Boris Johnson nimmt Kurs auf Downing Street

Boris Johnson kandidiert um die Nachfolge Theresa Mays. Ob er diese antritt, steht am 23. Juli fest. [Andy Rain/ epa]

Noch nie ist über einen britischen Premier in spe so schlecht geschrieben worden wie über Boris Johnson. Aber sein Aufstieg bei den Tories scheint unaufhaltsam – trotz seiner Lügengeschichten. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle berichtet.

Es war eine theatralische Szene, wie Boris Johnson sie liebt. Er trat in Ostlondon auf, zum letzten Mal bevor die Tory-Mitglieder am Montag über ihren künftigen Parteichef und damit auch über den nächsten Premierminister abstimmen. Dabei wedelte der Kandidat mit einem in Plastikfolie eingeschweißten Hering. Der käme von einem Fischräucherer auf der Isle of Man.

„Nach Jahrzehnten, in denen diese Heringe einfach per Post verschickt wurden, werden ihre Kosten jetzt durch Brüsseler Bürokraten massiv hochgetrieben“, behauptete Johnson. „Denn die bestehen darauf, dass jeder Fisch von einem Eiskissen aus Plastik begleitet werden muss.“ Das sei sinnlos, teuer und umweltfeindlich. Nach dem Brexit könne Großbritannien sich von solchen Regeln befreien.

Leider ist die Geschichte rundum falsch. Zum einen gehört die zwischen Irland und Großbritannien gelegene Isle of Man nicht zur EU und folgt deren Regulierungen – wenn überhaupt – nur freiwillig. Zum anderen ist die EU für Hygiene- und Sicherheitsvorschriften beim nationalen Transport von Lebensmitteln nicht zuständig, sie sorgt nur für länderübergreifende Regeln. Ein Sprecher der Kommission in Brüssel stellte das umgehend klar. Das verflixte Eiskissen für den Kipper, den geräucherten Hering, stammt also von einem Londoner Bürokraten.

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Johnsons phantastische Geschichten

Wegen dieses und anderer Vorfälle nennt Martin Wolf, Chefkommentator der „Financial Times“, Boris Johnson auch einen „seriellen Fantasten“, der untauglich für das höchste Staatsamt sei. Aber nicht nur beim Hering, auch bei Fahrrädern bewies Johnson einmal mehr seine blühende Fantasie.

Am vergangenen Montag antwortete er auf die Frage, wann er zum letzten Mal geweint habe: Als sein geliebtes Fahrrad namens Bikey vom Zaun vor dem Parlament gestohlen worden sei. „Ich hatte das Rad während meiner gesamten Zeit als Bürgermeister. Es ist nie gestohlen worden und ich habe es überall in der Stadt angekettet.“ Kaum sei Sadiq Khan ins Amt gekommen, der neue Bürgermeister von der Labour-Partei, „wurde es geklaut“.

Johnson erzählt Anekdoten, um einem politischen Gegner eins auszuwischen. Dummerweise hatte er aber selbst den Beweis dafür geliefert, dass die Geschichte so nicht stimmt. 2014 schrieb er in einer Kolumne, sein Bikey sei in ein Schlagloch geraten und er habe es verschrotten müssen. Zu der Zeit amtierte er selber noch im Londoner Rathaus.

Bei der jüngsten Lokalwahl im Mai twitterte Johnson, er habe bereits die konservative Partei gewählt und seine Landsleute sollten doch seinem Vorbild folgen. Dumm nur, dass an seinem Wohnort London überhaupt keine lokalen Wahlen stattfanden. Der Tweet verschwand dann ziemlich schnell aus dem Netz.

Das sind nur ein paar Beispiele für Boris Johnsons – vorsichtig ausgedrückt – entspanntes Verhältnis zur Wahrheit. „Boris ist natürlich ein Charakter, larger than life, manchmal auch sehr schwierig. Auf ihn ist oft kein Verlass“, urteilt Anne McElvoy vom Wochenmagazin „The Economist“ im Deutschlandfunk.

