Wissmann (VDA) warnt vor Zerfall der Euro-Zone

© S.Perkiewicz / PIXELIO

Während deutsche Automobilhersteller in Europa und auf dem Weltmarkt wachsen, werden Frankreich und Italien immer schwächer. Für Matthias Wissmann, den Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie, ist das alarmierend. So könne die Euro-Zone nicht halten, sondern drohe auseinanderzubrechen: „Wer Europa überstrapaziert, macht es kaputt.“

Zur Person

" /Matthias Wissmann (63) ist seit 2007 Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Davor war er CDU-Politiker: von 1976 bis 2007 Mitglied des Deutschen Bundestages; 1993 vorübergehend Bundesminister für Forschung und Technologie und von 1993 bis 1998 Bundesverkehrsminister.

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Statt sich schlicht über die deutschen Erfolge zu freuen, macht Matthias Wissmann aus seiner Sorge und seinem Unmut kein Hehl – seiner Sorge über die abnehmende Leistungsfähigkeit wichtiger Euro-Partnerländer und seinem Unmut über Brüssels Krisenpolitik. Der ehemalige CDU-Politiker und Ex-Verkehrsminister warnt in den "Berliner Wirtschaftsgesprächen" (BWG) im Capital Club am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte vor dem Auseinanderbrechen der Euro-Zone. Begründung: Mit Ausnahme Deutschlands seien die Euro-Staaten immer weniger leistungsfähig – vor allem Frankreich und Italien. 

Frankreich zu wenig exportaktiv

Wissmanns größte Sorge richtet sich demnach auf die Frage, ob alle strategischen Interessen überhaupt noch so ausgerichtet seien, dass die Euro-Zone zusammenbleibe.

Konkret meint der oberste Interessenvertreter der deutschen Autokonzerne die Schwäche Frankreichs, immerhin wichtigster Partner Deutschlands in Europa.

Anfang der 2000er Jahre betrug der deutsche Industrieanteil an der Bruttowertschöpfung 25 Prozent, zusammen mit industrienahen Dienstleistungen sogar ein Drittel. Somit sei Deutschland klar industriegeprägt.

In Frankreich dagegen betrug dieser Wert rund 18 Prozent zu Beginn der 2000er Jahre, und derzeit liege er sogar unter 13 Prozent.

Die Gründe dafür ortet Wissmann vor allem in der Entwicklung der Lohnstückkosten. Die Lohnstückkosten in Frankreich, Italien und Spanien seien in den vergangenen zehn Jahren deutlich stärker gestiegen als in Deutschland. Frankreich habe im Vergleich zu Deutschland generell viel zu wenige exportaktive Unternehmen.

Im Vergleich zu Italien, Spanien und Frankreich sei Deutschland in den vergangenen zehn Jahren vernünftig geblieben: Die verantwortungsvollen Gewerkschaften und die ebenso verantwortungsvollen Unternehmensführer haben, so Wissmann, eine gelungene Tarifpolitik gemacht.

Italien erzeugt nicht mal mehr 500.000 Autos

Die Konsequenz der abnehmenden Leistungsfähigkeit für die Automobilindustrie: Während deutsche Pkw-Hersteller im Inland 5,5 Millionen Einheiten produzieren und trotz der Krise Marktanteile dazugewinnen, sieht es in anderen wichtigen Industrienationen ganz anders aus.

Frankreich produziere jetzt nur noch 1,9 Millionen, früher 3 Millionen Fahrzeuge. Und Italien erzeuge überhaupt nur noch maximal 500.000 Fahrzeuge.

"Wenn diese Länder den Re-Industrialisierungsprozess nicht stärken, wird es sehr schwer, die Euro-Zone zusammenzuhalten, da die zugrundeliegenden Faktoren immer brüchiger werden", konstatiert Wissmann.

Denn auf Dauer werde man die Euro-Zone nur zusammenhalten können, wenn die Industrie in Europa gestärkt werde. Er vermisse jedoch die dafür nötige Dynamik in der Industriepolitik der Euro-Länder. Abgesehen von Deutschland gehe der industrielle Anteil an der Bruttowertschöpfung praktisch überall seit langem zurück.

"Erschreckender Befund" 

Er sehe vereinzelt hoffnungsvolle Zeichen, beispielsweise die Tarifvereinbarungen in Spanien. Die führten immerhin dazu, dass sogar Renault nicht in Frankreich selbst, sondern nun in Spanien investiere und dort 1.500 neue Jobs schaffe.

"Das ist ein erschreckender Befund!", kritisierte Wissmann die Franzosen. "Die deutschen Gewerkschaften und die deutschen Sozialdemokraten sollten ihren europäischen Nachbarn klarmachen, was die Grundvoraussetzungen sind."

