Markus Kerber (BDI): Warum Deutschland viele gute Jahre vor sich hat

Wo der Euro rollt... Foto: Lilo Kapp / pixelio.de

Wenn Deutschland keine entscheidenden Fehler mache, habe es viele gute Jahre vor sich, ist BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber überzeugt. Für manche europäische Partner hat die deutsche Industrie jedoch reichlich Kritik übrig.

Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer und Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) legte am Mittwochabend vor niedersächsischen Unternehmern die Sichtweise der deutschen Industrie auf die Lage in Europa offen. Eingeladen hatten die Wirtschaftsförderungsgesellschaft "hannoverimpuls" und die Sparkasse Hannover.

Deutschland geht es laut Kerber gut. Das Land verfüge über einen robusten Arbeitsmarkt und stabilen Konsum. "Die Deutschen geben ihr Geld aus." Das Land verfüge über höhere Ausgaben im Konsum als andere Länder Europas. Das halte die Wirtschaft auf Trab.

Auch konjunkturell seien im Vergleich zum schlechteren Vorjahr Entspannungstendenzen zu erkennen – dank der guten Entwicklung in den USA und dem Durchschreiten des Konjunkturtals in der Eurozone. Auch habe sich die Fallgeschwindigkeit der italienischen Wirtschaft extrem verringert. Italien sei nicht nur wegen seiner Industrie im Norden ein wichtiger Partner für Deutschland, sondern auch auf politischer Ebene innerhalb der EU.

Aber die positiven Perspektiven in Deutschland gehen einher mit Unzulänglichkeiten in anderen EU-Ländern. Zum Beispiel im Ausbildungssystem: Für Deutschland sei die nahezu einzigartige Verbindung aus dualer Ausbildung und Transfer in die Betriebe einer  der Erfolgsgaranten. Nicht so in anderen Ländern.

Kein kulturelles Verständnis für duale Ausbildung

Zwar habe auch Frankreich gute Ausbildungsangebote, doch gehe dort die Bildungselite viel eher in Politik und Verwaltung statt in die Industrie. Oft herrsche auch wenig Verantwortungsempfinden bei den Arbeitgebern. Als Beispiel nannte Kerner Spanien. "Unternehmer haben dort kein kulturelles Verständnis, warum sie langfristig in einen Jugendlichen investieren sollten." Kurzfristige Gewinnmaximierung stehe im Vordergrund – im Gegensatz zu langfristigen Investitionen in die duale Ausbildung der jungen Generation, wie sie in Deutschland üblich sei, aber in anderen Kulturen auf Unverständnis stoßen.

"Wir tun uns in Deutschland schwer, im europäischen Ausland Menschen zu finden, die in unser deutsches System passen", fasste Kerber seine Kritik zusammen.

Auch der "Offenheitsgrad" der nationalen Wirtschaften sei unterschiedlich. Zwar hätten auch andere Regionen Europas gute Produzenten, doch seien die nicht so exportorientiert wie deutsche Unternehmen. Deutschlands  Öffnung mache das Land international so wettbewerbsfähig. Auf Grund des sehr hohen "Offenheitsgrades" der deutschen Wirtschaft mache der Export gut die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsproduktes aus.

Das sei vielversprechend, da rund 75 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums durch die Schwellenländer generiert werde –  Länder, mit denen Deutschland gute Geschäftsbeziehungen pflege und ausbaue.

Den meisten Entscheidern in der Politik sei jedoch gar nicht bewusst, wie abhängig Deutschland ist. Für Kerber stehe das Land jedoch erst am Anfang einer positiven Entwicklung. "Wir haben in Deutschland noch viel bessere Jahre vor uns, wenn wir nicht entscheidende Fehler machen!" Risiken lägen beispielsweise in China, wo das Wirtschaftswachstum von neun auf "nur" sieben Prozent sinken und dadurch die wachsende Nachfrage nicht mehr befriedigt werden könne, was wiederum soziale und politische Risiken mit sich bringe.

"Ein langer Weg, um sich dem deutschen Niveau zu nähern"

Kern der Leistungsfähigkeit Deutschlands sei weiterhin die starke industrielle Basis. 23 Prozent der Wertschöpfung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, werde durch die Industrie realisiert. Rechne man die industrienahen Dienstleister dazu, komme man auf ein Drittel der gesamten Wertschöpfung. Auch hier sparte Kerber nicht mit einem Seitenhieb. Länder wie Großbritannien und Frankreich haben lediglich elf Prozent industrielle Basis. "Wenn man dort von Re-Industrialisierung spricht, bedeutet das einen langen Weg, um sich dem Niveau Deutschlands zu nähern."

Ein weiterer Erfolgsfaktor, der Deutschland von anderen Partnern unterscheide, sei die integrierte Wertschöpfungskette, jene

einzigartige Verbindung von Großkonzernen und kleinen Unternehmen, in der Dax-Unternehmen und Mittelständler, Produzenten und Dienstleister integriert zusammenarbeiten. Dieses Rollenspiel sei perfekt, so Kerber. "Die Zahnrädchen in der Wertschöpfungskette greifen gut ineinander."

Keine Alleingänge Deutschlands

Die teilweise isolierte Betrachtung der Politik kritisierte Kerber: Man dürfe nicht nur einzelne Rädchen beachten, sondern müsse die Gesamtheit der Wertschöpfungskette im Auge behalten. Beispiel Energiewende: Einzelne Bereiche zu regulieren, ohne die Auswirkungen etwa auf die energieintensiven Industriebereiche zu berücksichtigen, sei zu kurzsichtig.

Alleingänge Deutschlands kommen für den BDI nicht in Frage: "Das Land braucht ein Europa der industriellen Wettbewerbsfähigkeit", betonte der BDI-Vertreter. Zwischen den Wirtschaftsblöcken USA und Asien könne Europa nur geeint bestehen. Die Rückkehr zu nationalen Bestrebungen sei aus BDI-Sicht zurückzuweisen. Kerber zum Euro: "70 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen nach Europa. Wir sind dazu verdammt, diesen Euro zu retten."


tom

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EURACTIV.de:
BDI wirft EU-Kommission Doppelzüngigkeit vor (8. August 2013)

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