„Big Four“-Safari: Frei zum Abschuss

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Die "Vier Großen" lassen den Kleinen zu wenig Raum. EU-Kommissar Michel Barnier versucht sich als Dompteur und will die Macht der Wirtschaftsprüferkonzerne brechen. Foto: dpa

Standpunkt über die vier beherrschenden WirtschaftsprüferkonzerneBerater und gleichzeitig Wirtschaftsprüfer: Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier will die Marktmacht des Vierer-Oligolpols brechen. Lobby-Anwalt Andreas Geiger schildert in seinem Standpunkt für EURACTIV.de, wie der Wettbewerb angeheizt werden kann.

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Dr. Andr" /eas Geiger ist Managing Partner der Lobbykanzlei Alber & Geiger (Brüssel und Berlin) und Autor des "EU Lobbying Handbook". Für EURACTIV.de schreibt Geiger regelmäßig Kommentare zur Tagespolitik (Siehe unten).
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Am 18. Februar 2011 richtete die griechische Europaabgeordnete Niki Tzavela eine parlamentarische Anfrage an EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier, die es in sich hatte. Hintergrund war ein Protest der Wirtschaftsprüfungsunternehmen BDO, Grant Thornton, RSM und Mazars von Anfang Februar, die eine Zerschlagung des Oligopols der sogenannten „Big Four“ gefordert hatten. Eines Oligopols dergestalt, dass Großkonzerne sich häufig nicht trauen, einen anderen Abschlussprüfer als KPMG, Ernst & Young, PWC und Deloitte zu nehmen, da ihnen sonst von den Banken, die hierfür eigens „Big Four“ Klauseln in ihre Verträge schreiben, eventuell der Kredithahn abgedreht wird.

Die Antwort Barniers vom 30. März ist fast noch schärfer formuliert als die parlamentarische Anfrage. Demnach sieht die Kommission das Problem nicht nur, sondern ist auch entschlossen, es zu lösen. Grundlage hierfür ist das Grünbuch der Kommission zum „Weiteren Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“ von Oktober letzten Jahres.

Laut Barnier ist das Ziel dieser Initiative, für mehr Wettbewerb unter den Wirtschaftsprüfern zu sorgen und die Marktmacht der „Big Four“ zu brechen. So sei der Markt für Wirtschaftsprüfung derzeit hyperkonzentriert, das gelte insbesondere für die lukrativsten Segmente des Marktes.

Es ist ja auch keineswegs heute noch so, dass globale Konzerne globale Prüfungs- und Beratungsunternehmen bräuchten und daher nur die „Big Four“ in Frage kämen. Die jeweiligen Landesgesellschaften der Konzerne sind sehr wohl im Stande, dies jeweils regional zu lösen. Eine Zusammenführung der Ergebnisse der unterschiedlichen regionalen Wirtschaftsprüfer auf Konzernebene ist aufgrund einheitlicher Standards und technischer Möglichkeiten heute unproblematisch.

Ferner hat Barnier nicht Unrecht, wenn er anmerkt, das Szenario eines Zusammenbruchs eines der „Big Four“ Unternehmen – die praktisch über 90 Prozent aller großen Konzerne prüfen – zwinge stets zu einem konzertierten Handeln auf EU-Ebene. Ein Zusammenbruch eines dieser Prüfungskonzerne könne – wie dies schon bei den Banken in der Krise unter dem Aspekt „too big to fail“ sichtbar wurde – die Märkte erheblich ins Wanken bringen.

Die Verärgerung des Binnenmarkt-Kommissars

Darüber hinaus ist Barnier auch die Verärgerung darüber anzumerken, dass Prüfer die Bilanzen vieler Banken trotz erheblicher Verluste und Risiken uneingeschränkt testiert hatten und die nun eingetretene Finanzkrise nicht vorhergesehen wurde bzw. nicht vorhergesehen werden wollte. Wohl auch ein Grund für die jüngste Initiative. Denn im Endeffekt musste wieder der Steuerzahler als Retter in der Misere herhalten.

