„Städte können Vorreiter der Elektromobilität sein“

Die Industrie warnt bei einem Elektroauto-Boom vor einer möglichen Rohstoffknappheit. [shutterstock]

Interview mit EU-Verkehrskommissar KallasStädte bieten gute Voraussetzungen für die Markteinführung von Elektroautos,
sagt EU-Verkehrskommissar Siim Kallas. Im Interview erklärt Kallas, warum die EU auch Alternativen für die urbane Mobilität der Zukunft fördert.

Zur Person

" /Siim Kallas war von 2002 bis 2003 Ministerpräsident Estlands. Seit 2010 ist Kallas EU-Verkehrskommissar und Vizepräsident der Brüsseler Behörde. In der Verkehrspolitik wagte die EU-Kommission 2011 einen Blick in die Zukunft. Das Weißbuch "Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum" entwirft die Vision eines nachhaltigen Verkehrssystems bis 2050. Das zentrale Ziel: Die verkehrsbedingten Treibhausgasemissionen sollen bis Mitte des Jahrhunderts um 60 Prozent sinken.

Das englischsprachige Original-Interview finden Sie hier.

Hinweis: Der deutsche Text erschien zunächst im EURACTIV.de-YellowPaper "Stadt der Zukunft" (Dezember 2011), das Analysen, Standpunkte und Interviews zur euopäischen Stadtentwicklung versammelt.
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EURACTIV.de: Müssen sich die Mobilitätskonzepte in Europas Städten aufgrund der Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsvorgaben grundlegend ändern?

KALLAS:
Die Kommission unterstützt ein integriertes Konzept für die urbane Mobilität, das nach einem nachhaltigen Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Verkehrsarten sucht. Für viele Bürger sind öffentliche Verkehrsmittel, das Radfahren und das Zufußgehen bereits die Haupt-Modi der städtischen Fortbewegung. Wenn es gute Alternativen gibt, dürften sich auch noch mehr Bürger dazu animiert fühlen, bei der Fortbewegung in der Stadt ihr Auto seltener zu nutzen. Wir können die öffentlichen Verkehrsmittel, das Zufußgehen und Radfahren noch attraktiver gestalten, die Zuverlässigkeit und Sicherheit erhöhen. Das könnte uns helfen, Staus zu reduzieren, Lärm- und Schadstoffemissionen zu senken und einen Beitrag zur Gesundheit zu leisten. Den Städten stehen zur Entwicklung dieser Verkehrsträger erhebliche Fördermittel der Europäischen Union zur Verfügung.

EURACTIV.de: Was sind die Ziele des Green eMotion-Programms, das von der Kommission mit 24 Millionen Euro gefördert wird?

KALLAS: Green eMotion wird die laufenden regionalen und nationalen Initiativen zur Elektromobilität verknüpfen, ihre Ergebnisse nutzen und die verschiedenen technologischen Ansätze vergleichen, um die bestmöglichen Lösungen für den europäischen Markt zu fördern. Die Plattform wird den verschiedenen Akteuren die Interaktion ermöglichen und neue hochwertige Transport-Dienstleistungen genauso vorantreiben wie bequeme Zahlungssysteme für die Nutzer von Elektro-Fahrzeugen.

Darüber hinaus wird das Projekt Lösungen für Elektromobile und die Integration der Elektromobilität in Stromnetze demonstrieren. Mit Blick auf die Schnittstellen der Elektromobilität wird es zur Neu-Entwicklung und Verbesserung von Normen beitragen.

Die erarbeiteten technologischen Lösungen werden in allen teilnehmenden Test-Regionen demonstriert, um die Interoperabilität des Systems unter Beweis zu stellen.

"Wir erwarten die Elektromobilität zunächst in den Städten"


EURACTIV.de:
Am "Green eMotion-Programm" nehmen viele Städte teil, unter anderem Barcelona, Berlin, Kopenhagen und Rom. Werden Europas Metropolen Vorreiter bei der E-Mobilität sein?

KALLAS: Städte können Vorreiter für Elektromobilitäts-Lösungen werden, weil Elektroautos gut den Anforderungen entsprechen, die an städtische Fahrzeuge gestellt werden. Darüber hinaus können die notwendige Energieinfrastruktur und die benötigten unterstützenden Dienste in den Städten schnell nachgerüstet werden, was die Einführung erleichtert.