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Zweifel an Johnsons Kompetenz

„Ich war Boris Johnsons Boss – er ist völlig untauglich als Premierminister“, schreibt sein früherer Chef bei der Zeitung „Daily Telegraph“, Max Hastings. Er holte vor wenigen Wochen zum Rundumschlag gegen seinen Ex-Kollegen aus: „Er würde die Wahrheit nicht erkennen, wenn man sie ihm bei einer Gegenüberstellung vorführen würde.“

Immerhin hat Johnson sich unlängst bei einer Debatte um die Frage, wie viele Kinder er denn eigentlich habe, herumgedrückt. Ihm wird mehrfacher Nachwuchs aus außerehelichen Affärennachgesagt. Johnsons Berater müssen ihm wohl klar gemacht haben, dass die falsche Zahl an dieser Stelle einen wirklichen Skandal verursachen würde.

Polemik gegen Johnson ist aber zwecklos, räumt sein Ex-Chef Hastings ein: „Wir können des Kaisers Kleider nicht einem Mann wegnehmen, der seine Karriere darauf gebaut hat, ohne sie herumzustolzieren.“ Denn so viel man auch auf Boris Johnsons Mängel einschlägt, seine Parteimitglieder zeigen sich gänzlich unbeeindruckt.

Unaufhaltsam ins Premierministeramt

Obwohl noch nie in der jüngeren britischen Geschichte so vernichtend über einen Kandidaten für das Amt des Premierministers geurteilt wurde, noch nie so viele Beweise für seinen kreativen Umgang mit der Wahrheit gesammelt wurden und für seine Unfähigkeit, sich die Details des Regierungsgeschäftes anzueignen – der Einzug von Boris Johnson in den Amtssitz Downing Street 10 am kommenden Mittwoch scheint unaufhaltsam.

Die Entscheidung darüber treffen rund 160.000 Mitglieder der konservativen Partei in einer Art Urwahl. Sie stehen für etwas über 0,3 Prozent der britischen Wählerschaft und sind als Gruppe nicht repräsentativ: Ältere, wohlhabende, weiße Männer sind bei den Parteimitgliedern in der Mehrheit, mehr als 40 Prozent von ihnen sind älter als 66 Jahre.

Als 2007 Gordon Brown das Premierministeramt ohne Neuwahlen von Tony Blair übernahm, hatte Boris Johnson geschrieben, dass Verfahren sei „undemokratisch“. Zwölf Jahre später scheint das Urteil für ihn selbst nicht mehr zu gelten.

Frühere Tory-Parteigranden wie Michael Heseltine und Ex-Premier John Major haben Gift und Galle gespuckt gegen Boris Johnson und seinen Ehrgeiz im Kampf um das höchste Staatsamt. Nichts konnte den Zug aufhalten und der Kandidat kann voraussichtlich die Umzugskisten packen lassen, sobald die Ergebnisse verkündet sind.

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Brexit oder No-Deal-Brexit – das ist die Frage

Major will alles tun, um einen No-Deal-Brexit unter Boris Johnson zu verhindern. „Economist“-Autorin Anne McElvoy glaubt allerdings: „Boris ist auch manchmal sehr schlau und flexibel, flexibler als er mit diesen Sprüchen andeutet. Er wird versuchen, noch mal zu verhandeln. Auf jeden Fall wird er nicht sofort einen ‚No Deal‘ anstreben.“

Das konservative Politikmagazin „National Review“ glaubt allerdings: „Wenn die Zeit für Boris Johnson gekommen ist, dann funktioniert die Uhr nicht mehr.“ Das mag für Großbritannien gelten, aber in der EU tickt sie weiter: Am 31. Oktober ist wieder einmal Brexit-Tag. Bis dahin muss sich ein neuer Premierminister Boris Johnson entschieden haben, ob er sein jüngstes Versprechen wirklich wahr machen wird, an dem Tag Land „auf Leben oder Tod“ aus der Europäischen Union heraus zu führen.

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