Westen drängt auf Untersuchung von MH17-Absturz

Trümmer der Boeing 777, die nahe Donezk abstürzte. Foto: dpa

In der Ukraine hat der Absturz einer malaysischen Passagiermaschine knapp 300 Menschen das Leben gekostet. Die USA gehen davon aus, dass von Russland unterstützte Separatisten das Flugzeug abgeschossen haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte unterdessen eine Waffenruhe in der Ukraine.

Nach dem mutmaßlichen Abschuss einer Passagiermaschine über der Ukraine haben zahlreiche Staats- und Regierungschefs sowie internationale Organisationen eine unabhängige Untersuchung gefordert.

US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigten sich bestürzt über das Ausmaß des Absturzes mit etwa 300 Toten. Unter den Opfern sind nach Angaben der Fluggesellschaft Malaysia Airlines mehr als 150 Niederländer und mindestens vier Deutsche. Der UN-Sicherheitsrat sollte am heutigen Freitag in einer Sondersitzung über die Ukraine-Krise und den mutmaßlichen Flugzeugabschuss beraten.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erhob schwere Vorwürfe gegen die Rebellen und indirekt auch Russland. „Die heutige Tragödie zeigt erneut, dass Terrorismus nicht örtlich begrenzt ist, sondern ein Problem der ganzen Welt ist“, hieß es in einer am frühen Freitagmorgen veröffentlichten Erklärung des prowestlichen Politikers. Mit dem Begriff „Terroristen“ bezeichnet die ukrainische Regierung in der Regel die prorussischen Separatisten im Osten des Landes. „Die externe Aggression gegen die Ukraine ist nicht nur unser Problem, sondern eine Bedrohung der europäischen und globalen Sicherheit“, fügte Poroschenko hinzu. Die ukrainische Regierung wirft Russland vor, die Rebellen zu unterstützen. Russlands Präsident Wladimir Putin machte die ukrainische Regierung für den Absturz verantwortlich.

In einem Telefonat mit Poroschenko bot Obama der Ukraine Unterstützung bei der Untersuchung des Flugzeugabsturzes an. Beide Politiker forderten die prorussischen Separatisten in dem Gebiet auf, alle Wrackteile am Unglücksort zu lassen und keine Beweismittel zu entfernen, wie das US-Präsidialamt mitteilte. Auf diese Weise solle sichergestellt werden, dass „internationale Beobachter die Tragödie voll und ganz untersuchen“ könnten. US-Vizepräsident Joe Biden erklärte, es handle sich offenbar nicht um einen Unfall. Die Maschine sei wohl vielmehr „abgeschossen“ worden.

Kanzlerin ist schockiert

Merkel sprach von einer tragischen Eskalation der Ukraine-Krise. „Schockierend sind für die Bundeskanzlerin auch die mutmaßlichen Umstände, wonach das Flugzeug aus großer Höhe abgeschossen worden sein soll“, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstagabend mit. Die Kanzlerin trauere um die Opfer des Absturz und fordere eine „umgehende, unabhängige Untersuchung der Absturzursachen“.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte in Mexiko-Stadt: „Auf den ersten Blick scheint viel dafür zu sprechen, dass das Flugzeug nicht einfach abgestürzt ist, sondern dass es möglicherweise einen Beschuss gegeben hat.“ Bevor man über Konsequenzen sprechen könne, müsse aber zunächst geklärt werden, wer die Verantwortung trage. Steinmeier fügte hinzu, er könne noch keine gesicherten Angaben über deutsche Todesopfer bei dem Absturz machen. Auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso forderte eine Untersuchung.

Passagiere stammten aus zahlreichen Ländern

Die Maschine vom Typ Boeing 777 befand sich am Donnerstagnachmittag auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur, als sie im Osten der Ukraine nahe der Ortschaft Hrabowe abstürzte. Nach jüngsten Angaben der Fluggesellschaft waren 298 Menschen an Bord der Maschine. Mehr als die Hälfte der Passagiere stamme aus den Niederlanden, erklärte Huib Gorter, Vizepräsident von Malaysia Airlines Europe. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sagte, es handle sich wahrscheinlich um das schwerste Flugzeugunglück in der Geschichte seines Landes.

Von den 283 Passagieren stammten nach bisherigen Erkenntnissen der Fluggesellschaft mindestens 154 aus den Niederlanden. Zudem waren mindestens 27 Australier, 23 Malaysier, elf Indonesier, sechs Briten, vier Deutsche, vier Belgier, drei Philippiner und ein Kanadier an Bord der Maschine. Die 15-köpfige Besatzung stammte aus Malaysia. Die Nationalität von 47 weiteren Passagieren blieb zunächst unklar.

USA beschuldigen Rebellen

Nach US-Angaben wurde das Flugzeug wahrscheinlich von prorussischen Rebellen mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen. Die Regierung in Washington gehe stark davon aus, dass die Maschine von den Separatisten angegriffen worden sei, sagte ein US-Regierungsvertreter. Es gebe keinerlei Hinweise, dass die ukrainischen Streitkräfte eine Rakete auf die Boeing abgefeuert hätten. Die ukrainischen Geheimdienste warfen Russland eine Verwicklung in den mutmaßlichen Abschuss der Passagiermaschine vor. Der Chef der Staatssicherheit, Walentyn Naliwaischenko, präsentierte auf einer Pressekonferenz Audiomitschnitte und Videomaterial, die eine Kommunikation zwischen den Rebellen in der Ukraine und russischen Geheimdienstmitarbeitern rund um den Abschuss der Maschine dokumentieren sollen.

Der UN-Sicherheitsrat sollte gegen 16.00 Uhr (MESZ) zusammenkommen, um über den Vorfall zu beraten. Dabei soll eine von Großbritannien eingebrachte Erklärung verabschiedet werden, in der das höchste UN-Gremium eine „vollständige, sorgfältige und unabhängige internationale Untersuchung“ des Absturzes fordert. Zudem würden alle Konfliktparteien aufgefordert, einem Team von Experten sofort ungehindert Zugang zur Unglücksstelle zu gewähren, damit die Ursache untersucht werden könne.

Merkel fordert Waffenruhe

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief nach dem mutmaßlichen Abschuss der Passagiermaschine die Konfliktparteien in der Ukraine zu einer Waffenruhe auf. „Es geht jetzt darum, dass schnellstmöglich eine unabhängige Untersuchung eingeleitet wird. Dazu ist ein Waffenstillstand notwendig“, sagte sie bei einer Pressekonferenz in Berlin. Dazu müssten auch der russische Präsident Wladimir Putin und die Moskauer Regierung einen Beitrag leisten.

Merkel sagte, die Hinweise sprächen dafür, dass ein Teil der schweren Waffen der Separatisten aus Russland gekommen sei, wie etwa Panzer. Russland nehme seine Verantwortung hier nicht ausreichend wahr. Die CDU-Politikerin warb dafür, dass OSZE-Beobachter die Grenze zur Ukraine auch von russischem Gebiet aus überwachen dürfen.

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