Interview mit Cécile Calla, Chefredakteurin „ParisBerlin“Frankreich steht kurz vor Präsidentschaftswahlen, die das Gesicht Europas verändern könnten. Cécile Calla, Chefredakteurin des Deutschlandsbüros von „ParisBerlin“, analysiert im Gespräch mit EURACTIV.de die deutsch-französischen Beziehungen und erläutert, warum Europa von Deutschen und Franzosen unterschiedlich wahrgenommen wird.
Zur Person
Cécile Calla, geboren 1977 in Paris, war Deutschland-Korrespondentin für die französische Tageszeitung "Le Monde". Zuvor arbeitete sie für "Le Figaro". Jetzt ist sie Chefredakteurin des Deutschland-Büros des deutsch-französischen Magazins ParisBerlin.
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EURACTIV.de: Die Zahl der in Brüssel akkreditierten Korrespondenten aus Deutschland und Frankreich nimmt ab, obwohl Brüssel immer wichtiger und komplizierter wird. Was ist Ihre Meinung dazu?
CALLA: Das wundert mich nicht. In Frankreich hat der erste private Sender TF1 keinen Korrespondenten in Brüssel. Das hat mit dem französischen System zu tun. Es wird nur über Brüssel berichtet, wenn der Präsident sich dort befindet. Es findet keine große Debatte statt, weil der Präsident nicht vor dem Parlament und den Abgeordneten gehen muss wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er regelt es im Alleingang. Das erklärt die Unterschiede in der Debatte in Frankreich und Deutschland.
EURACTIV.de: Angela Merkel unterstützt bedingungslos den Kandidaten Sarkozy trotz seiner populistischen Neigungen. Ist das nicht riskant?
CALLA: Merkel hat ihre europäische Errungenschaft und den Fiskalvertrag im Blick. Die Neuverhandlung des Fiskalvertrages, die der sozialistische Kandidat François Hollande vorschlägt, ist eine Katastrophe für Merkel. Sie fürchtet sich vor solchen Vorschlägen.
Dass Sarkozy versucht, ein paar Stimmen im extrem rechten Lager zu gewinnen, ist nicht erstaunlich. Trotzdem kann man ihn nicht in denselben Topf werfen wie Le Pen, es ist bloß eine Wahlkampfstrategie. Er versucht nur eine bestimme Wählerschaft zu verführen. Für Merkel ist Sarkozy weiterhin der beste Kandidat auf Grund seiner europäischen Position. Merkel hat viel Energie investiert, um eine einheitliche Linie zwischen Deutschland und Frankreich zu finden. Dies war sehr schwierig, zum Beispiel beim Thema Europäische Zentralbank. Sarkozy jetzt die Unterstützung zu verweigern, wäre verheerend.
Jedoch hat sich Sarkozy inzwischen entschieden, die Wahlkampfveranstaltungen ohne Merkel zu machen. Das heißt, er hat selber erkannt, wie riskant eine Wahlkampfstrategie mit Deutschland im Vordergrund sein könnte.
EURACTIV.de: Hat Nicolas Sarkozy überhaupt noch eine Chance, die Wahlen zu gewinnen?
CALLA: Es wird in Deutschland immer mehr über die französischen Wahlen berichtet. Den Umfragen nach hat er seine Position etwas verbessert, Hollande verfügt aber immer noch über einen Vorsprung. Es gibt durchaus Chancen, dass Hollande gewinnt. Alle Meinungsforscher sagen, dass sich noch zwanzig Prozent der Wähler erst zwei bis drei Wochen vor den Wahlen entscheiden, also ist alles noch offen. Wenn Hollande keine großen Fehler macht, hat er Chancen; für Sarkozy kann es deutlich schwerer werden. Es kann sein, dass sich das Attentat in Toulouse nicht als Nachteil für Sarkozy herausstellt. Vielleicht bringt es ihm sogar ein paar zusätzliche Punkte, denn das Thema Sicherheit spielt jetzt wieder eine wichtige Rolle im Wahlkampf.
EURACTIV.de: Kann die rechtsradikale Kandidatin Marine Le Pen in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen gelangen?
CALLA: Ich glaube, es gab 2002 mehr Kandidaten im rechten Lager, mehr Möglichkeiten, dass die Stimmen sich verteilen. Jetzt gibt es nur Sarkozy, Le Pen und vielleicht Bayrou, der Kandidat der Mitte. Es haben dieses Jahr viele Kandidaten auf die Wahlen verzichtet, um Sarkozy zu unterstützen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Le Pen in die zweite Runde kommt.
EURACTIV.de: Was würde es für die deutsch-französischen Beziehungen und für Europa bedeuten, sollte Francois Hollande französischer Präsident werden?
CALLA: Es wird auf jeden Fall eine Anpassungsphase geben. Es wird wahrscheinlich nicht so einfach sein, aber das ist bei den deutsch-französischen Beziehungen üblich. Am Anfang gibt es immer Jugendfehler. Zum Beispiel hatte Sarkozy nach seiner Wahl in 2007 die Priorität erst auf Großbritannien gesetzt. Aber am Ende müssen Frankreich und Deutschland immer zusammen verhandeln, damit Europa weiterkommt. Ich mache mir keine Sorgen, dass es auch mit Hollande Kompromisse geben wird.
