Die Community der EU-Akteure ist riesig. Sie besteht aus 100.000 Menschen, die in Brüssel arbeiten, und weiteren 700.000, die in den Mitgliedsstaaten tätig sind – im öffentlichen und privaten Bereich. Welches Profil haben sie? Zwei Experten von EURACTIV Brüssel stellen die Szene der „Berufseuropäer“ vor.
I. Arbeiten in Brüssel – nicht nur in den EU-Institutionen selbst
Mehr als 100.000 Menschen arbeiten in Brüssel für die EU. Nur 50 Prozent davon arbeiten in den EU-Institutionen selbst. Die anderen 50.000 arbeiten in Industrieverbänden, Beratungsfirmen, Medien, Unternehmensorganisationen, Non-Profit-Organisationen, Think Tanks, regionalen und städtischen Vertretungen etc.
Ihr Ziel ist es, ihre Ansichten oder die ihrer Mitglieder als Stakeholder der EU zu vertreten und zu vermitteln. Dafür brauchen sie Angestellte – was diesen viele neue Chancen beschert.
Als Hauptstadt Europas besitzt Brüssel einen untypischen und sehr speziellen Arbeitsmarkt. Da gibt es sektorale, nationale, regionale und internationale Stakeholder, die gemeinsam mit den EU-Institutionen die sogenannte Community der EU-Akteure bilden.
Statistiken zeigen, dass aufgrund des dynamischen Arbeitsmarktes in Brüssel jährlich 5.000 Jobs auf jeder Ebene, also niedrige, mittlere und hohe Positionen, zur Verfügung stehen.
Dies kann daher nur ein oberfllächlicher Blick auf die Jobmöglichkeiten in Brüssel sein. Je nach Interesse und Berufserfahrung gibt es mehr Branchen und Tätigkeitsbereiche, die man sich ansehen kann: Anwaltskanzleien, politische Parteien, Plattformorganisationen, internationale Organisationen in Brüssel (UN, etc.)
1. Ständige Vertretungen
Jeder EU-Staat hat in Brüssel eine Ständige Vertretung bei der EU. Diese Büros vertreten das Interesse des Landes in der EU und beraten ihre nationalen Politiker wie etwa den Regierungschef oder den Europaminister in politischen Angelegenheiten. Zusätzlich gibt es ungefähr 300 europäische Regionen und Städte, die ebenfalls Ständige EU-Vertretungen in Brüssel haben.
So gibt es zum Beispiel die "Vertretung von Venetien", das "Europäische Büro von West-Finnland" oder die Vertretung der "Stadt Prag". Diese regionalen und städtischen Büros repräsentieren und werben für ihre Regionen und Städte. Dabei bieten sie ihren Bürgern Dienstleistungen, allerdings in beschränktem Maße.
2. Industrie und Gewerkschaften
Ungefähr 400 Unternehmen wie Microsoft, Shell und Visa; 3.000 industrielle Vereinigungen wie die Europäische Bankenvereinigung, das Windenergienetzwerk European Wind and Energy Association und der Dachverband der europäischen Metallindustrie Eurometaux; zahlreiche Gewerkschaften und Handelskammern wie die britische und die serbische Handelskammer und die einzelstaatlichen Industrie- und Handelskammern Eurochambers haben Niederlassungen in Brüssel, um in der Community der EU-Akteure präsent zu sein. Auch wenn viele dieser Büros mit bis zu fünf Mitarbeitern oder gar nur einer Person sehr klein sind, sie arbeiten im oder für den Bereich Public Affairs.
3. Beratungsdienste
Es gibt ungefähr 400 Beratungsfirmen in Brüssel. Sie unterscheiden sich von "normalen" Beratungsstellen insofern, als dass sie sich hauptsächlich mit EU-Angelegenheiten beschäftigen. Beratungsdienste konzentrieren sich auf Public Affairs (Edelman, Pleon, Fleishman Hillard, Cabinet DN, etc.); Public Relations (Ogilvy, Hill & Knowlton, Burson-Marsteller, Grayling, etc.); EU Projekt Management (Mostra, Gopa-Cartemill, Tipik, Quentes, etc.); und Verbandsmanagement (Kellen Europe, AGEP, etc.). Die Teams, die in den Beratungsfirmen arbeiten, sind international, multilingual, vielfältig und dynamisch und bieten dauerhaft Dienstleistungen mit wirtschaftlichem Gewinn.
