Vertreter der akademischen Gemeinschaft haben gestern (15. April 2008) während einer öffentlichen Anhörung zum Thema Mehrsprachigkeit ihre Unterstützung einer „persönlichen Adoptivsprache“ zum Ausdruck gebracht. Einige schlugen vor, dass die EU finanzielle Mittel zur Realisierung des Vorschlags zur Verfügung stellen sollte.
Statt einer Fremdsprache wäre die persönliche Adoptivsprache eher eine „zweite Muttersprache“, die intensiv erlernt und fließend gesprochen und geschrieben würde, sagte Jacques De Decker von der Académie royale de langue et de littérature françaises de Belgique (Akademie für Französische Sprache und Literatur in Belgien). De Decker ist Mitglied der hochrangigen Gruppe, die in ihrem Bericht diese Idee zuerst aufwarf (EURACTIV vom 31. Januar 2008).
Wenn genügend Menschen persönliche Adoptivsprachen lernten, könnten zweiseitige Beziehungen zwischen den Menschen in der EU in der Sprache beider Gesprächspartner stattfinden, sagte De Decker. Eine Ad-Hoc-Dolmetschung durch Dritte könnte die Notwendigkeit ausschließen, in einer dritten Sprache zu kommunizieren, so De Decker weiter. Weiterhin würden persönliche Adoptivsprachen ein integrierter Bestandteil der schulischen und beruflichen Bildung werden.
Die Idee der persönlichen Adoptivsprache wurde von der akademischen Welt positiv aufgenommen. EU-finanzierte Studienstipendien könnten eingeführt werden, um es den Menschen zu ermöglichen, eine persönliche Adoptivsprache im Ausland zu erlernen und um das Interesse am Spracherwerb zu wecken, schlug Stefania Giannini der Ausländeruniversität Perugia vor.
Andere zeigten sich jedoch weniger optimistisch über die Erfolgsaussichten dieser Idee. Die praktische Seite müsse weiter untersucht werden, wenn die Idee funktionieren solle, betonte An Le Nouail Marlière vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss. Sie stellte infrage, ob Menschen die Sprachen, die sie erlernt hätten, in der Praxis tatsächlich bräuchten. Weiterhin warnte sie, wenn sich Arbeiter dieser Idee annähmen, müssten zunächst Gewerkschaften darauf hingewiesen werden.
Ein Vertreter der slowenischen Regierung betonte die Wichtigkeit, dass die Idee einer persönlichen Adoptivsprache in die neue, für September geplante Sprachstrategie der Kommission eingearbeitet werde.
Positionen
Der Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban sagte, die Ideen enstünden im Hinblick auf die September-Strategie, von der er hoffe, sie werde „ehrgeizig“ sein und „einen Mehrwert“ herbeiführen, da sie über die philosophische Dimension hinausgehen und konkrete Vorschlage enthalten werde. Er kündigte seine Absicht an, die Ergebnisse des Maalouf-Berichts bestmöglich zu nutzen, betonte jedoch die Notwendigkeit, „pragmatisch“ zu sein, da der Grundsatz der Subsidiarität bedeute, dass die Kommission im Rahmen der Bildungspolitik nur als „Katalysator“ agieren könne.
An Le Nouail Marlière des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses warnte, dass die Idee einer persönlichen Adoptivsprache nicht zu „idealistisch und poetisch“ sein dürfe, wenn sie realisiert werden solle. Sie betonte ebenfalls, dass die Bandbreite an erlernten Sprachen ausreichend vielfältig sein müsse. Man wolle nicht, dass sich alles auf eine kleine Zahl an Sprachen beschränke.
Jacques De Decker, der ständige Sekretär der Académie royale de langue et de littérature françaises de Belgique, der an Maaloufs Bericht mitwirkte, sagte, die Idee einer persönlichen Adoptivsprache werde nun allmählich akzeptiert. Der Bericht könnte zu einem Bezugstext werden. Er hoffe, dass zweiseitige Beziehungen zwischen den Menschen in der EU letztendlich in der Sprache beider Gesprächspartner stattfinden könnten; mit dem Vorschlag zur persönlichen Adoptivsprache könne dies erreicht werden.
Der rumänische Europaabgeordnete Sógor Csaba äußerte seine Bedenken, dass weiterhin ein zu starker Fokus auf den „großen“ Sprachen liegen werde – zum Nachteil der anderen Sprachen. Er wies darauf hin, dass einige EU-Länder noch immer nicht die Charta der Minderheitensprachen unterzeichnet hätten.
Jan Roukens von Stichting Nederlands warnte, dass Englisch über alle Sprachen der EU dominiere – eine „gefährliche“ Situation, von der er glaube, dass der Maalouf-Bericht sie nicht lösen könne. Trotz der „fantastischen“ Erklärungen der EU-Verträge zu sprachlicher Gleichheit sei die Situation in der Praxis eine andere, sagte er. Als Beispiel verwies er darauf, dass die Internetseite Europa stark vom Englischen und Französischen dominiert sei.
Persönlichen Adoptivsprachen seinen ein „faszinierender Vorschlag“, der – basierend auf persönlicher Wahl und persönlicher Motivation – ausgeweitet werden könnte, sagte Stefania Giannini, Rektorin der Ausländeruniversität Perugia. Die Utopie einer Arbeitsgruppe könnte eine wunderbare und faszinierende Realität werden.
Hatto Fischer von Poiein Kai Prattein, einer griechischen zivilgesellschaftlichen Organisation, bedauerte, dass man nicht wirklich wisse, welche Art von Politik die Kommission genau entwickeln werde.
Hintergrund
Eine öffentliche Anhörung über Mehrsprachigkeit brachte Stakeholder aus Wissenschaft und Kultur sowie Vertreter der EU-Institutionen an einen Tisch. Auch der Kommissar für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, war anwesend.
Die Debatte konzentrierte sich auf den Vorschlag zu einer „persönlichen Adoptivsprache“, den eine unabhängige hochrangige Gruppe für Mehrsprachigkeit im Januar 2008 vorgelegt hatte. Eine Bandbreite an Persönlichkeiten, darunter Schriftsteller und Philosophen, formte die Gruppe. Ihren Vorsitz hatte der libanesische Autor Amin Maalouf inne.
Sprachpolitik ist ein sensibles Thema auf EU-Ebene, da es eng mit nationaler Identität im Zusammenhang steht und in die Bildungspolitik ragt, ein Politikbereich, der vorrangig in den Zuständigkeitsbereich der Länder fällt. Zudem werden allein für die Übersetzungs- und Dolmetscherdienste in den EU-Institutionen jährlich 1,1 Milliarden Euro – oder ein Prozent des EU-Haushalts – aufgewendet.
Im September 2008 wird die Kommission eine neue Strategie für Mehrsprachigkeit vorlegen. Derzeit überarbeiten die EU-Institutionen ihre Übersetzungs- und Dolmetschersysteme als Teil einer weitreichenden Debatte über den Umfang und die Kosten der Mehrsprachigkeitspolitik.
Zeitstrahl
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September 2008: Die Kommission wird ihre neue Strategie für Mehrsprachigkeit vorlegen.