Fische und Tomaten leben in einer WG, Hühner legen ihre Eier auf dem Dach und Pilze wachsen auf dem Kaffeesatz. Urbane Landwirtschaft, also der Anbau von Lebensmitteln in den Städten, liegt im Trend. EURACTIV.de hat sich Projekte in Berlin, Paris und London genauer angeschaut.
Fische und Tomaten bilden eine perfekte Wohngemeinschaft. Das nutzen die Gründer von "Efficient City Farming (ECF)", einem Start-up Unternehmen in Berlin. Die Firma wendet ein umweltfreundliches Prinzip namens "Aquaponik" an – hierbei werden Fischzucht (Aquakultur) und Pflanzenbau im Wasser (Hydroponik) kombiniert. Genauer gesagt verwendet das Unternehmen das ASTAFpro System (Aquaponik-System zur emissionsfreien Tomaten- und Fisch- Produktion in Gewächshäusern), eine neue Form von Aquaponik. Dieses System wurde vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) entwickelt.
"Ich habe gesehen, dass der Markt für die urbane Landwirtschaft in Verbindung mit Aquaponik bereit ist – es hat sich bloß noch niemand getraut, es zu verwirklichen", sagte Nicolas Leschke, einer der Geschäftsführer und Gründer von ECF gegenüber EURACTIV.de.
Fische versorgen Pflanzen
Das Prinzip von ASTAFpro ist zwar etwas kompliziert, funktioniert aber einfach ausgedrückt so: Die Fische (Barsche) leben in einem Tank. Die Ausscheidungen der Fische enthalten Nährstoffe, die die Pflanzen (übrigens nicht nur Tomaten, sondern auch Gurken, Salat und vieles mehr) zum Wachsen brauchen. Das Wasser aus dem Fischtank wird aufbereitet und fließt durch eine Pumpe nach oben, wo es dann die Pflanzen, deren Wurzeln direkt im Wasser liegen, mit Nährstoffen versorgt. Das von den Pflanzen verdunstete Wasser wird mittels Kühlfallen aus der Gartenhausatmosphäre herausgefiltert und wieder in das Fischbecken geleitet. Durch dieses System wird der tägliche Wasserverbrauch auf unter drei Prozent Frischwasser verringert. Der Pflanzen-Fisch-Kreislauf funktioniert ohne CO2-Ausstoß, weil die Pflanzen das von den Fischen freigesetzte CO2 binden. Abfallprodukte von Fischen und Pflanzen werden in der integrierten Biogasanlage wiederverwertet und erzeugen die Energie, die die Anlage zum Funktionieren benötigt.
Für die kleine Container-Farm, die den Prototyp für spätere Projekte darstellt, rentieren sich eine eigene Biogasanlage oder Kühlfallen für die Wasserrückgewinnung noch nicht, sagte Christian Echternacht, Mitgründer von ECF, gegenüber EURACTIV.de. Das sei nur bei größeren Projekten lohnenswert. Bei der Farm im ausrangierten Schiffscontainer wollen es die Unternehmer aber nicht belassen. Bald wollen sie auf dem Gelände der Berliner Malzfabrik ein "ECF-Center" bauen. "Es wird ein Gewächshaus von 1000 m2 geben, außerdem eine 10 Tonnen Fischzucht, einen Verkaufs- und Konferenzraum", so Leschke. "Wir möchten eine Anlaufstelle schaffen, für alle, die sich mit dem Thema "urbane Landwirtschaft" beschäftigen möchten".
ECF ist eines von Tausenden Kleinprojekten weltweit, die mit nachhaltigen Kreislauf-Produktionen nahe am städtischen Verbraucher experimentieren. Genutzt wird alles, was das städtische Umfeld zu bieten hat, ob Gebäude oder eben ausrangierte Container.
