Bräute beiderseits der Mauer

Wie viele kleine DDR-Bürger haben einen Vater von drüben? Wie oft wurden DDR-Frauen sitzen gelassen? (Foto: Archiv)

Türkische Frau im Westen, deutsche Freundin im Osten: Der Fall der Berliner Mauer hatte pikante Konsequenzen für viele Gastarbeiter, die sich auf die Teilung der Stadt verlassen hatten. Familientragödien, Vaterschaftsklagen und sogar Stasi-Mitarbeit: Wie sich Migranten mit der Mauer arrangierten.

Der türkische Familienvater – sein Name tut hier nichts zur Sache –  lebt schon so lang in Westberlin, dass er sich sogar noch an die Zeit vor dem Mauerbau erinnern kann. 1961 wurde die Mauer gebaut, und als im Januar 1989 Partei- und Staatschef Erich Honecker über die Mauer sagte: „Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben”, war der Türke beruhigt. Sein Doppelleben schien gesichert.

Honeckers Bestandsgarantie

Doch Honeckers Bestandsgarantie hielt nicht lange. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Und plötzlich stand seine Familie aus Ostberlin vor der Wohnungstür seiner Familie in Westberlin. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

Der türkische Gastarbeiter war nicht der einzige mit zwei Familien. Türken waren dabei auch nicht die einzige Nationalität, aber die häufigste. Hunderte Vaterschaftsklagen wurden nach dem Mauerfall angestrengt. Familie im Westen für die Wochentage, Freundin im Osten fürs Wochenende: Viele Kinder im Ostteil Berlins entstammen einer solchen Konstellation. 

Erboste DDR-Frauen

Im November 1989 wurde die türkische DDR-Botschaft laufend um Auskünfte gebeten. Auch in der Berliner Arbeiterwohlfahrt hagelte es Beschwerden von erbosten DDR-Frauen, die auf Heiratsversprechen von Westberliner Gastarbeitern reingefallen waren.

In der DDR selbst wohnten nur ein paar Dutzend Türken. Die waren keine Gastarbeiter, sondern Funktionäre. Etliche gehörten der in der Türkei verbotenen „Türkischen Kommunistischen Partei“ an und wurden in der DDR gefördert.

Gastarbeiter aus Vietnam und Kuba

Die Gastarbeiter der DDR kamen aus sozialistischen Bruderländern wie Vietnam, Kuba, Angola und Mozambique, einige auch aus Polen. Ihr Arbeitseinsatz war zeitlich begrenzt, sie lebten ohne Kontakt zur deutschen Bevölkerung in Wohnheimen, getrennt nach Geschlechtern. Sie wurden ständig kontrolliert. Wurde ein Vietnamesin schwanger, wurde sie sofort heimgeschickt. Die Vertragsarbeiter sollten gar nicht erst deutsch lernen, damit sie sich keinesfalls integrieren.

Im Wendejahr 1989 gab es in der DDR zwischen 91.000 und 93.000 Gastarbeiter, davon 60.000 Vietnamesen. Mit dem Zusammenbruch der DDR-Industrie verloren die Gastarbeiter Job und Unterkunft und wurden nach der Wende rasch abgeschoben. Sie hatten im wiedervereinigten Deutschland keine Chance, wie Türken oder andere Gastarbeiter auf der westlichen Seite behandelt zu werden und bleiben zu können.

Mitternächtliche Grenzgänger

Dennoch war die Beziehung zwischen den Westberliner Türken und der DDR eine ganz spezielle. Viele türkische Männer nutzten das Tagesvisum, um DDR-Frauen zu treffen. Bis Mitternacht mussten sie die DDR wieder verlassen haben, kurz nach Mitternacht konnten sie erneut einreisen. Die mitternächtlichen Grenzgänger kannten einander beim Anstellen durch dieses Prozedere schon ganz gut.

Jeden Monat soll es 6.000 türkische Tagesbesuche nach Ostberlin gegeben haben. Bei Grenzkontrollen wurden immer wieder Listen mit Kontaktadressen von DDR-Frauen sichergestellt.

Kontakte mit Mädchen und Stasi

Was die türkischen Männer für manche DDR-Bürgerinnen attraktiv gemacht hat, war die Chance, durch eine erhoffte Heirat leichter die DDR verlassen zu können.

Diese spezielle Beziehung zwischen türkischen Männern und ostdeutschen Frauen bliebt natürlich auch der Staatssicherheit nicht verborgen. Sie entdeckte darin eine sichere Methode, durch die türkische Connection jenen Frauen auf die Schliche zu kommen, die die DDR verlassen wollten. Die Birthler-Behörde, für die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen zuständig, fand vor einigen Jahren heraus, dass das Ministerium für Staatssicherheit Türken engagiert hat, um etwas über ausreisewillige Frauen, aber auch über die politischen Tendenzen und Aktivitäten der Türken in Westberlin zu verraten.

