Wohlstandsförderung in EU: Kommission baut auf Sprachkenntnisse [DE]

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Die Europäische Kommission wird am Donnerstag (18. September 2008) eine neue EU-Strategie im Bereich Sprachen vorlegen, die die Bedeutung der Sprachkenntnisse bei der Bewältigung von unterschiedlichen Herausforderungen wie der Globalisierung und der zunehmenden Mobilität und Immigration hervorheben wird.

Die Mitteilung der Kommission, von der EURACTIV bereits Details bekannt sind, wird am 18. September 2008 vom EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban vorgelegt. 

Die Mitteilung mit dem Titel ‚Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung‘ wird die Bedeutung von Sprachkenntnissen hervorheben, die ihnen bei der Stärkung des sozialen Zusammenhalts in der Union und der Steigerung des Wohlstands im Kontext der Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung zukommt. Mit Blick auf das letzte Jahr, das zum Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs ernannt wurde, wird die Mitteilung außerdem die Rolle der Sprachen bei der Beseitigung von Barrieren zwischen verschiedenen Kulturen betonen. 

Bei einer öffentlichen Diskussion zur Politik im Bereich Mehrsprachigkeit beschrieb Leonard Orban, der für das Thema zuständige EU-Kommissar, die bevorstehende Mitteilung als ein umfassendes Paket zur Förderung des sozialen Zusammenhalts und des Wohlstands in der Union.

Noch ist allerdings unklar, ob zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden können, um die Vorschläge der Kommission umzusetzen. Tatsächlich fällt die Bildung auch weiterhin in den Zuständigkeitsbereich der Mitgliedstaaten, was viele zu der Frage führt, ob die Maßnahmen, die auf EU-Ebene getroffen werden, auch effektiv genug seien. Abram de Swaan, ein Professor für Sozialwissenschaft an der Universität Amsterdam, sagte, es brauche mehr als nur schöne Worte, um die Ziele der Kommission zu erreichen.

Orban zufolge wird die Strategie die EU-Bürger dazu ermutigen, zusätzlich zu ihrer Muttersprache auch noch zwei Fremdsprachen zu erlernen. Das stünde im Einklang mit dem Ziel, das von den EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem Treffen in Barcelona im Jahr 2002 bekräftigt wurde. Die Strategie sagt aus, das Ziel könne erreicht werden, wenn neben der ersten Fremdsprache, die aus beruflichen Gründen erlernt worden sei, eine zweite Fremdsprache aus persönlichen Motiven heraus erlernt würde. Das wird auch vom Maalouf-Bericht vorgeschlagen.

Sprachenerwerb zu Berufszwecken 

Die Rolle von Sprachkenntnissen bei der Wohlstandsförderung in der EU ist das zentrale Element der Vorschläge von Orban. Die Mitteilung erkennt die zunehmende Bedeutung der aufstrebenden Märkte für EU-Unternehmen an und betont, dass es für Arbeitnehmer wichtig sei, die Sprache der Region zu sprechen, in der sie ihre Geschäfte führten.

Die Mitteilung betont auch die Rolle, die Sprachkenntnisse bei der Vermittlungsfähigkeit von Arbeitnehmern spielen könne. Sie fordert die EU-Länder auf, Studien- und Arbeitsaufenthalte im Ausland und so genannte E-Partnerschaften zu fördern.

In Frankreich hat der Bildungsminister Xavier Darcos vor kurzem Pläne vorgelegt, kostenlosen Englischunterricht für Schüler in den Schulferien anzubieten. Dabei beschrieb er den Umstand, heutzutage kein flüssiges Englisch sprechen zu können, als Handicap (EURACTIV vom 4. September 2008).

Das Erlernen von Sprachen sei ein Prozess, der ein ganzes Leben andauere, hebt die Mitteilung hervor und fordert die Bereiche der Berufs- und Erwachsenenbildung auf, mehr zu tun, um diesen Prozess zu fördern. Sie fordert ebenfalls, dass Kurse in einer breiteren Auswahl an Sprachen angeboten werden sollten und dass die Sprachlehrer öfter ins Ausland gehen sollten, um ihre eigenen Sprachkenntnisse zu verbessern. 

Der Text wird auch das Potential betonen, das in einer besseren Vermarktung der EU-Sprachen im nicht-europäischen Ausland und nicht-europäischer Sprachen in der EU liegt.