Das Grünbuch hatte die EU-Kommission aufgesetzt, um die Diskussion zu einer grundlegenden EU-weiten Reform des Wirtschaftsprüfungssektor anzustoßen. An der darauffolgenden Konsultation beteiligten sich 700 Unternehmen, Verbände und Wirtschaftsprüfer, deren Antworten 10.000 Seiten umfassten. Ein bislang nie da gewesener Rekord. Aber nachvollziehbar. Denn bei Lichte betrachtet, geht es Barnier um noch viel mehr als um das bloße Aufbrechen des Prüfer-Oligopols.

Auch die Trennung von Prüfung und Beratung soll nunmehr final auf EU-Ebene durchgedrückt werden. Diese Diskussion gab es schon einmal, nämlich nach dem Zusammenbruch von Arthur Andersen im sogenannten Enron-Skandal, dem bislang größten Kriminalfall in der Wirtschaftsprüferbranche.

Wenn der Bock zum Gärtner gemacht wird

Der Branchenprimus der damaligen „Big Five“ hatte sich zum Helfershelfer seines Mandanten bei der Bilanzfälschung gemacht, statt diese aufzudecken, wie es sein Job gewesen wäre.

Grund dafür war maßgeblich der Umstand, dass der Bock zum Gärtner gemacht wurde: Wer heute seinen Mandanten bei der Bilanzierung und Steuergestaltung berät, kann ihn morgen nicht unabhängig in genau diesen Fragen überprüfen. Er prüft sich und seine Beratungsleistung sonst ja quasi selbst. Ein klassischer Interessenkonflikt eben.

Ziel der EU-Initiative ist es daher eben gerade auch, die integrierte Praxis aus Steuerberatung, Rechtsberatung, Unternehmensberatung und Wirtschaftsprüfung aufzuheben. Geeignetster Ansatzpunkt scheint in Europa wie in den USA nach wie vor die Idee zu sein, das Prüfungsgeschäft abzuspalten, also jede personelle und finanzielle Verflechtung zwischen Abschlussprüfern und Beratern zu unterbinden. Was dem bisherigen Geschäftsmodell der Branche – nicht nur der „Big Four“ – den Garaus machen würde.

Denn dieses Modell lebt davon, dass sich die Mitarbeiter der Prüfungsunternehmen am Jahresende aus beiden Töpfen des Konzernergebnisses bedienen können: aus Abschlussprüfung und Beratung.

Das Finanzcasino gefährdet ganze Generationen

Die Denkanstöße der Kommission sind infolge der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise, deren Rettung fast zweieinhalb Billionen europäischer Steuergelder verschlingt, nachvollziehbar. Die Proteste der südländischen Jugend zeigen es deutlich: Das Finanzcasino, an dem sich einige bereichern, gefährdet die Zukunft ganzer Generationen.

Die Jugendmassenarbeitslosigkeit in Spanien beträgt derzeit bei den 15 bis 27jährigen sage und schreibe 45,7 Prozent. Der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer, die den Banken und Unternehmen wenige Wochen vor der Finanzkrise uneingeschränkte Testate erteilten, kann sich daher der Verantwortung und öffentlichen Diskussion nicht entziehen. Insoweit hat Barnier völlig Recht.

Doch was ist der richtige Weg? Dies ist die Frage nach den „Lehren aus der Krise“. Bei der Suche nach geeigneten Maßnahmen für mehr Wettbewerb im Wirtschaftsprüfungsbereich und Qualität der Wirtschaftsprüfung beschreitet die Kommission mit einigen Vorschlägen einen nicht ungefährlichen Weg.

In den USA führte das durch den Sarbans-Oxley Act verankerte Verbot von Nichtprüfungsleistungen dazu, dass Unternehmen, die Beratungsleistungen von drei der „Big Four“ Unternehmen erhalten, als Prüfer automatisch an das vierte gebunden sind. Wettbewerbsfeindlicher kann eine Regelung eigentlich nicht sein.

