„Eklatante Defizite“ bei Nichtraucherschutz

Staaten sollen Raucher beim Ausstieg aus der Sucht stärker unterstützen, fordern Experten in einer aktuellen Studie. Foto: dpa

Nikotinsucht wird in Deutschland bisher nur halbherzig bekämpft. Vorbildlich sind dagegen die Maßnahmen in Irland und Großbritannien. Auch Finnland hat erfolgversprechende Konzepte, heißt es in einer aktuellen Studie zur Nikotinabhängigkeit in Europa.

In Deutschland raucht nach wie vor jeder Vierte über 15 Jahre regelmäßig. Der Tabakkonsum müsste effektiver eingedämmt werden, heißt es im aktuellen Report zur Nikotinsucht in Europa "EQUIPP – Europe Quitting: Progress and Pathways". Experten für Suchterkrankung und Raucherentwöhnung haben die  Studie zu den Fortschritten in 20 europäischen Ländern beim Nichtraucherschutz vor wenigen Tagen in Berlin vorgestellt. Die EQUIPP-Studie wurde vom Pharmakonzern Pfizer finanziert.

172 der 192 Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich 2005 dazu verpflichtet, den Tabakkonsum einzudämmen. Auch Deutschland hat diese "Framework Convention on Tobacco Control" (FCTC) unterzeichnet. Allerdings gibt es in Deutschland weiterhin eklatante Defizite bei der Bekämpfung der Nikotinabhängigkeit, heißt es in dem Bericht.

Deutschland im EU-Vergleich

Kritisiert wird vor allem, dass es kein bundesweites Rauchverbot in der Öffentlichkeit gibt. Stattdessen gibt es in einzelnen Bundesländern Gesetze zum Nichtraucherschutz, die allerdings sehr unterschiedlich sind und zudem viele Ausnahmen enthalten. Robert Loddenkemper, Lungenfacharzt und ehemaliger Präsident der European Respiratory Society, verweist gegenüber EURACTIV.de auf dieses "spezielle deutsche Problem". Es sei ein Skandal, dass "wir keine einheitlichen Regelungen haben", so Loddenkemper.

"Die Ergebnisse für Deutschland sind im europäischen Vergleich bedauerlich", sagte auch Thomas Hering, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Pneumologen. Er forderte, dass die Krankenkassen die Behandlung der Nikotinabhängigkeit stärker unterstützen sollten und die Kosten für Medikamente übernehmen sollten.

Dabei rauchen auch in Deutschland immer weniger Männern und Frauen. Laut der EQUIPP-Studie sank der Anteil der männlichen Raucher in den vergangenen 15 Jahren von 41,8 Prozent (1984) auf 28,6 Prozent (2009). Der Anteil der Raucherinnen verringerte sich innerhalb sechs Jahren von 31,1 Prozent (2003) auf 18,5 Prozent (2009). Laut dem Statistischen Bundesamt lag der Bevölkerungsanteil von aktiven Rauchern 2010 bei 26 Prozent.

Empfehlungen für Deutschland

In der Studie wird empfohlen, dass Deutschland ein allgemeines Rauchverbot in der Öffentlichkeit durchsetzt. Außerdem sollte das Werbeverbot für Tabakprodukte auf indirekte Werbung erweitert und die Tabaksteuer weiter erhöht werden. 2010 hat die Tabaksteuer dem Bundeshaushalt etwa 13,5 Milliarden Euro eingebracht. Die direkten und indirekten Kosten, die durch Tabakkonsum entstehen, liegen allerdings bei über 17 Milliarden Euro pro Jahr.

Weitere Empfehlungen für Deutschland richten sich an Ärzte und das staatliche Gesundheitssystem. So fordern die Autoren der Studie, dass die Kosten für Raucherentwöhnungsprogramme vom staatlichen Gesundheitssystem übernommen werden und dass das Gesundheitspersonal stärker im Bereich Raucherentwöhnung aus- und fortgebildet werden.

Finnland

Finnland gilt als positives Beispiel für die Bekämpfung des Tabakkonsums. Seit Oktober 2010 darf dort kein Tabak mehr an Jugendliche verkauft werden. Bis 2015 sollen alle Zigarettenautomaten aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Die finnische Regierung versucht so schrittweise ein rauchfreies Finnland durchzusetzen. Die Nichtraucherinitiative "Smoke-free Finland" will die finnische Regierung dazu bewegen, bis 2040 ein allgemeines Rauchverbot in der Öffentlichkeit einzuführen.

