Umarmungen der „russischen Art“ im Land der „Putin-Versteher“

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Was haben solche Gesten zu bedeuten? Petra Edler über eine deutsch-russische Kooperationspolitik und einer widersprüchlichen deutschen Medienlandschaft. Foto: dpa

Deutschland ist das Land der „Putin-Versteher“. So sehen es internationale Medien. Doch stimmt das eigentlich? Petra Erler in einem Kommentar über die Diskrepanz zwischen öffentlicher Meinung und medialer Berichterstattung, Politikerfreundschaften und deren Bedeutung für die Krise in der Ukraine.

Umarmungen, besonders mit dem „Klassenfeind“ (heute: Putin) – um ein Schlüsselwort der DDR zu benutzen – sind eine gefährliche Sache. Das musste schon der russische Dichter Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko lernen, der durch sein Gedicht „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ Weltruhm erlangte. Für sein Gedicht über Babi Jar reservierte ihm die  Zeitung „Die Welt“ einen Platz im Himmel. 

Besagter Jewgeni Jewtuschenko also hatte sich im April 1963 anlässlich einer Reise nach Westdeutschland für das Ende des Kalten Krieges ausgesprochen. Er hat unter anderen gesagt, „besondere Hoffnungen auf die Schriftsteller“ zu setzen (da er den Politikern beider Lager nicht traute) und die Gründung einer Goethe-Puschkin-Gesellschaft vorgeschlagen. 

Jewtuschenko wurde in Hamburg und Bonn mit Beifall bedacht und mit einer Umarmung durch den CDU-Abgeordneten und Verleger Gerd Bucerius. „Auf russische Art“, wie die Welt2 damals berichtet haben soll. Was wiederum das Neue Deutschland, die SED-Propagandazeitung zu einem wütenden Artikel (Heilige Einfalt, 11. April 1963) herausforderte, in dem der Autor des Artikel Jewtuschenko empfiehlt, zunächst erst einmal Marx und Engels zu widerlegen (was aus marxistischer Sicht ein unmögliches Unterfangen ist), bevor er einen eigenen Gedanken entwickelt und sich – bildlich gesprochen – mit dem Klassenfeind ins Bett legt.  

Putin-Umarmung „geht gar nicht“?

Auf die schwierige Frage, was eine Umarmung „auf russische Art“ ausmacht, wenn ein Deutscher einen Russen umarmt, ist das Neue Deutschland in dem Artikel nicht eingegangen. Auch andere Medien, die jüngst viel zu schreiben wussten zur Schröder-Putin-Umarmung (auf Neudeutsch: „das geht gar nicht“), schwiegen sich aus, ob es sich bei der jüngsten Umarmung um eine Umarmung „auf russische Art“ oder schlicht um eine Umarmung aus Wiedersehensfreude zweier Freunde handelte – eine Freundschaft, die sich eigentlich auch nicht gehört, aber offenbar funktioniert.  

Dank der BILD-Zeitung aber erfuhren wir auch, dass solche Umarmungen einen gewissen Sinn machen, denn man spricht sich aus mit Putin. Der zeigt dann mehr Verständnis, ist für die Beendigung der Geiselnahme deutscher Bundeswehrsoldaten (meist irreführend als OSZE-Beobachter bezeichnet). Und wenn die dann freikommen, nehmen wir das als Beleg, dass Putin eben doch seine Finger im Spiel hatte bei deren Festsetzung.  Und plädiert Putin für ein Verschieben der Referenden im Osten der Ukraine, dann ist das allenfalls ein billiger KGB-Trick, auf den wir reingefallen sind, denn selbstverständlich konnten die Ostukrainer Putins Äußerung nur als Aufruf verstehen, möglichst zahlreich zur Stimmabgabe zu gehen.

Nun würde es an dieser Stelle zu weit führen, über all die politischen Kontexte von Umarmungen unter Politikern zu sprechen – im ganzen Ostblock, aber auch zu Zeiten des Koreakrieges, des Vietnamkrieges, des Kriegs um den Panamakanal bis zum Irak oder Libyen.  