Paradigmenwechsel in Deutschland?

Deutschland selbst dürfte aber nicht, weil es ihm jetzt zu gut gehe, in Gefahr laufen, die falsche Richtung einzuschlagen. "Da habe ich die Sorge, dass wir gegenwärtig einen Paradigmenwechsel erleben." Er sehe das an den Talkshows: Früher sei es um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit gegangen, heute gehe es nur noch um Gerechtigkeit. Die Vorstellung von erhöhter Einkommenssteuer, Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer bereite ihm "riesige Sorgen für Familienunternehmen".

Während andere Länder wettbewerbsfähiger werden müssten, fahre Deutschland eine hochproblematische Strategie, wonach Deutschland lockerer und bei Löhnen großzügiger werden solle.

Alarmierend sei für ihn der SixPack, jenes von Regierungschefs, Parlament und Kommission verabschiedete Gesetzespaket zur Krisenbekämpfung und Finanzkontrolle. Darin ist vorgesehen, Exportüberschüsse zu vermeiden und notfalls sogar zu sanktionieren. Das sei ein völlig falsches Signal, wenn die Starken schwächer werden sollen, statt dass die Schwachen stärker werden. Darunter werde die gesamte Euro-Zone leiden.

Weltweit deutsche Erfolge mit Premium-Marken

80 Prozent der Premium-Marken weltweit kommen aus deutschen Firmen. Da im Jahre 2020 drei Milliarden Menschen der Mittelschicht angehören werden, dürfe das mittlere und obere Segment der Autos nicht vernachlässigt werden. Bei den Premium-Marken gehe es nicht um Länge mal Breite mal Fläche, sondern um Werte, Luxus und Qualität.

Den Trend zu Klein- und Kleinstfahrzeugen finde er zwar schön, "aber die bringen dem Standort Deutschland überhaupt nichts". Das kleinste Auto, das etwa Volkswagen noch in Deutschland produziere, sei der Golf. Für die Produktion kleinerer Autos komme nicht einmal mehr Osteuropa als Standort in Frage.

Starke Position der EU gegenüber den USA und Asien

Derzeit werden 30 Prozent der Fahrzeuge aus Deutschland in die Eurozone exportiert. 70 Prozent (mit wachsender Tendenz) gehen in alle Welt. Hier zeige Europa seine Stärke gegenüber den USA und Asien. Wenn sich die Schwächeren in der Wettbewerbsfähigkeit nicht an den positiven Beispielen ausrichteten, werde diese Position nicht zu halten sein.

"Wer Europa überstrapaziert, macht es kaputt"

Im Falle Italien sorge er sich, "ob ein so kluger Mann wie Mario Monti nach der Wahl noch Einfluss haben wird", und im Falle Frankreich sorge er sich über die völlig veränderte Struktur bei den Tarifparteien. Daraus resultiere seine große Sorge, nämlich dass auch in Deutschland die Zahl der EU-Sympathisanten kleiner werde. "Wer Europa überstrapaziert, macht am Ende den europäischen Gedanken kaputt."

An die deutschen Politiker appelliert er: "Bleibt europafreundlich, aber opfert auf dem europäischen Altar nicht die Substanz dessen, was die Menschen hier erarbeitet haben."

Ungesättigte Märkte in den Schwellenländern

2012 habe Deutschland auf dem Weltmarkt 68 Millionen Fahrzeuge verkauft, im laufenden Jahr werden es mindestens 70 Millionen Stück sein, prognostiziert Wissmann. 2020 werden es bereits 90 Millionen Fahrzeuge sein, die deutsche Hersteller weltweit verkaufen, zitiert Wissmann Marktforschungsinstitute.

Die Perspektiven: Der deutsche Markt sei mit 500 Fahrzeugen pro 1.000 Einwohnern gesättigt. Ungesättigt sei der Markt in den Schwellenländern. In China (30 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner) und Indien (11), aber auch in anderen asiatischen Ländern sowie in Lateinamerika und Afrika wachse die Nachfrage.

Auf dem gesamten Weltmarkt haben deutsche Autos "einen sensationellen Marktanteil von 20 Prozent". Allein in China seien zu 22 Prozent Fahrzeuge aus deutscher Produktion unterwegs. Auf dem europäischen Markt seien deutsche Autos zu mehr als 50 Prozent präsent.

5,5 Millionen der deutschen Fahrzeuge werden in Deutschland selbst, 7,5 Millionen bereits im Ausland hergestellt. Vor zehn Jahren lauteten diese Zahlen noch 4 Millionen bzw. 1 Million.


Ewald König

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des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) 

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