Wohnen im Wolferwartungsland

Kompletter Leerstand in Plattenbauvierteln und in alten Dorfzentren (hier: Schönebeck an der Elbe) Foto: IBA

Der deutsche Osten als „Wolferwartungsland“: Die Wende verstärkte das Ausbluten dramatisch. Manche Gegenden gelten nach UN-Kriterien bereits als unbesiedeltes Gebiet. Ein Phänomen, das bisher nur von amerikanischen Goldgräberstädten bekannt ist. Delegationen aus aller Welt studieren in den neuen Bundesländern die Probleme von Wegzug, Überalterung und „Rückbau“, sprich Abriss, ganzer Stadtviertel.

Helmut Kohl begründete 1990 die rasche Einführung der D-Mark in der DDR mit dem Slogan der Demonstranten: "Kommt die DMark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!”

Die DDR-Bürger bekamen die D-Mark sogar drei Monate vor dem offiziellen Beitrittstermin (3. Oktober 1990). Und dennoch blieben sie nicht: Fast vier Millionen Menschen verließen seit der Wende den Osten und zogen in den Westen. Zur Wende hatte die DDR noch 16 Millionen Einwohner, jetzt sind es etwa 13 Millionen, die Zuzügler aus der Gegenrichtung mit berücksichtigt.

Laut UNO: unbesiedeltes Gebiet

Die ostdeutschen Bundesländer rinnen aus. Gebiete, die vorher schon dünn besiedelt waren, sind nahezu menschenleer.

Die Uckermark – der größte Landkreis Ostdeutschlands – gilt nach UN-Kriterien als unbesiedeltes Gebiet, weil weniger als 30 Einwohner auf einem Quadratkilometer leben. Als wäre sie ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Hier, in Templin, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Wochenendhaus. So pendelt sie von der dichtestbesiedelten Region Deutschlands in die dünnstbesiedelte, von Berlin mit fast 4.000 Einwohnern pro Quadratkilometer in die Uckermark, wo nicht einmal 12 Personen pro Quadratkilometer leben.

Noch liegt kein Dorf komplett brach

In den ersten acht Jahren (1990 bis 1998) war der SPD-Politiker Matthias Platzeck als Raumordnungsminister auch für die Strukturplanung Brandenburgs zuständig. Damals sagten ihm wissenschaftliche Institute voraus, dass ab 2002 und 2003 die Dörfer im Lande „brachfallen“, also leer stehen würden.

„Jetzt wissen wir, dass auch Strukturforschungsinstitute irren können. So wie die vorhergesagten Wachstumsraten nie stimmen, haben auch diese Vorhersagen nicht gestimmt. Wir haben bis heute, immerhin schon 2010, noch kein einziges Dorf in Brandenburg, das total brachgefallen wäre.“

Allerdings hat sich zum Teil die Dorfbevölkerung geändert. Zehntausende Berliner zogen in Dörfer mit guter Verkehrsinfrastruktur. Von den meisten Gegenden Brandenburgs sind sie mit dem Regionalexpress innerhalb einer Stunde im Zentrum Berlins. Auch das dichte Autobahnnetz nutzen viele, die lieber im Grünen wohnen, zum Pendeln.

Müdes Lächeln bei Demografiekongressen

„Also wir haben den Prozess schon durch“, resümiert Platzeck, „und deshalb schreckt mich das Demografiethema nicht so. Ich war vor zwei, drei Jahren auf einer EU-Konferenz in Brüssel. Da wurde uns gesagt, welche großen Herausforderungen durch die Demografie auf Teile Europas zukommen: Man wird vielleicht jede vierte Schule schließen müssen, Bahnlinien dichtmachen, sich eine neue medizinische Versorgung überlegen müssen, und die Läden auf dem Lande werden schließen.

Wir konnten da in Brüssel nur lächelnd dasitzen: Wir haben inzwischen jede zweite Schule geschlossen, wir haben jede zweite Eisenbahnlinie gestrichen, fast alle Läden auf dem Lande sind zu. Also das haben wir alles hinter uns, das ist bei uns schon durch.“

Es gibt keine Literatur über Städterückbau

"Wir haben keinerlei Literatur gefunden", erinnert sich Platzeck. Über Wachstum von Städten findet man Bücher in allen Bibliotheken. Über den Rückbau von Städten dagegen findet man höchstens etwas über die verlassenen amerikanischen Goldgräberstädtchen.