Döner-Kebab-Lizenzen für Ostberlin

Die türkische Botschaft in Ostberlin musste sich neben den Beschwerden von enttäuschten und betrogenen Ostfrauen aber auch um ganz andere Dinge kümmern. Da kamen sofort nach dem Mauerfall findige Westberliner Türken in die Botschaft, um einen "Antrag" zu stellen.

Sie wollten die ersten sein, die in Ostberlin ihre Döner-Kebab-Stuben aufmachen dürfen. Sie wandten sich damit an ihre Botschaft, weil sie nicht wussten, wo sie sonst ihren "Antrag" loswerden könnten.

DDR-Flüchtlinge als Konkurrenz für Gastarbeiter

Die Öffnung der Grenzen hatte nicht nur familiäre Enthüllungen zu Folge, sondern für viele Gastarbeiter in Westberlin ernste existenzielle Konsequenzen. Tausende DDR-Bürger suchten im Westteil Arbeit. Vor allem Schwarzarbeit. Damit verdrängten sie Türken und Jugoslawen.

Es gab auch Fälle, in denen Gastarbeiter von ultrarechten Berlinern regelrecht eingeschüchtert und hinausgeekelt wurden: "Jetzt sind unsere Landsleute wieder da!" Nun würden die billigen Wohnungen und Arbeitsplätze für die DDR-Bürger benötigt.

Viele ihrer Arbeitsplätze sind in Berlin auch deshalb weggefallen, weil die Steuererleichterungen und Subventionen des Bundes für Unternehmen, die trotz der Insellage aktiv waren, gekürzt oder gestrichen wurden. Von Kündigungen waren in erster Linie Gastarbeiter betroffen.

Mauerbau stoppte Strom von Arbeitskräften

Dabei waren viele Türken gerade dann für die westdeutsche und Westberliner Wirtschaft angeworben worden, als der Bau der Berliner Mauer den Strom von DDR-Flüchtlingen stoppte.

Die fehlten dann als potenzielle Arbeitskräfte. Für andere Gastarbeiter wie etwa Italiener war das eingemauerte Westberlin unattraktiv geworden. Für Arbeiter aus Anatolien war es immer noch attraktiv genug.

Das ist der Grund, warum in Berlin – im Vergleich zu anderen deutschen Städten – im Großen und Ganzen eher einfache und traditionelle Türken leben und die zweite und dritte Einwanderergeneration so hohe Schulabbrecher- und Arbeitslosenquoten hat.

Hochkonjunktur im Heiratsmarkt

Auf die Invasion von DDR-Bürgern nach dem Mauerfall reagierten die Türken zwiespältig: Die einen fürchteten und beschimpften die Konkurrenz aus dem Osten, andere organisierten mit alten Ford-Transportern sogar Gratisfahrten für die DDR-Bürger von den Grenzübergangsstellen auf den Kurfürstendamm oder schenkten ihnen Obst und Gemüse.

Einige Gastarbeiter ließen sich damals zwecks Existenzsicherung ihre Eindeutschung etwas kosten: Der illegale Heiratsmarkt hatte schnell Hochkonjunktur. Gegen umgerechnet 2.500 bis 5.000 Euro retteten sich Gastarbeiter in eine Scheinheirat mit einer Deutschen. Die Scheidung war jeweils für spätestens anderthalb Jahre später vereinbart.

Wiener Zeitungsente mit 80.000 Chinesen

Eine Peking-“Ente” der besonderen Art lieferte im Herbst 1989 die österreichische Zeitung “Der Standard”. Sie veröffentlichte einen Bericht ihres Berliner Mitarbeiters, wonach 80.000 Chinesen in die DDR übersiedeln würden, um die Lücken zu stopfen, die die Republikflüchtlinge hinterlassen haben. Verweise auf die Zeitungsmeldung aus Wien riefen in Ostberlin und in Bonn nur Kopfschütteln und Gelächter hervor, gab es doch schon mit den 900 Chinesen, die 1989 in der DDR lebten, jede Menge Probleme.

Die Rotchinesen arbeiteten zum Großteil in Lokomotiv- und Waggonfabriken für die Deutsche Reichsbahn. Die Unzufriedenheit dieser ausländischen Arbeitskräfte war evident. Die Chinesen beklagetn sich über Arbeitsbedingungen und Unterbringung, vor allem aber darüber, dass ihr Lohn in DDR-Mark ausbezahlt wurde. Die jungen Chinesen hätten viel lieber Devisen bekommen.

Die DDR-Flüchtlingswelle und die deutsche Wiedervereinigungsdiskussion fanden damals in den chinesischen Medien überhaupt keinen Niederschlag. Die Volksrepublik wollte den befreundeten Staat in keiner Weise blamieren.

Genützt hat ihm das ebensowenig wie die Stasi-Verpflichtung türkischer Liebhaber.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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