Irland und Großbritannien

Vor allem Irland und Großbritannien gelten den Autoren der Studie als vorbildlich im Kampf des Tabakkonsums. Zwar wird in Irland deutlich mehr geraucht als in Deutschland – 2009 waren 29 Prozent der Iren Raucher – doch die staatliche Gesundheitsbehörde (Health Service Executive) übernimmt die Kosten von Rauchentwöhnungsprogrammen vollständig.

Großbritannien trägt als einziges Land die vollen Kosten von allen zugelassenen Medikamenten zur Rauchentwöhnung. Außerdem sei das nationale Schulungsprogramm Großbritanniens für Krankenschwestern, Allgemeinmediziner und Berater für Rauchentwöhnung beispielhaft. Sie qualifiziere die Angehörigen der Gesundheitsberufe für die Unterstützung von Rauchern, die aufhören wollen. Beide Länder verfügen zudem über einheitliche Leitlinien zum Rauchverbot in öffentlichen Räumen.

Polnische Ratspräsidentschaft

Loddenkemper sagte gegenüber EURACTIV.de, dass die Nikotinabhängigkeit auch auf EU-Ebene bekämpft werden sollte. "Polen übernimmt ab Juli 2011 die Ratspräsidentschaft. Es sollte dafür sorgen, dass dieses Thema auf EU-Level kommt", so Loddenkemper.

Sein polnischer Kollege Witold Zatonski, Abteilungsleiter des Instituts für Krebs-Epidemiologie und Prävention in Polen, versicherte, sich dafür stark zu machen. "Ich glaube aber sie überschätzen meine Einflussmöglichkeiten", sagte Zatonski.  

Rauchen als Suchtkrankheit

Die Ärzte wurden während der Tagung aufgefordert, Rauchen als Suchtkrankheit ernst zu nehmen und als Krankheit zu behandeln.  Es sei eine Herausforderung, das positive Image des Rauchens als Zeichen der Freiheit zu verändern und sich einzugestehen, dass es sich um eine Krankheit handelt. Die umfangreichen Werbekampagnen gegen das Rauchen seien erfolgreich. Laut der Studie nimmt die öffentliche Zustimmung in Deutschland zum Rauchverbot in der Gastronomie kontinuierlich zu. 2005 stimmten 52,9 Prozent der Befragten dem Rauchverbot zu, 2007 waren es 66,6 Prozent und 2009 bereits 73,4 Prozent.

Hintergrund

Die Rahmenkonvention zur Eindämmung des Tabakkonsums (FCTC) unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll die Verbreitung des Tabakkonsums eindämmen. Die FCTC sieht verschiedene Maßnahmen vor, um die Tabaknachfrage und das Tabakangebot zu reduzieren. Dazu gehört die Kennzeichnung von Tabakerzeugnissen mit Warnhinweisen, der Schutz der Nichtraucher, die Bildungsarbeit und Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Nikotinabhängigkeit.

172 der 192 UN-Staaten haben die FCTC ratifiziert. Mit ihrem Inkrafttreten am 27. Februar 2005 verpflichteten sich alle Staaten integrative Leitlinien zur Bekämpfung der Nikotinabhängigkeit zu erarbeiten und Angebote an Rauchentwöhnungstherapien zu gewährleisten. Deutschland unterzeichnete die FCTC am 23. Oktober 2003 und ratifizierte es am 16. Dezember 2004. Die Verpflichtungen traten zum 16. März 2005 in Kraft. Als einziges EU-Mitglied hat die Tschechische Republik die FCTC nicht ratifiziert.

Mimoza Troni

Links


WHO: Framework Convention on Tobacco Control

Pizer: Pressemitteilung zum EQUIPP-Bericht (17. März 2011)

Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 190: Drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland sind Nichtraucher (28. Mai 2010)

Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 249: Drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland sind Nichtraucher (22. Juni 2006)

Bundesfinanzministerium: Steuereinnahmen 2009 und 2010 nach Steuergruppen (10. März 2011)

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