Gott sei Dank hat es unsere Bundeskanzlerin nicht so mit Umarmungen im politischen Geschäft, aber auch sie konnte die eine oder andere Umarmung nicht vermeiden – so wie die sehr herzliche, ja schwesterliche Umarmung von Julia Timoschenko, einer wirklich schillernden politischen Persönlichkeit, die mit Viktor Juschtschenko zur Hoffnung der Ukraine wurde, die aber gegen Juschtschenko mit Janukowitsch kooperierte und mit Moskau so gut konnte, dass sie einen Gasvertrag abschloss. Das benutzte Janukowitsch, da diese politische Freundschaft inzwischen in erbitterte Feindschaft umgeschlagen war, um sie ins Gefängnis zu verfrachten. Für die hat sich der Westen krumm gemacht. Timoschenko hat indes aus dem Gefängnis Janukowitsch für die Weltpresse transparent wissen lassen, sie wolle ihn am liebsten umbringen, als er das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht mehr unterschreiben wollte. 

Ja, die liebe Julia kann emotional sein, wie wir auch dank eines abgehörten Telefonats wissen, Russland auslöschen, das wäre es. Nur die Ukrainer scheinen im Moment die Nase voll von ihr zu haben, wie die Präsidentschaftswahlumfragen vorhersagen. Schlappe 14 Prozent kann sie mobilisieren, die arme Julia, da würde es niemanden wundern, wenn ihr an einer Verschiebung der Wahl gelegen wäre. Sonst ist ihre Zeit abgelaufen. Was gut wäre, denn dann wäre unsere Bundeskanzlerin nicht gezwungen, sich bei der nächsten Begegnung zu fragen, ob sie ihre Parteifreundin Julia nun umarmen soll (als Opfer Viktor Janukowitschs), oder besser nicht, weil die aktuelle, zutiefst anti-russische Polemik der Julia Timoschenko nicht mit Frau Merkels erklärtem Interesse an einer deutsch-russischen Partnerschaft zusammenpasst. 

Medien stellen Ukrainer als „Deppen“ dar

Aber derzeit passt gar nichts zusammen. Ginge es nach dem Mehrheitsbild in den deutschen Medien, sind die Ostukrainer allesamt „Deppen“, völlig unter dem Einfluss der russischen Propaganda und keinesfalls zu eigener Denkleistung fähig. Geradezu wie die Lemminge haben sie sich vor den wenigen Abstimmungslokalen bei den örtlichen Referenden gedrängt. Viele nur aus Protest gegen die Amtierenden in Kiew, die nur 43 Prozent aller Ukrainer gut finden, aber bei 100 Prozent westlicher Zustimmung ergibt der Durchschnitt eine satte Mehrheit für die Regierung von „Yats“, wie die Amerikaner Arsenij Jazenjuk liebevoll nennen. 

Eine Mehrheit der Deutschen hat aufgrund der Ereignisse in der Ukraine inzwischen Angst vor einem Kalten Krieg mit Russland. Die deutsche Bundeskanzlerin versichert ihrer Anhängerschaft, dass sie nicht in den Krieg ziehe, auch nicht wegen der Ukraine, und im Grundsatz weiter auf die Partnerschaft mit Russland setzen werde. Das ist gut zu wissen, aber wie das gehen soll, mit Putin, dem Erzbösen schlechthin, der für alles haftbar gemacht wird, was sich im Süden und Osten der Ukraine tut, sagt uns die Bundeskanzlerin leider nicht. 

Deutsch-russische Kooperation als politische Konstante

Die Deutschen sich zudem mehrheitlich der Meinung, wir hätten uns besser in die Angelegenheiten der Ukraine nicht eingemischt. Wie diese Meinung zustande kommt, steht ebenfalls völlig in den Sternen, denn erstens haben wir uns keineswegs eingemischt, als wir uns auf die Seite der armen inhaftierten Julia Timoschenko gegen den damaligen ukrainischen Präsidenten schlugen. Zweitens haben wir nur höchste Sympathie für den Euro-Maidan und die Erstürmung aller möglichen Gebäude durch die Euro-Aktivisten gezeigt und jede Gewalt der Janukowitsch-Schergen strengstens verurteilt. Schließlich ging es um eine gute Sache. 

Drittens sagen wir nichts dazu, dass immer noch unklar ist, wer die Toten des Maidan verantwortet, die zur finalen moralischen Rechtfertigung für den Sturz des gewählten Präsidenten wurden. Viertens ist die von Kiew verordnete „Anti-Terror-Aktion“ ein gutes Recht des ukrainischen Staates und die Toten von Odessa eine innere Angelegenheit der Ukraine. Und fünftens sind wir blind dafür, dass aus einer regionalen völkisch orientierten Partei im Westen der Ukraine, die Stepan Bandera als Nationalhelden verehrt, eine Regierungspartei wurde, die offenbar von den Ostukrainern gefürchtet und gehasst wird, weil die Menschen im Osten Bandera als Faschisten ansehen, der mit den Deutschen kollaborierte.

