„Sanktionen wären ein Volltreffer – aber gegen den Tourismus“

Zuerst eröffneten die Wirtschaftsminister Deutschlands und Österreichs die weltgrößte Reisemesse ITB, danach ging es um Wirtschaft und Finanzen (Foto: Peter Mathis/Archiv Vorarlberg Tourismus)

Wladimir Putins jüngste Drohgebärden vergiften das Gipfeltreffen der Tourismuswelt, die sich ab heute, Mittwoch, in Berlin auf der weltgrößten Reisemesse ITB trifft.

Der erste Tag der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) ist eine Art Gipfeltreffen der Wirtschaftsminister aller Welt, die auch für den Tourismus zuständig sind. Den Wirtschafts- und Tourismusmiinistern sowie den 10.000 Ausstellern aus fast allen Ländern der Erde verdirbt das russische Säbelrasseln hörbar die Stimmung. 

Sowohl der Tourismus als auch die Geschäftsreisetätigkeit könnten sich bald abkühlen, und zwar nicht nur in Reiserichtung Russland und Ukraine, auch nicht nur in russischen und ukrainischen Ankünften in touristischen Destinationen – sondern großflächig. In politischen Krisen und bei Kriegsgefahr droht die Reiselust generell zu sinken.

Auch die möglichen Sanktionen, die derzeit diskutiert werden, treffen nicht nur Russen selbst, denen sie gelten, sondern auch die Tourismusländer. Die Destinationen fürchten sowohl das angedrohte Einfrieren von Konten im westlichen Ausland als auch die Verschärfung von Visabestimmungen. "Wir hätten damit ein Riesenproblem", meinte beispielsweise Reinhold Mitterlehner, Wirtschafts- und Tourismusminister aus Österreich, am Mittwoch auf der ITB stellvertretend für alle Länder, die im vergangenen Jahrzehnt gefragte Reiseziele von wohlhabenden Russen geworden sind. "Solche Sanktionen wären ein Volltreffer", sagte Mitterlehner, "aber ein Volltreffer gegen den Tourismus!"

In dem Fall würden die Eliten aus Russland in andere Länder reisen, in denen sie keine Restriktionen zu befürchten haben. Dann müsse man mit der Tourismuswerbung um diese Kundschaft wieder von ganz vorne anfangen.

Beispiel Österreich: Hier macht der Anteil der Russen nur zwei Prozent des Gesamtvolumens aus, aber diese zwei Prozent sind sehr ausgabefreudig. Außerdem ist deren Wachstumspotenzial sehr dynamisch: 2005 gab es in Österreich 100.000 Ankünfte aus Russland, derzeit sind es 500.000 im Jahr.

Tourismusvertreter auf der ITB hoffen auf erfolgreiche Verhandlungslösungen und friedliche Beilegung des Konflikts.

Polen präsentiert sich traditionell großzügig in einer ganzen Messehalle, aber auch dort war die Nervosität vor einer Zuspitzung der Krise im Nachbarland Ukraine wichtigstes Gesprächsthema. Als Nachbarland des Krisengebietes wären Polens Fremdenverkehrswirtschaft massiv betroffen.

Während in Halle 13 die "Kulturprojekte Berlin" ihre Planungen zum Mauerfall-Jubiläumsjahr – vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang –  vorstellen, streicht der Hauch des Kalten Krieges, der vor 25 Jahren beendet schien, übers Messegelände und beherrscht sämtliche Gespräche und Pressekonferenzen. 

Dass die Vertreter der verfeindeten Staaten, die russischen und die ukrainischen Aussteller, ihre Stände in derselben Messehalle haben und direkt nebeneinander platziert sind, ist eine ITB-Besonderheit: Auch die Messefläche des Israel-Tourismus und der Stand der palästinensischen Gebiete stehen in der Regel direkt nebeneinander. Das geschulte Auge erkennt an solchen heiklen Standorten zahlreiche Sicherheitsleute in Zivil und Geheimdienstmitarbeiter.

Ewald König

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