4. Medien
Es gibt zirka 1.000 Journalisten, die aus Brüssel berichten. 95 Prozent der Journalisten in Brüssel sind Korrespondenten nationaler Medien. Die Zahl der Journalisten wird wegen finanzieller Krisen niedriger, aber auch weil technologische Entwicklungen es leichter machen, aus nationalen Büros über die EU zu berichten.
Die verbleibenden 5 Prozent bestehen aus spezialisierten EU-Medien (drei Prozent) wie EURACTIV, European Voice und EU Observer sowie internationalen Medien (zwei Prozent) wie der Financial Times (FT), dem Wallstreet Journal und der International Herald Tribune.
5. Nichtregierungsorganisationen und Think Tanks
Auch Nichtregierungsorganisationen wie WWF, Greenpeace, Oxfam, Rotes Kreuz, Europäisches Jugendforum und Caritas Europa haben ihre Niederlassungen in Brüssel.
Brüssel beherbergt ferner Think Tanks wie Friends of Europe, das Zentrum für Europäische Studien, das Zentrum für Europäische Politik, etc. Diese bieten ein Diskussionsforum für EU-Angelegenheiten und besitzen hauseigene Forschungsbereiche sowie weitreichende Netzwerke über weltweite Partnerinstitute.
II. Brüssel – wo "Signale" den Unterschied bei der Bewerbung ausmachen
Der untypische und spezielle Arbeitsmarkt in Brüssel erfordert eine untypische und spezielle Bewerbung. Es gibt einen fantastischen Fundus an Erfahrung, mit einem Berg von Diplomen und Zeugnissen.
Nur wenige Menschen verstehen allerdings die Ausmaße des Marktes, der sie umgibt. Der private Sektor der EU-Angelegenheiten wird in der Hochschulbildung nur sehr oberflächlich vorgestellt (im Gegensatz zu den Institutionen und den dortigen Möglichkeiten). Das führt dazu, dass viele Absolventen beispielsweise nichts von den 20.000 Jobs im EU Verbandssektor wissen.
In Brüssel zu arbeiten, erfordert Verständnis für den Arbeitgebermarkt und seine Bedürfnisse und Wünsche.
Es ist paradox, aber 95 Prozent der Neueinstellungen im privaten Sektor erfolgt durch Menschen, die keinerlei Ausbildung oder berufliche Erfahrung im Personalbereich haben. Es gibt Generalsekretäre, Direktoren und Berater, die kleine Unternehmen führen (meist mit einem Team von weniger als zehn Personen), und sich auch um den Einstellungsprozess kümmern. Ob das nun gut oder schlecht ist: es ist die Realität.
Wenn man die Besonderheiten der Arbeitgeber und das interkulturelle Umfeld bedenkt, ist oft die Frage, welche "Signale" man senden kann, die dann letztendlich die eigene Bewerbung hervorstechen lassen. "Er hat Jura studiert" heißt, dass er juristische Mechanismen versteht. "Sie hat ihren Master in London gemacht" bedeutet, sie spricht fließend Englisch. "Er war Assistent eines EU-Abgeordneten" wird so verstanden, dass er gute politische Beziehungen besitzt. "Sie war als Studentin in Nichtregierungsorganisationen aktiv" heißt, dass sie weiß, wie man ohne viele Kommentare und Fragen arbeitet.
Dies sind Gedanken, die in den 30 Sekunden aufkommen können, in denen man einen Lebenslauf liest oder vielmehr überfliegt. Keiner wird mehr als zwei Minuten damit verbringen, einen Lebenslauf durchzusehen.
Eine fünfminütige Verspätung bei einem Gespräch kann diese Zeit sogar verkürzen und fatal für Ihre Bewerbung sein. Es gibt mentale Filtermechanismen, die Lebensläufe auswählen und aussortieren, um so die Besten im Mikrosystem Brüssel zu haben.