Zur Erinnerung: die Ostukrainer sind „Deppen“, die auf Putin reinfallen und sich bei Spiegeljournalisten beklagen, dass ihnen der Westen nicht glaubt. Außerdem verurteilen wir alles, was aus Moskau kommt, und stehen in voller Solidarität zu dieser neuen amtierenden Regierung in Kiew, die extrem anti-russisch ist. Es wurde noch nie darüber berichtet, dass sich der BND-Chef in Kiew aufhielt und was dessen amerikanischer Kollege da getrieben hat, nun, der war eben auf Besuch. 

Wie konnte also dennoch eine derartige pro-russische Stimmung in Deutschland zustande kommen, welche die aktuelle Ukrainepolitik mit Argwohn und Ängsten betrachtet? Da muss schon die Frage erlaubt sein, ob es nicht höchste Zeit wäre, die russischen Internetmedien in Deutschland zu sperren, denn offenbar stehen wir ebenfalls mehrheitlich unter dem Propagandaeinfluss des Kremls, „romantisieren die Russen“, sowieso „traumatisiert“ durch den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Schuld, wie deutsche Medien zu wissen glauben. 

Wir Deutschen sind also zwanghaft russland-freundlich, „Putin-Versteher“, und damit in gewisser Weise überhaupt nicht zurechnungsfähig. Das wiederum aber würde der Bundeskanzlerin widersprechen, die behauptet, wir hätten aus den bitteren Erfahrungen zweier Weltkriege gelernt. Auch muss man sich besorgt fragen, ob die bejubelte Rede Putins vor dem Deutschen Bundestag 2001 nicht doch tiefere Spuren hinterließ, als viele dachten. So hieß es in einer Presseerklärung der Deutschen Bundestags vom 8. April 2014 (nach den Krimereignissen!): „Nach dem erfolgreichen Abschluss des Deutsch-Russischen Jahres 2012/2013 sollen die Kulturbeziehungen beider Länder nun auf dem Gebiet der Sprache und Literatur vertieft werden.“

Gut zu wissen, dass wir ein erfolgreiches deutsch-russisches Jahr 2012/2013 hatten. Das Motto lautete: „Deutschland und Russland – Gemeinsam die Zukunft gestalten“. Das Auswärtige Amt sprach von „lebendiger Partnerschaft“. Nun siecht sie dahin.

Das Jahr der russischen Sprache und Literatur 2014 soll laut Auswärtigem Amt am 6. Juni 2014 in Deutschland starten, „parallel“ zu einem Jahr der deutschen Sprache und Literatur in Russland, das aber erst im September beginnen soll.  Nun kann man darüber geteilter Meinung sein, was „parallel“ ist, aber sei es drum, schließlich schneiden sich Parallelen in der Unendlichkeit. Wichtiger ist, was wir nun mit  diesen „parallelen“ Ereignissen politisch machen? Angesichts der Krim, angesichts der Ostukraine, angesichts Putins, dem „Verbrecher“, „Lügner“, „größenwahnsinnigen Tyrann“, „Brandstifter“ und „Kriegsherr“ (den Hitler-Vergleich hat Schäuble dann doch zurückgezogen).

Was wäre, wenn wir im Juni mit dem Jahr der russischen Sprache und Literatur beginnen und die Russen ziehen im September nicht nach? Schließlich ist diesen Russen nicht zu trauen. Und wie wird sich das russische Jahr in Deutschland auf das ohnehin schon zu russenfreundliche deutsche Gemüt auswirken? Oder bleibt es am Ende doch der schreibenden Zunft vorbehalten, den Dialog offenzuhalten, den die Politik nicht führt, weder auf Augenhöhe, noch im gegenseitigen Respekt. 

Aber die Goethe-Puschkin-Gesellschaft gibt es ja auch nicht. Und was das eingangs erwähnte Anti-Kriegs-Gedicht betrifft: 2009 hat der Kreml dessen Verfasser schließlich geehrt. Da weiß man ja, woran man ist.

Die Autorin

Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der „The European Experience Company GmbH“ in Potsdam und ehemalige Kabinettschefin des damaligen EU-Kommissars Günter Verheugen in Brüssel.

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