„Ich hab vor 15 Jahren gedacht, eine Stadt rückzubauen, ist ein architektonisches Problem. Das ist aber inzwischen das Einfachste. Viel schwieriger sind Dinge, die man nicht sieht, zum Beispiel unter der Erde.“

Unterirdische Infrastruktur kaputt

Abwasser- und Wasserleitungen funktionieren plötzlich nicht mehr. Für bestimmte Bevölkerungszahlen angelegt, fließt das Wasser nicht mehr durch die großen Sammelkanäle, wenn der Verbrauch fehlt.

Verkehrssysteme funktionieren plötzlich anders, der Stadtcharakter ändert sich, die Stadtgesellschaft ändert sich. "Soziologisch ändert sich vieles. Das sind viel schwierigere Probleme als das rein baulich Architektonische, viel schwieriger als zu sagen: Wir reißen das Haus ab und bauen dafür ein anderes an einer anderen Stelle", so der frühere Raumordnungsminister Brandenburgs.

Veränderte Rituale im Dorf

"Unsere Dörfer werden also nicht brachfallen, aber sie werden eben älter. Das verändert das Leben und die Rituale im Dorf."

Platzecks Wahlkreis liegt nun ganz im Norden an der polnischen Grenze. Dort sind all diese Probleme virulent.

Keine Lust aufs Altenheim

In einem Dorf seines Wahlkreises wurden ältere Mitbewohner gefragt, wo sie alt werden wollen. Bisher war das Altenheim mit Park in der Kreisstadt vorgesehen. Die Umfrage ergab, dass die Dorfbewohner dort nicht hin-, sondern ihre letzten zehn Jahre in ihrem Dorf verbringen wollen. Daher werden nun ganz neue Formen getestet, um herauszufinden, wie kleinere Gruppen älterer Menschen in ihrem Dorf alt werden können, welche Betreuungsmodelle man benötigt, welche Art von Finanzierung, welche baulichen Voraussetzungen usw.

Der Osten ist früher dran und sammelt Know-how, das langfristig ganz Deutschland und viele europäische Gegenden brauchen. Noch ist in den westdeutschen Bundesländern der Überalterungsprozess durch die Umzüge Zehntausender Leute zwischen 18 und 30 Jahren aus dem Osten verschoben.

Bürgerbusse statt Linienbusse

Zur Zeit testet man Verkehrssysteme, die auf Anruf basieren, und andere bedarfsgerechte Verkehrssysteme wie Bürgerbusse anstelle der herkömmlichen öffentlichen Buslinien.

Auch die ärztliche Versorgung in den Krankenhäusern soll neu organisiert werden, dort sollen auch niedergelassene Ärzte arbeiten.

Mobile Ärzte und Schwester Agnes

Ferner sollen mobile Ärzte eingeführt werden, die von Dorf zu Dorf fahren und jeden Tag woanders ihre Sprechstunde haben.

Brandenburg hat sich eine neue Infrastruktur überlegt und mit Telemedizin angefangen, indem die Menschen ihre kardiologische Überwachungsgeräte zu Hause haben und per Telemedizin an den Arzt übersenden.

Auch das Modell einer Gemeindeschwester wird neu belebt, die in medizinisch unterversorgten Regionen Hausärzte entlasten, Hausbesuche durchführen, Spritzen setzen, Blutdruck und Blutzucker messen kann. Das erspart den Patienten weite Wege und lässt dem Arzt Zeit für schwere Fälle.

In der DDR war diese Einrichtung durch das Fernsehen ab 1975 sehr populär: „Gemeindeschwester Agnes" (YouTube) fuhr mit wehender Haube auf einer weißen Schwalbe, dem kultigen DDR-Roller, durch die Dörfer der Oberlausitz.

Aufbau Ost mit Abbruch Ost

Wer denkt, Aufbau Ost sei wortwörtlich zu nehmen, irrt. Zum Aufbau Ost gehört auch der Abriss Ost.

