Europa braucht eine gemeinsame Sprache

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Von der Coudenhove-Kalergi-Stiftung kommt der Vorschlag, mittelfristig nur noch eine einzige offizielle Amtssprache innerhalb der EU zuzulassen. [Shutterstock]

Die größte Hürde für einen paneuropäischen Föderalismus ist das Fehlen einer gemeinsamen Zweitsprache, die jeder einfach lernen und verstehen kann, so  Eve-Marie Chamot-Galka. Eine solche lingua franca würde die nationalen und regionalen Sprachen nicht ersetzen, sondern wäre eine zusätzliche Verständigungsmöglichkeit. Auch wenn Englisch de facto diese Rolle eingenommen hat, heißt das nicht, dass es nicht bessere Alternativen gäbe.

Ein Mix aus Altniederländisch, Altnordisch und Altfranzösisch, das viele Wörter aus anderen Sprachen ausgeliehen hat sowie eine sehr unregelmäßige Grammatik und Rechtschreibung aufweist ist paradoxerweise zur lingua franca Europas geworden. Englisch hat eine im Gegensatz zu modernem Niederländisch oder Altgriechisch sehr komplizierte Aussprache und ist für die meisten Europäer schwer zu erlernen. Ein weitaus besseres gemeinsames Sprachkonzept stammt von Dr. Giuseppe Peano aus dem jahr 1903. Der Professor aus Turin entwickelte ein 1931 publiziertes Sprachsystem, das „Latino Sine Flexione“. Eigentlich Mathematiker, forschte und publizierte Peano nebenbei zu Hilfssprachen, die den Menschen die Verständigung über Sprachfamilien hinweg erleichtern würde. Er nannte seine Sprache „Interlingua“. „Interlingua“ ist eine vereinfachte Form des Lateins, die Deklinationen weglässt, aber die Ausdruckstärke der Sprache behält. Diese Sprache wäre einfacher zu lernen und Peano setzte sich für sie als lingua franca in verschiedenen Feldern der Wissenschaft ein. Seiner Zeit voraus, wurden seine Ideen jedoch weitestgehend ignoriert, auch als eine US-amerikanische Forschungsgruppe, die IALA, eine Kunstsprache entwickelte, die die Kommunikation für mathematische Publikationen revolutionieren wollte und dabei einige seiner Ideen aufnahm (oder plagiierte?). Denn auch dieses Projekt verlief im Sande.

Heute wirken Peanos Ideen dennoch schlüssig. Warum also nicht seine Ideen aufgreifen und sich an dieses paneuropäische Projekt wagen? Man könnte die Sprache „Europeana“ nennen, sie wäre einfacher zu lernen als Englisch, wäre leichter auszusprechen und zu schreiben und würde die Vielfalt des Lateins wiedergeben, die eventuell größer wäre als die des Englischen. Europeana wäre zudem frei von politischen und nationalistischen Andeutungen, wenn man bedenkt, dass Latein von Lissabon bis Moskau und von Helsinki bis Athen wenn auch nicht gesprochen, aber immer noch gelehrt wird.

Hinzu kommt: das klassische Latein wurde etwa zur Zeit von Julius Cäsar in Rom gesprochen und ist bis heute offizielle Sprache der katholischen Kirche, auch wenn sich deren Kenntniss sogar unter Bischöfen nach und nach verliert. „Latina nova“, das „moderne Latein“, auf dem „Europeana“ basiert, entwickelte sich in Mittelalter und Moderne. Das Vokabular wurde um neue Begriffe erweitert, die es ermöglichen die Gegenwart adäquat zu beschreiben. Einige Wörter veränderten auch ihre Konnotation, zum Beispiel wurde das altlateinische Wort „novus“ (neu) in Rom mit Unzuverlässigkeit assoziiert, während es heute eher mit Innovation und Fortschritt konnotiert wird.

Einige Verfechter von Peanos Ideen versuchen die Idee unter dem Namen „Europeano“ wiederzubeleben (wobei die Bezechnung „Europeano“ auch „der Europäer“ heißen, und somit verwirren kann, daher wurde hier von „Europeana“ gesprochen). Auch die JEF könnte sich daran wagen, ein Sprachmagazin in „Europeana“ herauszugeben, eine Petition für eine „Academia de Europeana“ zu starten, in der die Sprache gelehrt würde, die Europäische Kommission aufzufordern, sprachliche Standards zu entwerfen und die Nutzung der Sprache als paneuropäisches Verständigungsmittel zu fördern.

Auch wenn dies eine gute Idee wäre, um die vielen Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, liegt es letztendlich an den Sprechern und an jedem einzelnen von uns, zu erwägen, ob sie die Idee unterstützen und Europeana lernen wollen, so bizarr dies auf den ersten Blick auch erscheinen mag.