Auf die während der öffentlichen Diskussion gestellte Frage, ob er beabsichtige neben Englisch, Französisch und Deutsch weitere Sprachen als offizielle Arbeitssprachen der EU einzuführen, sagte Orban, die neu zusammengestellte Kommission werde darüber im November 2009 entscheiden. Eine allgemeine Überarbeitung der EU-Politik im Bereich Mehrsprachigkeit wird im Jahr 2012 stattfinden.

Der EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban beschrieb die Sprachenvielfalt als eine Quelle für Wohlstand und sagte während einer öffentlichen Anhörung am 10. September 2008, dass Sprachen das effizienteste Instrument zur Förderung des interkulturellen Dialogs seien. Er führte das Beispiel des Sprachenlernens an und warnte davor, dass gegenseitiges Unverständnis als ein Hindernis für den Austausch von verschiedenen Kulturen wirken und zu Missverständnissen und Konflikten führen könne.

Sandra Pralong, ein Mitglied der Hochrangigen Gruppe Intellektueller zum Thema Mehrsprachigkeit legte die Gründe für das Konzept der 'persönlichen Adoptivsprache' dar und erklärte, wie in ihrer Vorstellung die vielen bilateralen Beziehungen Europa zusammenhielten. Dabei sollten Teile der Bürger jedes Landes verschiedene Sprachen erlernen, bis alle Sprachen der Union abgedeckt wären. Das würde die Notwendigkeit für eine gemeinsame dritte Sprache wie Englisch oder Französisch aufheben. 

Dem britischen sozialistischen Europaabgeordneten Claude Moraes zufolge, der sich aktiv für die Gleichberechtigung der Rassen engagiert, ist die Förderung eines mehrsprachigen Europas der Schlüssel dafür, die kulturelle Vielfalt des Kontinents erhalten zu können. Gleichzeitig würden der gegenseitige Respekt und ein Zusammengehörigkeitsgefühl in einer selbstbewussten EU gefördert.

Sprachen seien jedoch ein breites Themas, das über das Gerede über Übersetzungskosten hinausgehe und Auswirkungen auf Themen wie Integration und Identität habe. Deshalb würden die Diskussionen auch immer emotional geführt werden, sagte er. Es sei unmöglich, Sprachen von Kultur und Geschichte zu trennen.

Der emeritierte Professor für die Forschung im Bereich Sozialwissenschaften an der Universität Amsterdam Abram de Swaan steht der Tendenz in der EU kritisch gegenüber, „ehrenwerte Ziele“ zu fördern, die in der Praxis aber nur schwer zu erreichen seien. Außerdem mache es die Sprachenvielfalt in der Union schwierig, eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit zu schaffen, sagte er. Je mehr Sprachen erlernt werden sollten, desto mehr werde das Englische dominieren, behauptete er und führte dies darauf zurück, dass man, wie er sagte, von der Wirklichkeit eingeholt werde. 

Stattdessen sollten zwei oder drei EU-weite Sprachen verwendet werden und keine 23, sagte de Swaan. Alle Politiker sollten jedoch das Recht haben, in ihrer Muttersprache zu sprechen und alle Sprachen der Union sollten von hochrangigen EU-Politikern in der Öffentlichkeit gesprochen werden, um das Bewusstsein für die Sprachenvielfalt in Europa zu erhöhen, erklärte er.

Im vergangenen Juli haben führende europäische Wirtschaftskräfte einen Bericht veröffentlicht, der davor warnte, dass die EU-Industrie an Wettbewerbsfähigkeit verliere, da andere Länder die Union mit Blick auf die Sprachkenntnisse überholten (EURACTIV vom 14. Juli 2008).

Ihr Bericht vervollständigt einen anderen Bericht, der zuvor von der Hochrangigen Gruppe zum Thema Mehrsprachigkeit unter ihrem Vorsitzenden, dem libanesischen Autor Amin Maalouf, herausgebracht worden war. Dieser forderte die EU-Bürger dazu auf, eine zweite 'persönliche Adoptivsprache' neben der ersten Fremdsprache, die man aus beruflichen Gründen erlernt habe, zu erlernen (EURACTIV vom 31. Januar 2008).

Die Ergebnisse beider Berichte werden voraussichtlich in die Mitteilung der Kommission zum Thema Mehrsprachigkeit einfließen, die in dieser Woche vorgestellt werden soll.

  • 18. September 2008: Die Kommission wird ihre Mitteilung zur Mehrsprachigkeit vorlegen.
  • 2012: Die Kommission wird eine allgemeine Überarbeitung der Politik im Bereich Mehrsprachigkeit durchführen. 

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