Wer glaubt, die Strukturfondsmittel der EU (EFRE – Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung) dienten ausschließlich den Aufbaumaßnahmen in schwachen Zielgebieten, irrt ebenfalls: Auch die EU beteiligt sich in der laufenden Periode (2007 bis 2013) großzügig an den Rückbau- und Stadtumbaumaßnahmen, um die Städte aufzuwerten und nachhaltige Stadtentwicklung voranzutreiben. Die EFRE-Mittel wurden zudem für ausgewählte Vorhaben durch Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) flankiert.

Jeder Zweite wohnt in einer „Stadtumbaustadt“

Etwa jeder zweite Ostdeutsche wohnt in einer „Stadtumbaustadt“ und ist von Rückbau direkt oder indirekt betroffen.

In Ostdeutschland stehen fast zwei Millionen Wohnungen leer, obwohl bereits ganze Blöcke und Stadtviertel eliminiert worden sind.

Die Bevölkerungszahl sinkt weiter. Nach wie vor ziehen Jüngere weg, die Geburtenfreudigkeit lässt nach, die Daheimgebliebenen altern. Vor allem in den fünf Jahren nach der Wende (1989 bis 1994) waren die jüngeren Leute wirtschaftlich und sozial so verunsichert, dass die Geburtenrate mit nur 0,8 Kinder pro Frau ihren Tiefststand hatte. Da viele Frauen im gebärfähigen Alter westwärts ausgewandert sind, wird das Problem von Generation zu Generation größer.

Frauenmangel, Männerüberschuss

Verschärft wird es, indem die jungen Frauen überproportional stark abwandern. Seit Mitte der neunziger Jahre ziehen per Saldo deutlich mehr Frauen als Männer aus ihrer ostdeutschen Heimat fort.

Das ergibt einen erheblichen Überschuss an Männern in der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen in den neuen Bundesländern. In wirtschafts- und strukturschwachen Regionen fehlen bis zu 25 Prozent der jungen Frauen.

“Diese Frauendefizite der neuen Bundesländer sind bis heute europaweit ohne Beispiel”, erläuterte Bernd Kauffmann, Generalbevollmächtigter der Stiftung Schloss Neuhardenberg, als er 2007 die Ausstellung »Gehen oder Bleiben?” eröffnete.

Manche Gegenden schlimmer als Polarkreisregionen

Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands, die seit langem unter der Landflucht speziell von jungen Frauen leiden, reichen an ostdeutsche Werte nicht heran.” Dieses Phänomen sei noch wenig erforscht.

Der Frust der Männer könnte ein Grund für die Erfolge der Rechtsradikalen in ostdeutschen Regionen sein…

Ein Hoffnungsschimmer – die Abwanderung 2009 fiel geringer aus als in den Jahren davor – ist schwach. Das ist keine Trendwende, sondern es gibt einfach immer weniger junge Leute, die überhaupt noch abwandern könnten.

Folge für den Immobilienmarkt: Banken akzeptieren in der Regel bei einem Kreditantrag ein Haus in den betroffenen Gebieten nicht mehr als Sicherheit. Aus Bankersicht ist ein Haus in entleerten Gegenden so gut wie nichts wert.

Schwedt und seine „Arbeiterwohnregale“

Mittlerweile kommen internationale Delegationen nach Schwedt an der Oder und reden mit dem Bürgermeister, wie man den Entwicklungsprozess begleitet.

Schwedt gehört zu den Städten mit dem größten Leerstand und dem massivsten Rückbau. Viele Adressen gibt es hier nicht mehr, Dutzende Straßenzüge mit Tausenden Wohnungen sind verschwunden. Wo früher Stadtgebiet war, wächst heute Wald. Die Stadt ist "nach innen gewachsen", sie wurde "verdichtet" und hat den Wandel verkraftet. Viele finden, dass sie heute  schöner aussieht als vor 20 Jahren.

Zur Wende war Schwedt noch eine der „jüngsten“ Städte. Der Altersdurchschnitt seiner Einwohner lag unter 30. Als es Zentrum der DDR-Chemie- und Papierindustrie wurde und für die Arbeiter 11.000 neue Wohnungen brauchte, entstand eine ganze Plattenbaustadt mit “Arbeiterwohnregalen”.