In den Mega-Cities Asiens und Afrikas ist die urbane Landwirtschaft schon lange bekannt, da aufgrund von Landflucht und rasanter Urbanisierung Alternativen zur Eigenversorgung aufgebaut werden müssen. „Die gebäudeintegrierte Landwirtschaft kann eine ökonomische Nische als wetterunabhängige Primärproduktion für saubere, gesunde und vermarktbare Lebensmittel in Megastädten schließen“, schreiben die Experten vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in einem Beitrag für EURACTIV.de. Für europäische Städte wiederum sei der systemische Ansatz der gebäudeintegrierten Landwirtschaft ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Stadt.
Gebäude statt Acker
Für den Großraum Berlin erforscht eine Forschungsgruppe namens Zfarm die Möglichkeiten gebäudebezogener Landwirtschaft. Beteiligt sind daran Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V., vom Institut für Ressourcenmanagement inter 3 GmbH und vom Institut für Stadt- und Regionalplanung (ISR) der Technischen Universität Berlin. Die Forschungsgruppe analysiert Urban Farming-Initiativen auf der ganzen Welt und hat dieses Projekt "Zero Acreage Farming" – also "Landwirtschaft ohne Acker" – getauft. Unterstützt werden die Experten vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Die Mitarbeiter des Zfarm-Projekts kooperieren mit Wohnungseigentümern, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen, um die Umsetzung gebäudebezogener städtischer Landwirtschaft zu entwickeln. Außerdem werden die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe in der städtischen Landwirtschaft und das Zusammenspiel von Städtebau, Technik, Anbauverfahren und Logistik erforscht.
Gewächshaus-Disko und Pilz-Container
Ob Dachgewächshäuser, Indoor-Farmen (Landwirtschaft in Innenräumen), Vertikale Farmen (also Farmen in Hochhäusern) oder Dachgärten – Um nachhaltig und geschäftsnah zu produzieren, lassen sich Menschen weltweit ständig etwas Neues einfallen. "Erlaubt ist, was gut wächst, gut aussieht und gut ankommt", das ist nicht nur das Motto des Berliner Projekts Zero Acreage Farming.
So gibt es im Farm:Shop in London unter anderem Aquaponik im Erdgeschoss, im Hinterhof einen Folientunnel (eine Art tunnelförmiges Gewächshaus) und auf dem Dach einen Hühnerstall. Die Kunden können den "fischgemachten" Salat im hauseigenen Café genießen oder mit nach Hause nehmen. Im Folientunnel wird einmal im Monat gefeiert- dann stellt dort ein DJ sein Mischpult auf und der "Gemüsetunnel" wird kurzerhand zur Disko umfunktioniert. Die "Hühner vom Dach" legen die Eier, die anschließend im Laden in Viererpacks verkauft werden. Die Idee für den "Shop" stammt von einem Ingenieur, einem Grafikdesigner und einem Soziologen, die den Laden im März 2011 eröffneten.
Etwas weniger lebhaft, aber nicht weniger nachhaltig ist das Projekt "U-farm" der Firma UpCycle in Frankreich. Cédric Péchard, der Gründer des Unternehmens hat ein Konzept aus den USA und Simbabwe übernommen: Kaffeesatz wird wiederverwertet und für die Pilzzucht in ausrangierten Containern verwendet. "Man muss es wie die Natur machen, in der es keinen "Abfall" gibt – alles wird gleich wiederverwertet, zitiert die französische Website "Innovcity.fr" UpCycle-Gründer Péchard. "Upcycling" bedeutet, etwas Altes zu verwerten, um daraus etwas "Besseres" herzustellen. Seit März 2012 gibt es die erste "U-Farm" in Paris.
Bis jetzt ist die urbane Landwirtschaft lediglich eine Art Zusatzversorgung. Durch den steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln und der zunehmenden Verstädterung könnte aber vor allem die gebäudebezogene Landwirtschaft immer wichtiger werden.
Aline Heidemann
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Weitere Beiträge zum Thema
Urban Farming in der Stadt von morgen (18. April 2012)
Europäische Stadtpolitik (23. November 2011)