Drei Überlegungen zu den Großen Vier

Überlegungen gehen deshalb nunmehr dahin, für die „Big Four“ Nichtprüfungsleistungen insgesamt zu verbieten – oder das Verbot in Gänze wieder aufzuheben. Dabei müssen drei Überlegungen im Vordergrund stehen:

1. Fairer Wettbewerb und Unabhängigkeit werden im kapitalistischen System seit jeher und zu Recht als die effektivsten Mittel für Qualität angesehen. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel, jedes Oligopol zu bekämpfen, per se richtig, solange das Oligopol nicht den einzigen Weg darstellt, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Letzteres ist – anders als beim Trinkwasser – vorliegend sicher kein Argument.

2. Der von der Kommission erwägte Ausbau des Verbots von Nichtprüfungsgesellschaften, die Schaffung reiner Prüfungsgesellschaften und ein obligatorischer Wechsel von Prüfern können auch kontraproduktiv sein. Es braucht Zeit, bis sich ein Wirtschaftsprüfer in die Strukturen eines zu prüfenden Unternehmens eingearbeitet hat. Ein ständiger Wechsel der Prüfer könnte hier zum Problem werden. Andererseits: Wirtschaftsprüfung ist nicht Rocket Science. Und so exorbitant unterschiedlich sind die Strukturen großer Konzerne dann im Einzelfall ja nun auch wieder nicht. Sie wurden ja bei ihrer Gestaltung nicht zuletzt auch alle von denselben Leuten mit denselben Modellen beraten.

3. Richtig ist sicherlich auch, dass jemand, der nicht nur prüft, sondern auch berät, ein besseres Verständnis für die Probleme der Unternehmen entwickelt. Wie oft hätte sich mancher Unternehmer gewünscht, dass der Steuerprüfer vom Finanzamt zuvor auch mal als Steuerberater gearbeitet hätte. Einfach nur, um zu verstehen, wo die Praxisprobleme liegen.

Ähnliches gilt sicher auch für die Wirtschaftsprüfung und die sogenannte prüfungsnahe Beratung. Die Schaffung reiner Prüfungsgesellschaften würde hier im Alltag  mit dem Verlust von „Know-how“ einhergehen. Wobei auch dieses Problem lösbar wäre. Jemand, der dann morgen in einer Prüfungsgesellschaft arbeitet, wird dann eben übermorgen von einer Beratungsgesellschaft abgeworben (und umgekehrt), um genau dieses „Know-how“ für die Firma einzukaufen. Er als Person kann ja gern beide Berufe ausüben. Nur eben nicht mehr im selben Unternehmen und zur selben Zeit.

Was tun?

Was also tun? Eine generelle, obligatorische Doppelprüfung durch zwei Abschlussprüfer – unter Beteiligung nur einer der „Big Four“ – würde das Unabhängigkeitsproblem sicher lösen. Vier Augen sehen mehr als zwei – insbesondere auch Dinge, die mancher nicht sehen will. Dies wäre aber mit extremen Mehrkosten für die Unternehmen verbunden.

Vielleicht läuft es daher im ersten Schritt eher doch nur auf die Oligopolbeseitigung und nicht auf die Prüfungsabspaltung hinaus: ein Verbot der eingangs bereits erwähnten „Big Four“-Klauseln in den Kreditverträgen der Banken, welche bislang als Haupthindernis dafür angesehen werden, dass DAX-Konzerne sich nur an die „Big Four“ halten. Dies würde den kleineren Prüfungsgesellschaften ermöglichen, im Konzert mitzuspielen. Und den Wettbewerb anzuheizen.

Sicher scheint derzeit nur eins: Barnier hat zum Halali geblasen. Die Großwildjagd auf die „Big Four“ ist eröffnet.


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Links

Europäisches Parlament: Ending the Big Four’s dominance (Englisch)

Europäisches Parlament: Ende der Vorherrschaft der Big Four (Deutsch)

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