III. Jenseits von Brüssel: Die lokale Akteure der EU
Die EU ist ein komplexes System, in dem Brüssel eine Schlüsselrolle spielt. Dennoch ist es notwendig zu erkennen, dass Brüssel in enger Verbindung mit den 27 Hauptstädten der EU Mitgliedsstaaten arbeitet. Wie steht es mit den lokalen EU-Akteuren, die in den Mitgliedsstaaten arbeiten?
Iin jedem Ministerium hat eine Abteilung etwas mit der nationalen Position gegenüber der entsprechenden EU-Politik zu tun. Die Menschen, die für die Ansichten eines Mitgliedsstaates in der EU-Gesetzgebung zuständig sind, sind also in den nationalen Ministerien verteilt. Die Einheiten bestehen aus zehn bis zwanzig Personen. Natürlich arbeiten in manchen Ministerien mehr Menschen mit Angelegenheiten der EU-Gesetzgebung als in anderen. Zum Beispiel in den Ministerien für Auswärtige und EU-Angelegenheiten.
Zusätzlich gibt es auch nationale Institutionen oder Agenturen, die Personen einstellen, die dann die Hälfte ihrer Zeit mit EU-Angelegenheiten verbringen.
Hunderte von Menschen tragen dazu bei, ihr nationales Interesse in die Europäische Agenda einfließen zu lassen. Besonders jetzt mit dem Lissabon-Vertrag haben die nationalen Parlamente das Recht, mehr Mittel für den Gesetzgebungsprozess der EU zu verwenden. Folglich hat jedes Mitglied des Nationalen Parlaments, jede politische Gruppe und jedes politische Komitee eigene Experten für die EU-Politik.
All dem kann man noch andere Sektoren hinzufügen, die mit der "Hauptstadt Europas" verbunden sind: Viele Unternehmen betreiben über ihre Abteilung für Zulassungsangelegenheiten aktives Lobbying bei der Gesetzgebung (direkt oder indirekt). Sie wissen genau, wie die EU-Bühne funktioniert. Nationale Industrieverbände, Handelskammern, Nichtregierungsorganisationen, Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Beratungsfirmen und Anwaltskanzleien sind ebenfalls mit EU-Angelegenheiten beschäftigt.
Es gibt Hunderte von Journalisten in den Mitgliedsstaaten, die über die Dynamik des EU-Systems berichten, obwohl sie sich dieser nicht immer hundertprozentig bewusst sind. Sie schreiben über Finanzen, Transport, Landwirtschaft, Bildung und alle möglichen anderen Themen mit EU-Dimension. Es gibt auch Hunderte von Lehrern, Universitätsdozenten und Professoren, die ihre Studenten über die Welt der Mitentscheidung und den Aufbau der EU-Institutionen unterrichten.
Wenn man sich den öffentlichen und privaten Sektor jedes Landes ansieht, gibt es insgesamt 20.000 bis 30.000 Menschen, die in Verbindung mit dem Mosaik der EU arbeiten: die lokalen EU-Akteure. Es ist normal, dass die Zahl der Personen, die mit EU-Angelegenheiten beschäftigt sind, von Land zu Land variiert, abhängig von der Bevölkerungszahl, von der bisherigen Dauer der EU-Mitgliedschaft, von Regierungsstrukturen, der Kultur des Landes und der Führungsebene in der EU.
Wenn man jedoch von einem Mittelwert von 25.000 Menschen ausgeht, die pro Land für die EU arbeiten, heißt das, dass 700.000 Personen in den Mitgliedsstaaten mit der EU beschäftigt sind.
Dr. Dan Luca (aus Rumänien) arbeitet seit 1997 in Brüssel und ist Direktor des europäischen Netzwerks EURACTIV. Seit 2007 schreibt er in seinem Blog www.casaeuropei.blogspot.com über EU-Angelegenheiten.
Nienke van Leeuwaarden (aus den Niederlanden) arbeitet seit 2009 in Brüssel und ist Managerin des europäischen Netzwerks bei EURACTIV.
Aus dem Englischen übersetzt von Aline Heidemann