“Entmietung” schon nach 17 Jahren

Schwedt wurde zur sozialistischen Modellstadt. 1980 schnellte die Einwohnerzahl auf fast 55.000 empor. Nach der Wende brach die Industrie zusammen, die Bewohner zogen auf Arbeitssuche weg und hinterließen Leerstand. Jetzt hat Schwedt wieder nur 30.000 Einwohner.

Die Plattenbauten waren oft nicht einmal noch zwanzig, oft erst 17 Jahre alt, als sie „entmietet“ und aufgegeben wurden.

Das Schrumpfen gestalten

Auch Sachsen-Anhalt gehört zu den meistbetroffenen Bundesländern. Stadtplaner, Architekten, Politiker und Beamte aus aller Welt pilgern hierher, um zu studieren, wie man Schrumpfen gestalten kann.

Denn die meisten Länder Europas müssen sich auf sinkende Bevölkerungszahlen einstellen. Nirgendwo hat man Erfahrungen. Die IBA Stadtumbau (Internationale Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt) 2010 hat nach Eigendefinition das ganze Bundesland zum “Labor für die Stadt von morgen” erkoren. Die IBA ist weltweit vernetzt und sucht den internationalen Austausch.

Mit seinem dramatischen Bevölkerungsverlust seit der Wende erleben Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern längst, was vielen anderen Gegenden Europas noch bevorsteht. Schrumpfende Städte sind ein internationales Phänomen. In Stadtplanung und –technik, Ökonomie und Kultur entstehen völlig neue Forschungsgebiete. Das Know-how des Stadtumbaus findet sich im deutschen Osten.

Alternativen zum Totalabriss

Alternative zum kompletten Abriss war und ist der Teilrückbau. Die oberen Stockwerke werden demontiert, übrig bleibt ein Drei- oder maximal Fünfgeschoßer, bei dem sogar Wohnungen zusammen gelegt werden können. Die unteren Wohnungen können Terrassen oder Gärten zugeordnet bekommen.

Oder: Leerstehende Wohnungen in den oberen Stockwerken werden den Mietern als billige Keller- und Lagerräume angeboten.

Oder: Mit den Betonplatten eines demontierten Hochhauses werden zweistöckige Stadthäuser oder Einfamilienhäuser errichtet.

Kein Pardon für Gründerzeitimmobilien

Nicht nur Plattenbauten sind Abrissobjekte, auch abgewohnte Gründerzeithäuser, in die jahrzehntelang nichts investiert wurde, die an lauten Durchzugsstraßen stehen oder für die sich einfach kein Investor findet.

Oft steht eine Gründerzeitruine nur deshalb noch, weil die Bank dem Abriss wegen einer Kreditverbindlichkeit nicht zustimmt oder weil sich eine Erbengemeinschaft nicht einigen kann oder weil selbst der Abriss zu teuer wäre, wobei die Kosten für Straßenreinigung und Grundsteuer sogar weiterlaufen.

Hochzeit für Euphemismen

Das ist die Zeit für Euphemismen bei „Stadtreparatur” und “Wohnumfeldverbesserung”: Rückbau statt Abriss; Entmieten statt Räumung; Nachnutzungskonzept statt Verschwindenlassen; Rückzugsgebiet statt Abbruchareal; Fluktuationsreserve statt restlicher Leerstand.

Und wenn es heißt: „Wohnungen werden vom Markt genommen“, ist der Einsatz der Abrissbirne oder die Demontage der Platten zur Weiterverwendung gemeint.

Rückkehr der Wölfe

Das schönste Wort ist indes "Wolferwartungsland", von brandenburgischen Künstlern ersonnen, um das Aussterben ländlicher Räume und die Rückkehr der Wölfe plakativ zu beschreiben. Nicht nur auf den riesigen Arealen der aufgelassenen Truppenübungsplätze gibt es bereits welche. Manche Bauern erhielten von ihrem Landesumweltamt bereits Entschädigung für gerissene Schafe oder Kälber.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

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Links:

Artikel "In Ostdeutschland bilden Wölfe wieder Rudel" (Die Welt)

Artikel In Brandenburg ist Canis lupus wieder heimisch (3sat)

Artikel Wölfe reißen erstmals Rinder in der Lausitz (Tagesspiegel)

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