EURACTIV.de: Wann wird sich die Elektromobilität in Europas Städten durchsetzen?

KALLAS:
Die Mitteilung der EU-Kommission zu sauberen und energieeffizienten Fahrzeugen (KOM 2010 / 186) zeigt, dass der Marktanteil von Elektro-Autos bei den Pkw-Verkäufen von 1 bis 2 Prozent im Jahr 2020 auf zwischen 11 und 30 Prozent im Jahr 2030 steigen wird. Für Plug-in Hybrid-Fahrzeuge wird 2020 ein Anteil von 2 Prozent prognostiziert, für 2030 ein Anteil von 5 bis 20 Prozent. Wie erwähnt, erwarten wir diese Marktanteile vor allem in den Städten.

EURACTIV.de: Welche Art der Förderung braucht der Umstieg auf Elektromobilität?

KALLAS: Politische Vorgaben und konkrete Maßnahmen sind bereits auf dem Weg und wirken in den nächsten Jahren. Bei der Unterstützung einer beschleunigten Markteinführung neuer Fahrzeugtechnologien wie dem Elektroauto muss eine langfristige Perspektive eingenommen werden. Der Aktionsplan in der Kommissionsmitteilung für saubere und energieeffiziente Fahrzeuge identifiziert insgesamt 45 konkrete Maßnahmen.

"Die Kommission verfolgt einen technologieneutralen Ansatz"


EURACTIV.de:
Den höchsten Marktanteil erreichen Elektroautos derzeit in New York und Shanghai. Droht Europa den Anschluss zu verlieren?

KALLAS: Die EU hat sich das Ziel gesetzt, den Anteil der Erneuerbaren im Straßenverkehr bis 2020 auf 10 Prozent zu steigern. Die Kommission verfolgt einen technologieneutralen Ansatz. Alle infrage kommenden alternativen Kraftstoffe oder Antriebsmodelle müssen an der EU-2020-Strategie und dem Weißbuch zur Verkehrspolitik gemessen werden.

Die Elektrizität ist ein wichtiger Kandidat für die künftige Energieversorgung des Verkehrssektors. Die Elektrifizierung des Straßenverkehrs könnte ein wichtiger Weg sein, um die politischen Ziele der EU zur Energiesicherheit und zur Treibhausgas-Reduktion zu erfüllen. Allerdings bleiben die technischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten noch zu groß, um sich auf eine einzige Lösung zu verlassen. In Übereinstimmung mit den meisten Beteiligten sollte Europa verschiedene Antriebs-Optionen fördern, um eine nachhaltige Mobilität für unsere zukünftigen Generationen zu gewährleisten. Haupt-Kandidaten für die Substitution von Öl sind Strom, Biokraftstoffe, Erdgas, Wasserstoff und Flüssiggas (LPG).

Darüber hinaus hat die Kommission im Jahr 2002 die mit 200 Millionen Euro geförderte Civitas-Initiative gestartet. Unterstützt durch das EU-Forschungsrahmenprogramm hat Civitas seitdem europäischen Kommunen geholfen, innovative Technologien, politische Maßnahmen und neuartige Konzepte aufzuzeigen und sie in städtische Mobilitäts-Lösungen umzusetzen. Hierzu bietet Civitas den Städten eine Plattform für die Zusammenarbeit und den Austausch bewährter Verfahren. Die Initiative hat den Städten geholfen, die Wissensbasis für die Entwicklung und Umsetzung eines nachhaltigen, integrierten und innovativen Stadtverkehrs aufzubauen, und unterstützt zu diesem Zweck eine enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Interview: Opens window for sending emailAlexander Wragge

Mehr zum Thema finden Sie im EURACTIV.de-LinkDossier:

"Europäische Stadtpolitik"

Links

Umwelthauptstadt Europas: Hamburg zieht Bilanz (23. Dezember 2011)

Elektroautos: Paris startet öffentliches Verleihsystem (7. Dezember 2011)

Auf dem Weg zur "exklusiven" Innenstadt? (25. November 2011)

Dokumente

EU-Kommission

"Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum". Weißbuch (28. März 2011)

Automotive: European strategy on clean and energy efficient vehicles – Communication (28. April 2011)

Civitas-Initiative

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