Autoindustrie: Industrielle Revolution oder ancien régime?

"In Europa werden die besten Autos der Welt hergestellt. Die Kommission will diese Führungsrolle beibehalten und in punkto Sicherheit und Umweltverträglichkeit noch weiter voranschreiten", sagt EU-Industriekommissar Antonio Tajani. Foto: dpa

Die ansteigende Automobilnachfrage in den Schwellenländern, ein hoher Druck auf die Ölpreise, Nachhaltigkeitsdefizite und ein zunehmender globaler Wettbewerb: Die Herausforderungen für die Automobilbranche in Europa sind zahlreich. Die EU-Kommission hat nun einen Aktionsplan vorgelegt, mit dem Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit der Branche gestärkt werden sollen.

Die am Donnerstag von der EU-Kommission vorgestellte Initiative "Cars2020" sieht verbesserte Rahmenbedingungen für den Zugang zu Kapital, zu internationalen Märkten und für Investitionen in qualifiziertes Personal vor. Dies sind aus Brüsseler Sicht die Schlüsselimpulse für eine starke Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt.

Die Kommission macht sich für einen kräftigen Innovationsimpuls stark, der durch eine Rationalisierung von Forschung und Innovation im Rahmen der Europäischen Initiative für umweltgerechte Kraftfahrzeuge ermöglicht werden soll. Die Zusammenarbeit mit der Europäischen Investitionsbank wird intensiviert, um den Innovationsschub zu finanzieren und kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) den Zugang zu Krediten zu erleichtern.

Durch eine EU-weit genormte Ladeschnittstelle soll für die nötige Regulierungssicherheit gesorgt werden, um der Produktion von Elektrofahrzeugen in großen Mengen zum Durchbruch zu verhelfen. Die Innovation in der Automobilindustrie soll durch ein umfangreiches Bündel von Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-, Schadstoff- und Lärmemissionen und zur beschleunigten Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit sowie zur Entwicklung von technisch fortgeschrittenen "intelligenten Verkehrssystemen" gefördert werden.

Zugleich schlägt die Kommission vor, auf die gegenwärtigen Probleme der Autobranche einzugehen. Angesichts einer rückläufigen Nachfrage auf den europäischen Automärkten und angekündigter Fabrikschließungen wird sie noch im November Fahrzeughersteller und Gewerkschaftsvertreter zusammenbringen.

EU-Industriekommissar Antonio Tajani sagte: "In Europa werden die besten Autos der Welt hergestellt. Die Kommission will diese Führungsrolle beibehalten und in punkto Sicherheit und Umweltverträglichkeit noch weiter voranschreiten. Dieser Plan für die Autoindustrie ist das erste Resultat der am 10. Oktober von der Kommission vorgestellten Strategie für eine neue industrielle Revolution. Die Automobilindustrie hat alle Trümpfe in der Hand, die nötig sind, um ihre Schwierigkeiten zu überwinden, wettbewerbsfähig zu bleiben, nachhaltiger zu werden und ihre Produktionsbasis in Europa zu erhalten. Da sie eine Multiplikatorwirkung auf die Volkswirtschaft hat, sollte sie darüber hinaus Europa einen kräftigen Impuls zur Erhaltung einer starken industriellen Basis geben. Mit dem heutigen Aktionsplan geben wir der Autoindustrie umfassende politische Rückendeckung."

Große strategische Bedeutung für EU-Wirtschaft

"Die Automobilindustrie ist von großer strategischer Bedeutung für die EU-Wirtschaft. Der Sektor umfasst 12 Millionen Arbeitsplätze, 4 Prozent des BIPs und tätigt die größten privaten Investitionen im Bereich Forschung und Innovation. Um die Krise zu überwinden, müssen deswegen konkrete Maßnahmen schnellstmöglich die Stärkung und Erneuerung der traditionellen Autoindustrie gewährleisten", sagte der SPD-Europaabgeordnete Bernd Lange.

"Die Mobilitätswirtschaft bildet den Kernsektor der europäischen Industrie. Dieser integrative politische Ansatz ist unerlässlich, damit die Branche zukunftsfähig bleibt und Arbeitsplätze gestärkt werden. Dabei müssen Investitionen in Forschung, Nachhaltigkeit und gute Arbeit ins Zentrum gerückt werden. Nun gilt es, die Ärmel hochzukrempeln und eine Umsetzung sicherzustellen", forderte Lange. "Innovationsförderung für die gesamte Wertschöpfungskette ist das A und O. Dabei sind die angedachten zwei Milliarden das Minimum. Innovationsförderung darf nicht durch Kürzungsabsichten des EU- Haushalts- auch von der Bundesregierung- in Frage gestellt werden."

Konservierungs-Strategie um jeden Preis?

Reinhard Bütikofer, stellvertretender Vorsitzender und industriepolitischer Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA, sagte: "Die Autoindustrie braucht aus grüner Sicht eine klare Erneuerungs-Strategie welche auf ökologisch-innovativer Grundlage stehen muss. Ich begrüße in diesem Zusammenhang die Ansage des Vize-Präsidenten, einen Konsultationsprozess für neue CO2-Ziele nach 2020 zu starten und eine alternative Treibstoff-Strategie zu lancieren."

Bedauernswert sei, dass weder das CO2-Labelling für Autos noch eine Strategie zur Senkung der CO2-Emissionen für Lastkraftwagen erwähnt werden, erklärte Bütikofer. "Damit bleibt der Aktionsplan hinter der Europäischen Strategie für saubere und energieeffiziente Fahrzeuge von April 2010 zurück, in welcher sich die EU-Kommission verpflichtete, eine Strategie zur Senkung der CO2-Emissionen von LKW zu präsentieren. Ein EU-Auto-Aktionsplan sollte sich nicht als Konservierungs-Strategie um jeden Preis präsentieren. Das Forschungsprogramm Horizon 2020, das KMU-Programm COSME, das öffentliche Beschaffungswesen und billige Kredite der Europäischen Investitionsbank sollten nicht als Subventionstöpfe für Herrn Marchionne und seine ACEA-Kollegen behandelt werden." Fiat-Chef Sergio Marchionne ist zur Zeit Vorsitzender des Aufsichtsrates der European Automobile Manufacturers Association (ACEA), Lobbyorganisation der Automobilindustrie in Brüssel.

dto

Links

EU-Kommission: CARS 2020: für eine starke, wettbewerbsfähige und nachhaltige europäische Automobilindustrie (8. November 2012)

EU-Kommission: Aktionsplan für die Automobilindustrie der EU im Jahr 2020 (8. November 2012)