Deutsch-französischer EADS-Konflikt gewinnt an Schärfe

Diskrepanzen zwischen politischer Absicht und Realität: Die deutsche Bundesregierung will den Plänen entgegenwirken, wonach EADS-Chef Tom Enders wichtige Funktionen auf den Standort Toulouse konzentriert – zu Lasten Deutschlands. Foto: dpa

Im Schatten der deutsch-französischen Feierlichkeiten zum Élysée-Vertragsjubiläum nimmt der deutsch-französische Konflikt um den EADS-Standort an Schärfe zu. Nicht nur die Leitungsebene soll von Bayern nach Toulouse verlegt werden, sondern überraschenderweise auch die unteren Ebenen. Die Politik ist brüskiert, die Belegschaft höchst verunsichert, die Stimmung miserabel und der Betriebsrat auf Konfliktkurs mit der Konzernleitung.

Die Unruhe unter den Mitarbeitern am deutschen EADS-Standort Ottobrunn bei München wächst. Auch nach rund einem Jahr wissen sie nicht, wer genau von dem geplanten Transfer der Konzernzentrale ins französische Toulouse betroffen sein wird. Der Betriebsrat liegt im Konflikt mit der Konzernleitung, da in erster Linie Angestellte der unteren Ebenen verlegt werden sollen.

Während man sich in Berlin und Paris auf den 50. Jahrestag der deutsch-französischen Freundschaft vorbereitet, berät der Europäische Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) nach wie vor darüber, welche Stellen von der deutschen Konzernzentrale in Ottobrunn bei München ins französische Toulouse verschoben werden sollen.

Die geplante Verlegung ist zwar seit längerem bekannt. Bereits vor rund einem Jahr hatte der damalige Airbus-Chef und jetzige CEO von EADS, Thomas Enders, den Umzug nach Toulouse in Aussicht gestellt. Doch steht immer noch nicht genau fest, welche Mitarbeiter die Umstrukturierung trifft.

Laut EADS-Sprecher Gregor von Kursell werde die definitive Entscheidung erst Ende Februar gefällt. Sicher ist nur, dass von der Maßnahme nicht bloß Kaderleute betroffen sein werden. Da einige "strategische Funktionen" als Ganzes verlegt werden, sei nicht auszuschließen, dass der Transfer Mitarbeiter auf sämtlichen Ebenen tangiere, so von Kursell.

Die Belegschaft in Ottobrunn ist deshalb seit Längerem verunsichert. Die Nervosität der Mitarbeiter wird größer, je näher die Entscheidung rückt. Hatte es früher geheißen, nur Manager der Leitungsebene müssten nach Toulouse umziehen, sollen nun auch einfache Mitarbeiter transferiert werden. Sekretäre, Assistenten, sogar Teilzeitkräfte sollen nach Frankreich gehen.

Damit ist der Betriebsrat nicht einverstanden. Laut Heike Dickerhof, Betriebsratsvorsitzende bei EADS Deutschland, gehören bloß 18 der voraussichtlich 83 Betroffenen zur Führungsetage. Bei den übrigen 65 handle es sich um einfache Arbeitskräfte wie Assistenten und Sachbearbeiter. Deren Verlegung sei "nicht nachvollziehbar", da unvereinbar mit den Vorgaben, lediglich Beschäftigte in Lenkungsfunktionen, nicht aber in Servicefunktionen von Ottobrunn nach Toulouse zu verlegen, sagte Dickerhof zu EURACTIV.de.

Bayerns Wirtschaftsminister: "Durch die Hintertüre"

Auf Unmut stoßen die Pläne von EADS auch bei Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Er befürchte, dass der Standort Toulouse gleichsam durch die Hintertüre weiter auch auf Kosten Ottobrunns ausgebaut werde, erklärte Zeil auf Anfrage gegenüber EURACTIV.de.

Die geplante Verlegung steht zudem im Widerspruch zur Luftfahrtstrategie, die Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) erst vorigen Mittwoch (16. Januar) vorgestellt hatte. Darin betont die Bundesregierung die Industrie als Wachstumsmotor von besonders großer wirtschaftlicher Bedeutung. Für die deutschen Standorte sei insbesondere das Nachfolgeprogramm für die heutige A380-Familie zentral. Deshalb sei es wichtig, bereits heute geeignete Rahmenbedingungen sowohl bei Airbus als auch für die Zulieferindustrie zu erarbeiten.

Dieses Luftfahrtstrategie-Programm, das das Kabinett am Mittwoch beschlossen hatte, dürfte für neuen Konfliktstoff mit EADS-Chef Tom Enders führen. Die Bundesregierung kritisiert, dass wichtige Aufgaben bei Airbus zuletzt immer stärker auf Toulouse konzentriert worden seien.

Bundesregierung brüskiert

"Bei der Verteilung von wichtigen Kern- und Führungsfunktionen sollte allerdings darauf geachtet werden, dass das an allen Standorten in Europa vorhandene technologische und betriebswirtschaftliche Potenzial effizient ausgeschöpft wird. Künftig anstehende produkt- und unternehmenspolitische Entscheidungen sollten vor diesem Hintergrund im Sinne eines Gleichgewichts an Verantwortlichkeiten zwischen den europäischen Standorten genutzt werden", fordert die Bundesregierung.??

Die Beziehungen zwischen der Bundesregierung und dem EADS-Chef sind angespannt, seit Enders im vergangenen Jahr angekündigt hatte, die EADS-Firmenzentrale am Standort Toulouse aufzubauen – zu Lasten der bisherigen Standorte in Paris und München. Nun sind die Beziehungen auf einem Tiefpunkt angelangt.

Voraussichtlich erst im März sollen die Beschäftigten in Ottobrunn offiziell über ihre Verlegung und die damit verbundenen Konditionen informiert werden. Bis zum 1. September 2013 soll der Transfer abgeschlossen sein, so EADS-Sprecher von Kursell. Bis dahin haben die Betroffenen Zeit zu entscheiden, ob sie den Arbeitsplatzwechsel mitmachen oder ob sie lieber anderweitig eingesetzt werden wollen.

Patrick Timmann

Links


EURACTIV.de
: EADS: Deutschland will mehr Kern- und Führungsfunktionen (16. Januar 2013)

BMWi-Pressemitteilung: Rösler: Deutschland braucht eine wettbewerbsfähige und leistungsstarke Luftfahrtindustrie (16. Januar 2013)

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