Standpunkt von Fraunhofer UMSICHTMitten in der Stadt, auf den Dächern von Bürohäusern, könnte in Zukunft Gemüse gedeihen. Das Fraunhofer-Institut UMSICHT erforscht mit dem inFARMING-Konzept Techniken und Prozesse für die städtische Landwirtschaft. Nicht nur Supermarktbetreiber dürfen auf die Ergebnisse gespannt sein.
Hinweis: Der Text erschien zunächst im EURACTIV.de-YellowPaper "Stadt der Zukunft" (Dezember 2011), das Analysen, Standpunkte und Interviews zur europäischen Stadtentwicklung versammelt.
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In der Stadt der Zukunft rücken neben die globalen Themen Energie und Wasser zunehmend neue Konzepte des Wohnens, der Architektur und der Landwirtschaft. Das intelligente Zusammenführen der Teildisziplinen führt weltweit zu neuen Stadt- oder Stadtteilkonzepten, wie sie derzeit in Bottrop (Innovation City), Seattle (The Living City) oder Abu Dhabi (Masdar City) diskutiert oder schon umgesetzt werden. inFARMING heißt das Konzept, das Landwirtschaft in urbane Räume integriert und für das Fraunhofer UMSICHT Konzepte, Materialien und Prozesse entwickelt. Im Fraunhofer-inHaus-Zentrum in Duisburg wird dazu ein Prototyp entstehen.
Landwirtschaft hat von jeher die ländliche Kulturlandschaft mitgeprägt, als Impulsgeber für eine qualitative Stadtentwicklung steht die urbane Landwirtschaft noch am Beginn. Städte wurden früher als statische Systeme beschrieben, heute werden sie als dynamische anpassungsfähige Systeme wahrgenommen, die als Zelle eines ökonomischen Wachstums und eines hohen Innovationsgrads gelten. Begriffe wie Adaption, die Fähigkeit, je nach Umständen alternativ zu reagieren, und Resilienz, die Fähigkeit, Störungen zu tolerieren, beschreiben heute die Städte und ihre Möglichkeiten.
Die Stadtfarm der Zukunft könnte ein möglicher Baustein der zukunftsfähigen Stadt sein. Auf dem Flachdach eines Bürogebäudes steht ein Gewächshaus zur Gemüsezucht. Das Wasser wird in einem geschlossenen Kreislauf wiederverwertet, der pflanzliche Abfall und die überschüssige Wärme, z. B. aus den Gebäuden, als Energie genutzt. Aufgrund der kurzen Transportwege zum Verbraucher wird darüber hinaus CO2 eingespart. Auch können Stadtkinder Gartenbau und Landwirtschaft kennenlernen, ältere Menschen können in einem Dachgarten ihr Gemüse ziehen wie auch Touristen ihr eigenes Frühstücksobst pflücken. Das Haus steht mitten in der Stadt. Eine multifunktionale Stadtfarm als Stadtentwicklungselement ist für die Zukunft denkbar. Die Versorgung mit frischem Obst und Gemüse unmittelbar beim städtischen Verbraucher ist keine Utopie.Fraunhofer UMSICHT hat sich zum Ziel gesetzt, Konzepte für gebäudeintegrierte urbane Landwirtschaft auf Gebäudedächern zu entwickeln und entsprechende Techniken und Prozesse zu optimieren, das "inFARMING".
Prototyp für das inFARMING in Duisburg
Das Fraunhofer-inHaus-Zentrum in Duisburg ist die in Europa führende Innovationswerkstatt für intelligente Raum- und Gebäudesysteme. Hier wird mit dem amerikanischen Partner BrightFarms LLC ein Prototyp für das inFARMING entwickelt.
Als eines der an diesem Thema forschenden Fraunhofer-Institute optimiert Fraunhofer UMSICHT Prozesse bei der Wasser- und Energieversorgung. Im Fokus stehen die integrierte Energieversorgung durch Abwärmenutzung, Photovoltaik oder auch Kleinstwindkraftanlagen auf den Dächern. Im Bereich der Wasserversorgung werden die Wasserkreisläufe geschlossen, Schmutzwasser wird mittels Pflanzen gereinigt und wieder genutzt. "Zudem entwickeln wir Materialien und Werkstoffe zur Isolierung und Brandschutz oder besonders leichte Materialkomponenten. Auch werden vermehrt Biokunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe integriert. Weitere Schwerpunkte werden Konzepte zur optimalen Flächennutzung und Ernteunterstützung sowie zur Nachhaltigkeitsbewertung sein. Gerade für Supermarktbetreiber kann das inFARMING Konzept ein interessanter Ansatz sein", beschreibt Projektleiter Volkmar Keuter die Aktivitäten des Instituts.
Potenziale für den Klimaschutz
Auf 1.000 m² Dachfläche können jährlich etwa 45 t frisches Gemüse oder Obst angebaut werden. Dabei werden umgerechnet 80 t CO2 gebunden. Wird dieses Bindungspotential auf die in Deutschland zur Verfügung stehenden industriellen Bestandsdachflächen projiziert, könnten theoretisch bis zu 18 Prozent der durch den Verkehr in Deutschland entstehenden CO2-Emissionen gebunden werden.
Das inFARMING Konzept kann sowohl in Mittelzentren (beispielsweise in der Größe der Stadt Münster, 280.000 Einwohner) als auch in Megacities eingesetzt werden. In Megacities Asiens und Afrikas ist die urbane Landwirtschaft als Subsistenzswirtschaft (Anbau zur Eigenversorgung) bereits lange Jahre aufgrund von Landflucht und rasanter Urbanisierung bekannt. Die gebäudeintegrierte Landwirtschaft kann jedoch eine ökonomische Nische als wetterunabhängige Primärproduktion für saubere, gesunde und vermarktbare Lebensmittel in Megastädten schließen.
Für europäische Städte kann der systemische Ansatz der gebäudeintegrierten Landwirtschaft als Resilienz- und Adaptionselement ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Stadt sein.
Eine nachhaltige und langfristige Etablierung des inFARMING Konzepts kann es nur geben, wenn alle beteiligten Akteure einbezogen werden und das Konzept zudem politisch gestützt wird. Die Integration der urbanen Landwirtschaft muss Teil einer politischen gewollten nachhaltigen Zukunftsstadt werden.
Text: Fraunhofer UMSICHT
Weitere Informationen: www.umsicht.fraunhofer.de