EURACTIV.de: Francois Hollande würde in einem Europa, das weitgehend konservativ ist, wohl auf starke Opposition stoßen. Würde er seinen Vorschlag, den Fiskalpakt neu zu verhandeln, dann aufgeben?
CALLA: Er wird keine andere Wahl haben, als seine Positionen anzupassen. Ob er auf alles verzichten muss, wird sich dann zeigen. Es gab in den letzten Tagen Äußerungen seiner Berater, dass er nicht unbedingt auf den Fiskalpakt verzichten, sondern diesen nur erweitern möchte. Das heißt, dass er schon versuchen wird, ein Schritt in Richtung Deutschland zu machen.
EURACTIV.de: Würde nicht Europa Hollande entgegen kommen? Vor allem was die Erweiterung des Fiskalpakts angeht?
CALLA: Vielleicht. Der italienische Regierungschef Mario Monti hat sich zum Beispiel auch für mehr Wachstumsmaßnahmen in Europa geäußert. Ebenso schlägt er eine Alternative zu dem deutsch-französischen Diktat vor. Es setzen in dieser Hinsicht viele auf Hollande, damit sich etwas Anderes entwickelt.
EURACTIV.de: Es ist ja auch der Wille Hollandes, dieses deutsch-französischen Diktat zu beenden, damit kleinere Mitgliedsstaaten auch an den Entscheidungen teilnehmen.
CALLA: Es ist interessant, weil in Frankreich oft darüber berichtet wird, dass Deutschland und Frankreich über etwas entscheiden und dass es dann durchgesetzt wird. In Deutschland möchte man mehr über die 27 Mitgliedsstaaten sprechen und nicht zu sehr den Eindruck geben zu dirigieren. Es ist Merkels größte Angst alleine da zustehen, um Europa zu dirigieren. Insofern könnte Merkel mit solch einer Herangehensweise gut etwas anfangen.
Merkel braucht dringend Frankreich, weil sie durch Frankreich auch viele Botschaften in Europa durchsetzen kann.
EURACTIV.de: Und braucht Frankreich Deutschland?
CALLA: Ja, Frankreich braucht Deutschland, um gewisse Sachen zu erreichen. Deutschland hat sozusagen den Schlüssel. Bei allen Themen. Man klopft bei Deutschland an, und wenn Deutschland mitmacht, dann weiß man, dass man in Europa etwas erreichen kann.
EURACTIV.de: Wie beurteilen die Franzosen die deutsche Haltung zu Griechenland?
CALLA: In Frankreich ist man über diese Debatte weniger informiert als in Deutschland. Europa wird weniger diskutiert, niemand kennt zum Beispiel die Bail-out Klausel in Frankreich. Die französische Regierung hat im ersten Teil der Krise wenig kommuniziert. Diese hat Druck gemacht, um Griechenland zu unterstützen, und niemand hat das in Frage gestellt.
Ich wurde hier immer gefragt, wie es möglich sei, dass keiner darüber debattiert, wie viel öffentliches Geld das bedeutet. Das ändert sich jetzt – wegen der hohen Verschuldung Frankreichs. Langsam macht man sich Gedanken über die Folgen des Hilfspakets. Aber es stimmt, dass man in Frankreich denkt, die Deutschen seien hart und zeigten zu wenig Solidarität.
EURACTIV.de: In Deutschland wurde vor kurzem Christian Wulff als Bundespräsident verabschiedet. Es gibt große Mentalitätsunterschiede zwischen Frankreich und Deutschland zum Thema Moral. Welche Unterschiede sehen Sie zum Beispiel bei Spitzenpolitikern?
CALLA: Die moralische Latte ist in Deutschland ganz anders als in Frankreich. Viele Fehler unserer Politiker werden in Frankreich verziehen, was man sich in Deutschland nicht vorstellen kann. Aber wir verbessern uns, immer mehr französische Politiker kommen vor Gericht. Was Wulff angeht, würde sich in Frankreich kein Mensch darüber aufregen, dass man Privatgelder bekommt, um so ein lächerlich kleines Haus zu kaufen. Ebenso hat man hat sich in Deutschland echauffiert, weil Wulff einen "Bild"- Redakteur angerufen hat. In Frankreich passieren solche Dinge ständig!
EURACTIV.de: Was denken die Franzosen über diese deutsche moralische Latte?
CALLA: Die Wulff-Affäre war in Frankreich schwer zu verstehen. Wahrscheinlich denken die Franzosen, Deutschland sei so ein vorbildliches Land – wahrscheinlich aber auch, dass Deutsche aus kleinen Sachen eine Riesenaffäre machen.
Die Franzosen verhalten sich ein bisschen wie Bürger in einer Monarchie. Sie schwanken immer zwischen völliger Akzeptanz gegenüber Politikern und sind blind, gehen aber zugleich auf die Straße. Das ist ein Verhalten, das man ja eigentlich nur von Monarchien kennt.
Interview: Christopher de Jonghe, Ewald König
Links
EURACTIV.de: Analyse: Europapolitik im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 (23. März 2012)
Die Zeit: Wollen Sie den wirklich, Frau Merkel? (7. März 2012)
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