sprecher der DDR-Regierung, Botschafter Wolfgang Meyer, dazu: Es trifft zwar zu, dass ADN-Chef Pötschke den Text des Reisegesetzes bereits vorliegen hatte, weil ADN die Meldung um vier Uhr früh aussenden sollte. Aber er habe Pötschke bestens gekannt: Nie hätte der einem Journalisten, selbst einem gut befreundeten, so etwas vorzeitig mitgeteilt.

Die nächste Ungereimtheit: Nach der Pressekonferenz sei er am Bahnhof Friedrichstraße von einem DDR-Offizier gefragt worden, ob das wirklich stimme, dass DDR-Bürger reisen dürften. Als Ehrman dies bestätigt habe, habe der Offizier die wartenden Menschen per S-Bahn in den Westen fahren lassen. Diese Szene mag einem kitschigen Film entnommen sein, scheint aber völlig unrealistisch.

Die Geschichte mit der S-Bahn

Ganz abgesehen davon, dass die Grenzübergänge in Berlin noch bis tief in die Nacht geschlossen waren. Der erste geöffnete Grenzübergang Berlins war der an der Bornholmer Straße, und dort wurden die Passkontrollen erst um 23.29 Uhr eingestellt und der Grenzbalken geöffnet. Der S-Bahn-Verkehr über die Grenze wurde sogar noch später aufgenommen.

Und dass sich ein DDR-Offizier das Okay für seine Maßnahme von einem italienischen Korrespondenten geholt haben soll, klingt etwas abenteuerlich.

Da spielen andere Ungereimtheiten gar keine Rolle mehr. Beispielsweise will Ehrman kurz vor der Pressekonferenz vom 9. November Helmut Kohl in Dresden interviewt haben. Diese Darstellung ist interessant. Denn der damalige Bundeskanzler war damals nicht nur nicht in Dresden, sondern nicht einmal in der DDR. Erst am 19. Dezember 1989 war Kohl – mit seiner berühmten Rede vor den Trümmern der Frauenkirche – in Dresden.

“Ich war wohl der Einzige, der es sofort verstanden hat”, sagte Ehrman über die Aussagen des Günter Schabowski. “Die Kollegen haben die Sensation in all dem Kommunistendeutsch gar nicht mitbekommen.” Alle Achtung vor dem Kollegen für diese schnelle Auffassungsgabe, Kompliment auch für seine Frage nach dem Reisegesetz, ohne die Schabowski womöglich das Thema ganz ausgespart hätte. Aber ohne die Nachfrage Peter Brinkmanns hätte die darauf folgende Nacht ruhiger ausgesehen.

Etliche aktuelle Bücher über die Pressekonferenz und den Mauerfall inklusive Ehrman-Legenden müssen in der nächsten Auflage korrigiert werden. Auch der Verein der Ausländischen Presse (VAP) hat die Meldung vom Bundesverdienstkreuz am Bande an das ehemalige Mitglied Riccardo Ehrman längst von seiner Website entfernt.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

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