Die Jugend erreichen: Frankreichs Politik entdeckt Twitch

Die französische Politik entdeckt die Streaming-Plattform Twitch für sich. [Ink Drop/Shutterstock]

Ministerpräsident Jean Castex und Ex-Präsident François Hollande gehören zu einer Reihe hochrangiger französischer Politikerinnen und Politiker, die in den letzten Monaten live auf Twitch interviewt wurden. Die Streaming-Plattform wird offenbar als eine Möglichkeit gesehen, mit unzufriedenen Jugendlichen in Kontakt zu treten. EURACTIV Frankreich berichtet.

Frankreichs Politik bemüht sich, ein neues Publikum zu erschließen: Ein Interview mit Premier Jean Castex hatte auf der Streaming-Plattform Twitch 633.000 Aufrufe, das Video von Hollande sogar 735.000.

Die beiden Interviews wurden von dem Journalisten und France Info-Moderator Samuel Etienne geführt und auf seinem Twitch-Kanal live gestreamt. Die Idee wurde derweil auch andernorts aufgegriffen: Der Kanal DebatSansFiltre (Debatte/Gespräch ohne Filter) konnte in der vergangenen Woche allein mehrere französische Parlamentsabgeordnete begrüßen, darunter Matthieu Orphelin, Aurélien Taché und Delphine Batho, die über den nationalen Gesetzesentwurf zu „Klima und Resilienz“ diskutierten.

Der Abgeordnete Orphelin sagte anschließend, das Feedback der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer sei positiv gewesen: „Viele haben uns gesagt: ‚Danke. Das ist interessanter, es ist interaktiver, wir können unsere Fragen stellen…'“

Er sei sich sicher: „Alles, was die Politik weniger verstaubt macht und sie näher an die Menschen bringt, müssen wir wahrnehmen und weiter verfolgen.“

Digitale Diplomatie: Staaten gehen online

Die Digitalisierung macht auch vor der Diplomatie nicht halt. Immer mehr Botschaften kommunizieren via Twitter, Außenministerien werten Daten aus, und in der Corona-Krise verhandeln Staatsoberhäupter per Video-Schalte. Das könnte Folgen für die globale Politik haben.

Der Erfolg der per Live-Stream übertragenen Diskussionen zeige vor allem, dass die französische Jugend „nicht völlig desinteressiert“ an Politik sei, fügte Orphelin hinzu: „Sie haben Ideen! Junge Menschen wissen sehr gut, was sie wollen. Jetzt müssen wir ihnen die Mittel geben, um auch wirklich daran glauben zu können,“ sagte er und fügte hinzu, dass die Plattform vor allem so gut funktioniere, weil „wir dort wahrhaftig und aufrichtig sprechen“.

„Junge Leute sind an all diesen Themen wirklich interessiert. Es ist jedoch einfach so, dass sie die Art und Weise ablehnen, wie Politik und Politiker im Allgemeinen funktionieren und in ihren Blasen agieren,“ glaubt auch Charlène Dupé, die Digitalspezialistin der linken Partei „Neue Demokraten“. Sie beobachte einen Wunsch nach Transparenz und möglichst offenem Dialog.

„Zweischneidiges Schwert“

Allerdings sei das Engagement auf derartigen Plattformen nicht ohne Tücken, so Dupé weiter: „Egal, welche Plattform genutzt wird, es ist immer ein zweischneidiges Schwert.“

Tatsächlich habe man bei Hollande und Castex „zwei unterschiedliche Arten, die Twitch-User anzusprechen“, beobachten können. Der Erfolg (oder Misserfolg) ihrer Auftritte falle entsprechend aus: Hollandes Auftritt war ein Volltreffer, so Dupé, „weil er viel entspannter war, Witze und Kalauer machte und sich den entsprechenden Codes der Plattform anpasste.“ Castex hingegen habe das Twitch-Interview „behandelt, als wäre er auf einer Pressekonferenz“. Daher müsse man sein Interview als „absolut misslungene PR-Aktion“ bezeichnen.

Dupé sagte weiter, es bleibe nun abzuwarten, ob das Engagement der Politikerinnen und Politiker auf der Plattform ausreiche, um die Wahlbeteiligung der Jugendlichen zu steigern. Laut einer Umfrage von Ipsos Steria war bei den Präsidentschaftswahlen 2017 nur ein Viertel der 18- bis 24-Jährigen an die Wahlurne gegangen.

Kommission kritisiert Zoom, nutzt die Plattform aber weiter

Die Kommission wünscht sich weitere Zusicherungen der US-amerikanischen Videokonferenzplattform Zoom hinsichtlich der Sicherheit ihrer Technologie. Derweil hat die EU-Exekutive eingeräumt, Zoom trotzdem nach wie vor für eine begrenzte Art von Videoanrufen zu nutzen.

Ein weiteres potenzielles Problem könnte angesichts der anstehenden Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr derweil die Medien-Regulierung in Frankreich werden: Nach französischem Recht ist der sogenannte Oberste Rat für audiovisuelle Medien beauftragt, „den Respekt für einen pluralistischen Ausdruck von Gedanken- und Meinungsströmungen zu gewährleisten“. In der Praxis heißt das: Die Sende- und Redezeit der Kandidatinnen und Kandidaten in den Medien soll möglichst ausgewogen verteilt werden.

„Früher oder später“ müsse diesbezüglich auch die Nutzung der neuen Plattformen angegangen werden, um einheitliche Regelungen für neue und „traditionelle“ Medien-Plattformen zu gewährleisten, so Dupé.

Die zuständige Behörde teilte gegenüber EURACTIV Frankreich allerdings mit, die derzeitige Gesetzgebung ermächtige sie nicht, die Redezeit auf digitalen Plattformen zu kontrollieren.

[Bearbeitet von Josie Le Blond]

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