Die anhaltende Dauerkritik der EU an Ungarns Reformkurs hat den bis dahin eher pro-europäisch geprägten Politikdiskurs in eine euroskeptische Richtung umschlagen lassen. Noch überwiegt in Ungarns Parteien aber ein eher pragmatischer Europa-Ansatz, wie aus einer aktuellen Studie hervorgeht.
Drittstärkste Partei im Parlament ist die rechtsextreme Partei Jobbik. Sie ist offen ausländerfeindlich und europakritisch. Die grüne Partei LMP (offiziell: „Politik kann anders sein“) ist hingegen antisozialistisch geprägt, sodass trotz aller Vorbehalte gegen Orbán und seine FIDESZ-Partei eine Zusammenarbeit mit FIDESZ wahrscheinlicher ist als eine mit der MSZP. Ebenfalls im Parlament vertreten ist die erst 2011 aus der MSZP entstandene Splitterpartei Demokratische Koalition (DK) unter Führung des ehemaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány.
Ergebnisse der Studie
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in den Parteien mit einem PERC-Durchschnittswert von 7 eine leicht pragmatische Grundeinstellung gegenüber der Union überwiegt. Das heißt, die Parteien akzeptieren den Status quo, nutzen und respektieren das Rechtssystem der EU. Eine Ausnahme ist die rechtsextreme Jobbik-Partei: Sie kommt auf einen Wert von 3 und steht somit für einen starken Euroskeptizismus und zeigt eine konsequente Ablehnung der europäischen Integration. Die europafreundlichste Partei ist die LMP mit einem Wert von 8. Sie spricht sich für eine weitere Einbindung Ungarns in Europa aus. Bei der regierenden FIDESZ – sie kam in der Skala auf 6 – gibt es hingegen zwei Strömungen innerhalb der Partei: eine medial kaum sichtbare, Europa zugeneigte und eine europessimistische unter Führung Orbáns.
Kritik an Orbán
Stimmungswandel
Seitdem hat sich auch die Haltung der Parteien bezüglich der EU stark gewandelt, vor allem während der ungarischen Ratspräsidentschaft in der ersten Jahreshälfte 2011. War die Stimmung der Parteipolitiker vorher eher pro-europäisch, schwang diese nun in eine euroskeptische Richtung um. Die wirtschaftlichen Probleme in Ungarn in Verbindung mit der abnehmenden finanziellen Unterstützung aus Brüssel wird diese Tendenz wohl noch verstärken, meinen die Experten der Studie. Sie weisen auch auf eine die Studie ergänzende Meinungsumfrage hin, wonach die Ungarn ihre Parteien deutlich europakritischer wahrnehmen als die Experten.
Die ungarische Bevölkerung selbst scheint Europa noch wohlgesonnener zu sein, als es ihre Politiker vermuten lassen. So gaben bei einer Eurobarometer-Umfrage im Herbst 2012 44 Prozent der Befragten an, sie vertrauten der EU als Gesamtinstitution. Das Vertrauen in die Union ist damit höher als in die nationale Regierung (27%) oder das ungarische Parlament (29%). Zudem sprachen sich 44 Prozent für eine Weiterentwicklung der EU "zu einem Bund von Nationalstaaten" aus, während nur 34 Prozent dagegen waren.
Othmara Glas
Links
Hungarian Europe Society: Relationship of the Hungarian Parties to the EU (Dezember 2012)
Bundestag: Parlament und Parteiensystem Ungarns (20.03.2012)
EU-Parlament zutiefst besorgt über Lage in Ungarn (17. Februar 2012)
Drei Vertragsverletzungsverfahren gegen Orbáns Ungarn (17. Januar 2012)

