Wer sich heute im Schönheitswettbewerb um möglichst niedrige CO2-Emissionsnormen profiliert, verdrängt im Namen der Umwelt die komplexe Lebenswirklichkeit und träumt vom europäisch genormten Menschen im europäisch genormten Miniauto. In der Debatte um die Verschiebung der Ratsentscheidung über neue Abgasgrenzwerte für Autos sieht Petra Erler zu viel Populismus und Schwarz-Weiß-Malerei.
Die Autorin
Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der "The European Experience Company GmbH" in Potsdam und ehemalige Kabinettschefin des damaligen EU-Kommissars Günter Verheugen in Brüssel.
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Wer gegen schärfere CO2-Regelungen für Autos ist – der ist gegen Klimaschutz und am Gängelband der Industrie, so tönte es, als die Bundesregierung in der vergangenen Woche die Ratsentscheidung über entsprechende europäische Regeln auf den Herbst verschieben konnte.
Ein Hoch auf solche Polemik, denn wer will sich schon als Industrielobbyist verrufen oder als Klimaschwein brandmarken lassen?
Nur leider ist dieses Entweder-Oder-Geschrei nicht nur dumm und dreist. Dahinter steckt gefährlicher Populismus. Er spielt mit unserem Bedürfnis, das Richtige zu tun, und hindert uns gleichzeitig daran zu erkennen, dass das Richtige viele Facetten hat, die sich nicht in Schwarz-Weiß-Malerei darstellen lassen.
Nehmen wir also die Autos, die ohne Zweifel heute noch klimaschädliches CO2 emittieren (jedenfalls dann, wenn sie nicht in der Garage herumstehen, sondern gefahren werden). Damit wir etwas umweltpolitisch Richtiges tun, könnten wir alle im Namen der Umwelt darauf verzichten, ein Auto zu fahren. Schluss mit der Nachfrage.
Das geht nicht, werden die einen sagen, wenn das Autowerk schließt, ist mein Arbeitsplatz weg, meine ganze Familie gefährdet, nicht nur die der Autobauer.
In der Tat, auch die Kfz-Mechaniker oder die Reifenhersteller könnten einpacken. Strukturwandel, könnte man entgegnen, hat auch die Kohlebergwerker getroffen, ist nun mal so. Und die vielen Menschen, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, den Wocheneinkauf erledigen, die Kinder zur Kita oder Schule bringen, die Eltern oder Großeltern besuchen, die jwd ("janz weit draußen", Anm.d.Red.) leben? Aus und vorbei? Und was ist mit der Wochenend-Spritztour ins Umland, die dann auch wegfiele? Der Landgasthof müsste ohne seine Gäste ebenfalls dichtmachen, auch die Fischer und die Bauern der Umgebung, die ihn beliefern.
Radikallösungen taugen nicht
Eine derartige Radikallösung taugt also nicht – Klimaschutz hin oder her. Bleibt nur, die Emissionen bei den Autos zu vermindern.
Das Elektroauto wäre ideal, aber nur wenn es vollständig mit Strom aus regenerativen Energien betrieben wird. Anderenfalls gehen die Emissionen im Straßenverkehr runter und an anderer Stelle wieder rauf, da wir mehr Strom nachfragen würden. Auch muss es längere Strecken bewältigen können als heute, bis es wieder ans Netz muss. Das Elektroauto wird also auf absehbare Zeit auch nicht die Wende bringen.
Übrig bleibt deshalb nur, Autoherstellern vorzuschreiben, wie viel CO2 ihre Autoflotte im Durchschnitt emittieren darf, und dabei konsequent und strikt zu sein. Schließlich haben die Hersteller in den vergangenen Jahren viel versprochen und wenig gehalten. Also muss der Gesetzgeber ran, und das ist gut so.
Renaissance der "Rennpappe"?
Aber da sind verschiedene Fragen zu bedenken: Die erste ist rein physikalischer Natur – je größer ein Auto ist, um so mehr Energie verbraucht es, um sich fortzubewegen. Wer also die Autoemissionen drastisch senken will, muss sich demnach für ein klitzekleines und leichtes Auto entscheiden. Die "Rennpappe", ein Trabi mit neuem Motor, wäre aus Umweltsicht ideal. Leider hat Masse aber auch etwas mit Sicherheit zu tun.
Längst gibt es jede Menge europäischer Sicherheitsauflagen, um mit größerer Wahrscheinlichkeit Unfälle zu überleben oder mit leichten Verletzungen davonzukommen. Das setzt technologische Grenzen, das kleine Plastikauto wäre schon deshalb abstrus.
Dann ist da noch die Frage des Klimas. Entgegen landläufiger Annahme ist die Entscheidung für ein bestimmtes Auto nicht allein eine Frage des Geldbeutels oder des Geschmacks. Wer in einem Land mit langen und strengen Wintern, mit viel Eis und Schnee lebt, kauft andere Autos als jemand mit mildem Winter. Das erklärt, warum in der EU die Esten, die wahrlich kein reiches Volk sind, im Durchschnitt die größten Autos fahren und die Portugiesen und die Italiener die kleinsten.
