Ein besorgniserregendes Paradoxon stand im Mittelpunkt des European Business Summit (EBS), der am Donnerstag Unternehmer und Politiker aus ganz Europa nach Brüssel führte. Mitten in der Krise ist die Arbeitslosigkeit europaweit sehr hoch, aber zeitgleich sind auch viel zu viele Stellen unbesetzt. Ein EURACTIV.de-Bericht aus Brüssel zeigt, woran das liegt.
Es ist der zehnte europäische Wirtschaftsgipfel, der europäische und internationale Unternehmen, Regierungen und Experten in Brüssel zusammenführt, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu thematisieren. Diesmal standen Bildung und Ausbildung als Motor für Wachstum im Mittelpunkt. Das Netzwerk EURACTIV ist Knowledge Partner des vom paneuropäischen Unternehmerverband BusinessEurope veranstalteten Gipfeltreffens.
Die paradoxe Situation, dass Europa gleichzeitig an einer hohen Arbeitslosigkeit, aber auch an einer hohen Zahl von unbesetzten Stellen leidet, war einer der Schwerpunkte der Tagung. Fazit: Das Funktionieren bzw. Nichtfunktionieren des europäischen Arbeitsmarktes ist ein riesiges Problem, das dringend angegangen werden muss. Und: Die Wirtschaft muss mehr denn je die europäische Agenda vorantreiben und über die Krise hinaus weiterdenken.
Mangelnde Ausbildung
Der Hauptgrund für die Diskrepanz liegt in mangelnder Ausbildung. Das geht aus einer Studie hervor, die auf dem EBS vorgestellt wurde. Sie beruht auf einer von Accenture durchgeführten Umfrage vom vergangenen Februar unter mehr als 500 Entscheidern aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft.
Rudi Thomaes, Chef des belgischen Unternehmerverbandes (Federation of Enterprises in Belgium, FEB), betonte, die Realwirtschaft könne in der Finanzkrise nicht viel tun, außer den Politikern zuzusehen. Aber in der Ausbildung könne und müsse sie eine Menge tun, um die Situation zu ändern.
Mark Spelman, Global Managing Director (Strategy Accenture), erläuterte das Zahlenmaterial: 86 Prozent der europäischen Entscheider geben an, dass sie die Ausgaben für Weiterbildung, Ausbildung und Training im vergangenen Jahr entweder gekürzt oder eingefroren haben. Nur 18 Prozent planen, die Ausgaben dafür in den nächsten zwölf Monaten wieder zu erhöhen.
Aber 72 Prozent sind der festen Meinung, dass Europa trotz der gegenwärtigen Konjunkturschwäche seine Investitionen in Bildung und berufliche Weiterbildung erhöhen muss. "Das heißt", so Spelman, "die Motivation ist durchaus vorhanden, aber sie wird noch nicht umgesetzt."
Wirtschaft muss selbst aktiver werden
55 Prozent der europäischen Wirtschaftslenker sind übrigens überzeugt, dass die Wirtschaft selbst beim Thema Ausbildung viel stärker eine führende Rolle übernehmen müsse.
Allerdings gibt es kein einfaches Rezept, um die Kluft zwischen Arbeitslosigkeit und der hohen Zahl der unbesetzten Stellen zu verkleinern. Das liegt an den höchst unterschiedlichen Zielgruppen, die man nicht mit einer einheitlichen Politik fördern kann. "Man braucht hier unterschiedliche Politiken", erläuterte Spelman an Hand von Zahlen.
215 Millionen Menschen sind zur Zeit in Europa beschäftigt. 25 Millionen suchen derzeit offiziell einen Arbeitsplatz. Zusätzlich würden 15 Millionen gern einer Beschäftigung nachgehen, tauchen aber nicht in den offiziellen Arbeitslosenstatistiken auf.
Unterschiedliche Politiken für unterschiedliche Zielgruppen
Diese letzte Gruppe setzt sich aus folgenden Personengruppen zusammen: 7 Millionen Frauen im Alter von 25 bis 64 Jahren; 4,1 Millionen junge Leute (zwischen 15 und 24 Jahren); 3,8 Millionen Männer zwischen 25 und 64 Jahren sowie eine halbe Million Menschen im Alter von 65 bis 74 Jahren. "Diese Gruppen erfordern jeweils spezielle Politikansätze", so Spelman. "Wir reden so viel über die Neustrukturierung der Finanzmärkte, aber wir benötigen dringend eine Neustrukturierung des europäischen Arbeitsmarktes."
Therese de Liedekerke, Managing Director bei BusinessEurope, fasste zusammen: Die Kluft zwischen fast 25 Millionen Arbeitslosen auf der einen und vier Millionen offenen Stellen auf der anderen Seite werde derzeit tagtäglich größer. "Es ist höchst dringend, diese Situation schnell zu verbessern."
Ewald König (dzt. Brüssel)
Links
EURACTIV Brüssel: European Business Summit: Live coverage (26. April 2012)
EURACTIV Brüssel: Survey: Skills investment slashed despite dearth (26. April 2012)
Accenture Studie (auf Englisch): www.accenture.com/turningthetide
2012 European Business Summit: www.ebsummit.eu

