Friedrichshafen auf dem Weg zur „Smart City“?

DISCLAIMER: All opinions in this column reflect the views of the author(s), not of EURACTIV.COM Ltd.

© Matthias Lohse / PIXELIO

Standpunkt von Lena Hatzelhoffer (Uni Bonn)Von der Gesundheitsversorgung bis zum Energieverbrauch – Informations- und Kommunikationstechnologien bieten Städten neue Lösungen. Wie die Idee der „Smart City“ in Friedrichshafen am Bodensee ankommt, schildert Lena Hatzelhoffer (Universität Bonn).

Lena Hatzelhoffer hat Geographie, Sinologie und Wirtschaftspolitik studiert und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Stadt- und Regionalforschung am Geographischen Institut der Universität Bonn. Seit Mitte 2009 beschäftigt sie sich im Rahmen der Evaluation des T-City Projekts in Friedrichshafen mit den Wechselwirkungen zwischen den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, der Gesellschaft und Städten.

Hinweis: Der Text erschien zunächst im EURACTIV.de-YellowPaper "Stadt der Zukunft" (Dezember 2011), das Analysen, Standpunkte und Interviews zur europäischen Stadtentwicklung versammelt.
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Über das Verhältnis von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und Städten ist bereits viel nachgedacht worden. Die bis in die neunziger Jahre weit verbreitete Auffassung, die Städte würden sich durch die Möglichkeiten der neuen Technologien auflösen, da der konkrete Ort im urbanen Raum seine Bedeutung verliere, gilt heute als überholt und wurde von einem neuen Verständnis abgelöst: Im sogenannten Urban Age stellen IKT ein Hilfsmittel dar, um die Herausforderungen der Städte –  wie die Folgen des demographischen Wandels, die starke Verstädterung, damit einhergehende Umweltprobleme oder der weltweit zunehmende Wettbewerb untereinander –  zu bewältigen. In diesem Zusammenhang fällt des Öfteren das Schlagwort Smart City. Kein großes Technologieunternehmen, das heute nicht „smarte“ Lösungen für die Stadt von morgen anpreist – aber auch Städte und Kommunen trachten danach, „smart“ zu werden. Doch was ist eine Smart City? Wie wird eine Stadt "smart“? Und wie lebt es sich in einer Smart City?

Technik? Business? Nachhaltigkeit?

Unter dem Begriff Smart City werden theoretische Konzepte und Stadtentwicklungsstrategien verstanden, bei denen IKT im urbanen Raum eingesetzt werden. Eine eindeutige Definition und trennscharfe Abgrenzung des Konzepts Smart City gibt es nicht. So bietet der Begriff der Wissenschaft und Praxis viel Spielraum zur Interpretation und zur Verwendung. Während einige Autoren unter dem Schlagwort Smart City vor allem Technikdeterminismus und primär wirtschaftliche Interessen vertreten sehen, begreifen andere dieses als einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem Technologien einen zentralen Faktor unter vielen darstellen, um eine nachhaltige Entwicklung in einer Stadt anzustoßen und urbane Qualitäten zu steigern.

Vom Verkehrsleitsystem bis zum e-Government

Weltweit werden zurzeit viele Smart City Initiativen und Projekte durchgeführt – unter anderem in Südkorea, China, Singapur, Spanien, Finnland, Großbritannien und den USA sind Städte auf dem Weg „smart“ zu werden. Die Projekte sind durchaus unterschiedlicher Natur, wobei es oft zu Mischformen und Überlagerungen der Charakteristika und Akteurskonstellationen kommt: Die Initiativen sind in Nationalprogramme oder Stadtentwicklungsstrategien eingebettet oder werden von der Privatwirtschaft initiiert und als Private-Public-Partnership (PPP) durchgeführt. Einige Projekte sind schwerpunktmäßig auf den Infrastrukturausbau ausgerichtet, andere als ganzstädtischer Ansatz entwickelt, bei dem IKT-Lösungen in den unterschiedlichsten Bereichen einer Stadt – vom Verkehrsleitsystem über die Gesundheitsbetreuung bis zu dem Feld des e-Government  – eingesetzt  werden.