Außerdem spielt die Familiengröße eine Rolle. Ein Single kann ein Kleinstauto erwägen, nicht aber eine Familie mit Kindern. Die wollen und brauchen Platz. Wenn wir Kinder in unserer Gesellschaft haben wollen, werden auch die Autos dazu passen müssen, genauso wie die Wohnungsmieten, die Arbeitszeiten oder die Kita-Plätze. Unglücklicherweise – zumindest unter CO2-Gesichtspunkten – sind wir zudem wesentlich größer (und auch breiter um die Taille herum) als Menschen vor hundert Jahren. Jemand, der mehr als 1,80 Meter misst, wird sich nicht in einen Kleinstwagen quetschen.
Zudem gibt es viele, die einfach gerne große Autos fahren und diesem Bedürfnis auch nachgeben. Dank solcher Kunden geht es uns Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern so gut, denn hier hängen viele Arbeitsplätze von solchen Fahrzeugen ab, die sich weltweit bestens verkaufen. Warum sollten wir uns dieses Faustpfands berauben und dabei Millionen Arbeitsplätze bei uns vernichten?
Wer sich heute im Schönheitswettbewerb um möglichst niedrige CO2-Emissionsnormen profiliert, verdrängt im Namen der Umwelt diese komplexe Lebenswirklichkeit und hängt dem fatalen Wunsch nach dem europäisch genormten Menschen im europäisch genormten Miniauto nach.
Umweltschonende Auto müssen bezahlbar bleiben
Mein Traum ist ein anderer: Vielfalt muss auch bei den Autos der Zukunft herrschen, aber sie sollten mit null Emissionen fahren, weil der Strom nur regenerativ erzeugt wird, und ihre Batterien müssen so leistungsstark werden, dass sie volle Mobilität gewährleisten. Und: Autos müssen bezahlbar bleiben, damit individuelle Mobilität nicht zum Privileg einiger Weniger wird. Das sündhaft teure umweltschonende Auto (wie das von George Clooney) ist keine echte Lösung.
Für die umweltfreundlichen Autos der Zukunft wird es immense Forschungsanstrengungen und Innovationen brauchen, die nur durch wenige europäische Ländern überhaupt leistbar sind. Das gleiche gilt für den Kampf um jedes weitere eingesparte Gramm CO2. Und wo Neuland betreten wird, sind auch Irrwege und Scheitern möglich, bis der Erfolg sich einstellt. Das alles braucht Zeit.
Deutschland ist in der glücklichen Lage, ein Standort solcher Innovationen zu sein, denn wer gut verkauft, hat auch das notwenige Geld für die Forschungsanstrengungen. Deshalb muss Deutschland klimaschonende Innovationen bei Pkws treiben, mit Ehrgeiz, aber auch mit Vernunft – und die vielen Facetten des Lebens fest im Auge behaltend.
Zudem ist Klimaschutz im privaten Pkw-Verkehr nicht nur eine Sache europäisch festgelegter Emissionsgrenzwerte. Wir haben es auch selbst in der Hand, effektiv zu niedrigeren Pkw-Emissionen beizutragen. Wir brauchen moderne Städte mit gut ausgebautem und bezahlbarem öffentlichem Nahverkehr für Jedermann und mit klugen Verkehrsführungen, die Staus vermeiden. Bei jeder Bürgermeisterwahl sollte das ganz oben auf der Agenda stehen.
Wir sollten zudem nicht vergessen, dass Umweltbewusstsein sich nicht an der Größe des eigenen Autos misst, sondern daran, wie und wann man es benutzt. Man kommt auch ohne Bleifuß ans Ziel. Man kann zudem sein Auto mit jemandem teilen – oder auch stehen lassen, laufen oder radfahren.
Aber selbst solches Verhalten hätte einen Anstieg von CO2-Emissionen zur Folge, denn Bewegung und Sport verschlechtern die CO2-Bilanz eines Menschen. Kurz gesagt: Ausschließlich unter Klimaschutzgesichtspunkten betrachtet ist der sich bewegende, sportlich-muskulöse Mensch gegenüber dem auf der Couch liegenden Fettsack der reinste CO2-Emissionsskandal. Allein, nur ein Narr würde dem Fettsack huldigen.
Links
EURACTIV.de: CO2-Grenzwerte: Deutschland verhindert Abgaskompromiss (28. Juni 2013)
EURACTIV.com: Diplomat: Germany ‘dictated’ delay to CO2 in cars deal (28. Juni 2013)
EURACTIV.de: EU einigt sich auf schärfere CO2-Vorgaben für Autos (25. Juni 2013)

