Ein Blick auf die Daten offenbart, wie sich die Volkswirtschaften in der Euro-Zone auseinander entwickelt haben. Auch die Solvenz der Mittelmeer-Insel Zypern hat seit 2005 stetig abgenommen, warnt das CEP. Der Fall zeigt: Eine hohe Investitionsquote schützt nicht vor der Schuldenfalle.
Während der Euro-Gipfel mit einem neuen Hilfspaket für Griechenland die Finanzmärkte erst einmal beruhigt hat, bleiben die Sorgen um die künftige Wettbewerbs- und Zahlungsfähigkeit einiger Euro-Länder bestehen. Noch kaum im Fokus der europäischen Öffentlichkeit geriet die Lage in Zypern. Der Schuldenstand des Staates liegt mit rund 62 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) noch vergleichsweise niedrig, allerdings warnt das Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg vor der aktuellen Entwicklung. "Die Solvenz Zyperns hat seit 2005 stetig abgenommen", heißt im "Default-Index" (Juli 2011), mit dem das CEP die Kreditfähigkeit der Euro-Länder analysiert. "Das Land droht in die Insolvenz abzugleiten, wenn nicht unverzüglich substantielle realwirtschaftliche Reformen ergriffen werden."
"Die zypriotische Volkswirtschaft hat sich seit ihrem Beitritt zur Eurozone im Jahr 2008 jährlich durchschnittlich mit 11,3 Prozent des BIP im Ausland verschuldet", erläuterte Matthias Kullas, CEP-Experte und Ko-Autor des "Default-Index", die Ergebnisse vergangene Woche gegenüber EURACTIV.de. "Dies entspricht ziemlich genau dem Wert Griechenlands seit dessen Euro-Beitritt im Jahr 2001." Allein im Jahr 2008 belief sich das zypriotische Finanzierungsdefizit auf 17 Prozent des BIP. "Dieser Wert wurde weder vorher noch nachher von einem anderen Mitgliedsstaat erreicht", so Kullas. Zudem zeige sich, dass die zypriotische Sparquote seit der Euro-Einführung durchgehend negativ ist. "Dies war zuvor nicht der Fall."
Zypern weist wie Malta, Portugal und Griechenland für die vergangenen Jahren einen negativen Default-Index-Wert auf, die Ampel steht bereits seit 2007 auf rot.
Die Regierung in Nikosia muss laut Kullas umsteuern. "Wenn sich an der Ausgabenpolitik nichts ändert und notwendige Reformen nicht angegangen werden, ist es (…) nur eine Frage der Zeit bis die Rating-Agenturen reagieren." Ob das Land dann sofort unter den Euro-Rettungsschirm müsse, hänge davon ab, ob die zypriotische Regierung glaubwürdige Reform- und Sparbemühungen unternimmt. Da sich der öffentliche Schuldenstand nach wie vor im Rahmen halte, habe Zypern aber noch einen kleinen Puffer.
Vergleichsweise hoch ist die Investitionsquote auf der Insel im östlichen Mittelmeer. "Die Erträge aus diesen Investitionen werden aller Voraussicht nach jedoch nicht ausreichen, um die Schulden zurückzuzahlen, die Zypern in den vergangenen Jahren gemacht hat", so Kullas. "Ein Blick auf Spanien ist hier sehr hilfreich, denn auch Spanien hatte in den vergangenen Jahren eine hohe Investitionsquote. Die strukturellen Probleme der spanischen Wirtschaft konnten damit jedoch nicht gelöst werden."
Zyperns Bonität wurde bereits mehrmals abgestuft, im März senkte die Agnentur Standard & Poor’s das Zypern-Rating auf "A-". Zypern hätte einen vergleichsweise geringen Bedarf an Hilfen aus dem Euro-Rettungsfonds. Das Land erwirtschaftet mit seinen rund 800.000 Bürgern nur rund 0,2 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Euro-Zone.
Dauerkonflikt mit der Türkei
Seit der Besetzung des Nordteils der Insel durch die Türkei im Jahr 1974 sind die türkisch-zyprische und die griechisch-zyprische Volksgruppen durch die so genannte "Grüne Linie" getrennt.
Die Türkei droht, die Beziehungen zur EU für sechs Monate einzufrieren, sollte es bis zur EU-Ratspräsidentschaft Zyperns (2. Halbjahr 2012) keine Fortschritte bei der Lösung des Zypern-Konflikts geben (EURACTIV.de vom 21. Juli 2011). Die Türkei drängt darauf, dass Anfang 2012 ein Referendum über die Wiedervereinigung Zyperns stattfindet. Die griechischen Zyprioten lehnten 2004 eine Wiedervereinigung auf Grundlage eines UNO-Vorschlags ("Annan-Plan") in einer Volksabstimmung ab.
awr
Links
Dokumente
CEP: CEP-Default-Index (Juli 2011)
EU-Kommission: Cyprus. Imbalances weighing on the economic recovery (Januar 2011)
EU-Kommission: Europäische Wirtschaftsprognose – Frühjahr 2011. Länderübersicht.
EU-Kommission: Barroso appoints new personal Representative to the UN Good Offices Mission in Cyprus (20. Juli 2011)
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