Krim: Europa hat gelernt – und wieder vergessen

Wolfgang Ischinger erwartet diesmal einen Teilnahmerrekord politischer Akteure aus der ganzen Welt und musste vielen VIPs sogar absagen. "msc" steht für Munich Security Conference. Foto: dpa

Europa hat nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt – es scheint aber auch wieder vergessen zu haben. Vertrauen schafft das nicht, Europa hat verloren, findet der Autor.

Das neue Europa hat seinen ersten Krieg verloren. Ohne, dass auch nur ein Schuss zwischen dem Westen und Russland gefallen ist. Das ist ein Erfolg. Niemand sollte leichtfertig zur Waffe greifen. Aber in Ratlosigkeit verharren, während der Gegner agiert, ist fatal. Wirtschaftssanktionen gegen einen konsequenten Gegner anzuführen, ist kein angemessenes Mittel. Wir agieren hier nicht wie ehedem gegen Serbien oder gegen den Irak. Und selbst dort haben Mittel dieser Art die Festungsmentalität des Gegners mehr gestärkt, als dass es die Krisen der Vergangenheit gelöst hätte. Die Zeit, einen Sonderstatus für die Krim zu erreichen, ist verstrichen. Was hätte man besser machen können? Von den USA und Russland lernen – in Zeiten des Handelns konsequent agieren. Truppen in Stellung bringen, bereit sein zum Schlag. Zeigen, dass es einem ernst ist (in der stillen Hoffnung, den Schlag doch nie ausführen zu müssen). Was ist die Konsequenz des zögerlichen Handelns: Die Krim ist verloren für den Westen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es wirklich kein strategisches Interesse gäbe, Russland immer weiter zurück zu drängen. Aber der Großteil der Wirtschaftsmacht der Ukraine liegt nun einmal im Ostteil. Die Westukraine lernt den neuen Freund, Europa, für den es bereit war, zu kämpfen und zu sterben, von seiner zögerlichen Seite kennen. Vertrauen schafft das nicht.? Noch ein Wort zur Rolle der Medien: Es ist erschreckend, wie leichtfertig hier gezündelt wird. Putin ist gefährlich und in der Krimkrise sicher einen Schritt zu weit gegangen. Aber Russland rein als Agitator darzustellen und abwägenden Menschen in alter Manier zu unterstellen, man würde für den Gegner arbeiten, ist ein Zeichen von Unreife. Das alles ist schade. Europa hat verloren – an Einfluss, an potenzieller Wirtschaftskraft und an Reputation. Ziehen wir unsere (alten) Lehren daraus, wie es Bert Brecht zugeschrieben wird: “Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Euch! Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muß sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.” Europa hat nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt – es scheint auch wieder vergessen zu haben. Der Autor Thomas Franke ist verteidigungspolitischer Experte und derzeit Geschäftsführer der Europäischen Multiplikatoren-Medien EMM, die EURACTIV.de herausgibt.

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