40 Projekte  in der T-City Friedrichshafen

Auch in Deutschland gibt es  Stadtentwicklungsprojekte, die sich der IKT bedienen. Das anspruchsvoll konzipierte T-City Projekt, dessen Ziel es ist, zu demonstrieren, wie in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen städtischen Akteuren durch den Einsatz von innovativen Technologielösungen sowohl die Lebens- als auch die Standortqualität in einer Stadt erhöht werden kann, wird über einen Zeitraum von fünf Jahren in Friedrichshafen umgesetzt. Die Stadt am Bodensee gewann 2007 den bundesweiten Städtewettbewerb T-City, der von der Deutschen Telekom ausgeschrieben worden war. Als Preis wurde zunächst die Breitbandtechnologie im Festnetz und Mobilfunk im Stadtgebiet ausgebaut. Auf Grundlage des Infrastrukturausbaus wurden bis heute unter Einsatz personeller und finanzieller Ressourcen auf Seiten der Telekom und der Stadt über 40 Projekte durchgeführt, die in sechs Projektfeldern – „Gesundheit und Betreuung“, "Lernen und Forschen“, "Tourismus und Kultur“, "Wirtschaft und Arbeit“, "Mobilität und Verkehr“ und "Bürger, Stadt und Staat“ – angesiedelt sind. Das Spektrum der Projekte reicht von einer Telemedizinanwendung, die es Herzinsuffizienzpatienten erlaubt, ihre Vitaldaten per Internet an das betreuende Krankenhaus zu übermitteln, über einen Smart Meter, der zu einem effizienteren Energieverbrauch führen als auch die Transparenz steigern soll, bis hin zu einer interaktiven Lernplattform, auf der Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt werden können.

Fehlende Sichtbarkeit, diffuse Vorstellungen

In repräsentativen Befragungen und qualitativen Interviews mit ausgewählten Bürgern zeigt sich, dass nach rund vier Jahren das durchaus Nutzen bringende Projekt insgesamt von den Einwohnern in Friedrichshafen mit Vorbehalt aufgenommen wird. Bei der Umsetzung steht das Projekt mehreren Herausforderungen gegenüber: Friedrichshafen ist eine Stadt, die bereits eine hohe Lebensqualität besitzt, die zu steigern es viel bedarf. Die häufig für den Normalbürger fehlende Sichtbarkeit der oft im Hintergrund stattfindenden technischen Innovationen in einem IKT-Stadtentwicklungsprojekt ist ein weiterer Punkt, der die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erschwert. Zudem sind viele Einzelprojekte auf bestimme Zielgruppen zugeschnitten und erreichen vergleichsweise kleine Nutzergruppen innerhalb der Stadt.

T-City hat im Jahr 2011 einen durchaus hohen Bekanntheitsgrad unter der Bevölkerung in Friedrichshafen erzielt.  86 Prozent der Bürger kennen das Projekt T-City. In den qualitativen Interviews wird jedoch deutlich, dass viele nur eine diffuse Vorstellung von dem Projekt besitzen.  Wenige Bürger nehmen einen direkten Vorteil oder eine Verbesserung für ihre Alltagsgestaltung wahr, auch wenn sie T-City einen positiven Impuls für die gesamtstädtische Situation oder die Industrie zuschreiben.  36 Prozent der Einwohner stimmen der Aussage zu, dass sich die Lebensqualität durch T-City verbessern wird, wobei Anwender der Pilotprojekte mit 41 Prozent Zustimmungswerten die Gesamtidee deutlich positiver bewerten als Nichtnutzer. Ausprobieren schafft also – zumindest ein wenig – Begeisterung. Eine Mehrzahl der Bürger hat bislang allerdings noch keinen aktiven Nutzen durch T-City erfahren.

Begeisterung für Neues nicht selbstverständlich

Eine Stadt kann durch den Einsatz von IKT nur dann „smart“ werden und hierdurch die Lebensqualität erhöhen sowie den Herausforderungen des Urban Age begegnen, wenn die Akzeptanz der Bürger für die Ideen des Projekts und den hieraus resultierenden technischen Lösungen gegeben ist. Das Beispiel Friedrichshafen zeigt, dass Begeisterung für Neues nicht selbstverständlich ist und dass konkretes Ausprobieren von Lösungen eine Möglichkeit ist, Nutzer dazu zu gewinnen, eine Smart City auch zu "leben“.  IKT sind aus unseren Städten nicht mehr wegzudenken. Ob Städte durch die neuen Technologien "smarter“ werden, wird die Zukunft zeigen: Die Stadt als Ort der Veränderung wird hierbei jedoch nicht durch IKT determiniert, sondern durch das lokale Wechselspiel von Gesellschaft und Technik geformt werden.

Links

Geographisches Institut Universität Bonn

Forschungsprojekt T-City

Netzwerk Zukunftsstädte

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