Wie und wo wird Europas Wirtschaft am besten am Laufen gehalten? Die Krise zwingt Konzerne zu mehr Effizienz und somit zum Nachdenken, ob sie ihre Zentrale verlagern und was sie – zwei Jahrzehnte nach der Wende – mit ihren Osteuropa-Zentralen tun sollen. Der Headquarter-Kongress in Wien sucht Antworten darauf.
Schlankere Strukturen und immer mehr Zentralisierung – große Unternehmen und multinationale Konzerne sehen sich durch Krise und Kostendruck zunehmend gezwungen, ihre eigenen Strukturen effizienter zu nutzen. Die Folge sind der Trend zur Zentralisierung und eine Verschiebung im Verhältnis zwischen der Konzernführung im Headquarter und den regionalen Zentralen. Das wirft viele Fragen auf.
Die Öffnung Mittel- und Osteuropas vor mehr als zwanzig Jahren war nicht nur für die österreichische Wirtschaft ein Glücksfall, sondern speziell auch für die Stadt Wien. Wegen ihrer Lage vor den Toren Osteuropas und des Balkans eignete sich Wien bestens als Standort für Headquarter.
Rund 240 regionale Headquarter ausländischer multinationaler Konzerne, die für Mittel- und Osteuropa zuständig sind, sitzen in Wien. Noch ist diese Position als Standort für Firmenzentralen im Vergleich mit Ungarn, Tschechien oder Slowakei nicht wirklich gefährdet.
Was soll zentral, was regional entschieden werden?
Aber wie lange noch? Wie viele regionale Headquarter braucht ein internationaler Konzern? Was lässt sich am besten zentral erledigen, was regional? Wieviel Autonomie soll vor Ort bleiben?
Ab welchem Punkt sind die Vorteile Wiens – seine Lage, seine Infrastruktur, seine Lebensqualität und seine Personalqualifikation – dem Kostendruck unterzuordnen? Ab wann wird die hohe Steuerbelastung zum starken Argument?
Welche Alternativen haben Konzerne, wenn sie regionale Headquarter schließen? Wie können sie die lokale Marktnähe erhalten? Wie sieht die optimale Balance zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung aus?
Neuorientierung 20 Jahre nach Europas Öffnung
"Nach mehr als 20 Jahren der Öffnung in Europa stellen sich viele Unternehmenszentralen die Frage, wie ihre Rolle angesichts zahlreicher wirtschaftspolitischer Herausforderung sein soll. Stichwort Basel III, Euro-Krise oder Sparkurs. Wie Unternehmenszentralen ihre Niederlassungen am besten managen und wie sie als Zentrale ihre Führungsarbeit gestalten sollen, sind die brennendsten Fragen", betont Leo Hauska, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Hauska & Partner und Begründer der Plattform Headquarters Austria.
"Gerade in einer sehr volatilen Wirtschaft und in einem sehr komplexen Umfeld, das durch unterschiedliche Sprachen und Kulturen geprägt ist, haben die Headquarter viele komplexe Aufgaben zu meistern." Für die nächsten 20 Jahre sei es entscheidend, wie Unternehmenszentralen das Management und die gesamte Struktur aufstellen, um einen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg in Europa zu erreichen, so Hauska.
Studie der Wirtschaftsuni: Noch droht keine Abwanderungswelle
Arnold Schuh, Direktor des Kompetenzzentrums für Mittel- und Osteuropa an der Wirtschaftsuniversität Wien, präsentiert auf dem Kongress eine Studie zu Zukunft und Aufgaben der Unternehmenszentralen. Die Ergebnisse der Studie lassen noch nicht erkennen, dass aktuell eine Abwanderungswelle oder Schließungswelle drohe.
Die meisten der Osteuropazentralen in Österreich wurden bereits in Neunziger-Jahren kurz nach der Wende gegründet, haben das Stammhaus in Deutschland und sind im Durchschnitt für zehn bis 15 mittel- und südosteuropäische Ländergesellschaften zuständig.
Der "1st European Headquarters Congress 2012" findet am 4. und 5. Oktober in Wien statt. Einer der Hauptredner des zweitägigen Kongresses ist der frühere EU-Kommissar Günter Verheugen. Eröffnet wird die Veranstaltung durch den österreichischen Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und die Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, Brigitte Jank.
EURACTIV.de ist Medienpartner des Wiener Kongresses und wird darüber berichten.
Ewald König
Link:
Homepage des "1st European Headquarters Congress 2012"

