Ver.di als „Staatsfeind“?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Einer der spektakulärsten Fälle von Insolvenzen in Deutschland betrifft die Drogeriekette Schlecker. (Archiv) [Foto: dpa]

Standpunkt von Andreas GeigerMit scharfer Kritik an der Rolle der Gewerkschaften, speziell ver.di, bei Insolvenzen von Traditionsunternehmen beleuchtet Andreas Geiger, Anwalt und Lobbyist in Brüssel und Berlin, das Schicksal der „Schlecker-Frauen“ und „Neckermänner“.

Zum Autor

Dr. Andr" /eas Geiger ist Managing Partner der Lobbykanzlei Alber & Geiger (Brüssel und Berlin) und Autor des "EU Lobbying Handbook". Für EURACTIV.de schreibt er in unregelmäßigen Abständen Kommentare zur Tagespolitik.

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Die Gewerkschaft „ver.di“ hat über 2 Millionen Mitglieder. Bald dürften es weniger sein. Und das ist gut so. Denn die "Schlecker-Frauen" und "Neckermänner" sind nur der Anfang dessen, was ein nicht mehr zeitgemässes Gewerkschaftsverhalten zur Folge hat. Weitere Dramen werden kommen. Der Verhandlungsverlauf bei den Insolvenzen der beiden Traditionsunternehmen ist ver.di-typisch. Er ist vielleicht sogar gewerkschaftstypisch in Deutschland.

Aus ideologischer Verbohrtheit werden gewerkschaftsseitig Forderungen erhoben, die in einem ein- und abgegrenzten Nationalstaat und einer früheren Epoche vielleicht Erfolg gehabt haben mögen. In einem globalen Weltmarkt mit grenzenloser Bewegungsfreiheit für sowohl Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer ist ein solches Verhalten einfach nur dumm. Jemanden, der ausweichen kann, kann ich nicht unter Druck setzen.

Im Falle Schlecker war die Hinhaltetaktik der Gewerkschaft dem Verlauf des Insolvenzverfahrens nicht förderlich und mitursächlich für die gescheiterte Sanierung, weil sie Investoren abschreckte. Vor allem: Eine Mitgliederbefragung ergab, dass drei von vier Mitarbeitern die vom Insolvenzverwalter vorgeschlagenen Sanierungsmassnahmen zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze hingenommen hätten.

Nicht so ver.di, deren Funktionäre hiervon persönlich ja auch nicht betroffen sind. Statt die eigene Verantwortlichkeit zu erkennen, wird dem Unternehmensgründer Anton Schlecker die Vollverantwortung für die Einzelschicksale zugewiesen. Und dabei geflissentlich ignoriert, dass Anton Schlecker es war, der die nun wegfallenden Arbeitsplätze überhaupt erst geschaffen hat. Nicht ver.di. Und auch keine andere Gewerkschaft. Diese waren nur an der Vernichtung, nicht an der Schaffung beteiligt. Ein Unternehmensgründer oder ausländischer Investor, der das sieht, muss dumm oder verzweifelt sein, wenn er danach noch in Deutschland investiert.

Auch im Falle des Versandhauses Neckermann war das Vorgehen der Gewerkschaft verantwortungslos. Dabei war der direkte Vergleichsfall des Versandhauses Quelle, sein Verlauf und Ergebnis, noch frisch in Erinnerung.

Bei Neckermann sollte gut die Hälfte der 2.500 Beschäftigten gehen. Laut FAZ hatte sich ein Teil der Belegschaft bereit erklärt, darüber ohne Vorbedingungen zu verhandeln. Sie zogen intelligenterweise das Angebot der Eigentümer den Konsequenzen eines Insolvenzverfahrens vor.

Nicht so ver.di. Die Möglichkeit des Erhalts des Unternehmens wurde nur verpasst, weil die Gewerkschaft Garantien (!) von den Eigentümern, einer amerikanischen Investmentgesellschaft (!), verlangte, welche diese vorhersehbar nicht zu geben gewillt war. Wieder wurde aus sachfremden, nämlich ideologischen Überlegungen gegen den erklärten Willen der Betroffenen eine suboptimale, in der Tat die schlechteste, Lösung gewählt.

Diese egogetriebene Wagenburgmentalität eines Tarifpartners ist in einer globalisierten Wirtschaft nicht hinnehmbar. Und in einem europäischen Binnenmarkt verbietet sich ein solches Verhalten bereits denklogisch. Das wissen die Gewerkschaften, allen voran ver.di, auch. Darum wurde gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie gewerkschaftsseitig auch ohne Sinn und Verstand opponiert. Aus Eigennutz.

Denn eine Grenzöffnung ist der Todfeind jeder Blockadehaltung. Arbeitnehmer können dann schlicht zu- und abwandern, Arbeitgeber mit ihren Firmen erst recht. Die Gewerkschaftsmacht und damit die eigene Bedeutung schwindet. Das – und nur das – gilt es aus ver.di-Sicht zu verhindern. So erklärt sich auch die auf den ersten Blick sinnwidrige Verhandlungsstrategie in Sachen Schlecker und Neckermann. Für ver.di macht sie Sinn. Für ihre Mitglieder nicht.

Die jüngsten Ereignisse zeigen erneut: Statt den Zeitgeist anzunehmen, stemmt sich ver.di ihm entgegen. Bis zum eigenen Tod durch Mitgliederschwund. Und dieser ist bereits voll im Gange.

Was die Gewerkschaften übersehen: Ihre Gründung ebenso wie ihre Fortexistenz waren und sind für die Mitglieder nur ein Mittel zum Zweck – der Absicherung des eigenen Arbeitsplatzes. Wenn die Gewerkschaften diesen Zweck nicht mehr erfüllen sondern konterkarieren, ziehen die Mitglieder die Konsequenzen. Ver.di schadet seinen eigenen Mitgliedern. Und Deutschland. Zeit für einen Neuanfang.?

Andreas Geiger

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