Die EU-Kommission sei nicht mutig genug gewesen, konkrete Initiativen zur Förderung von Minderheitensprachen in ihre neue Strategie zu Mehrsprachigkeit einfließen zu lassen. Das behaupten Parlamentarier der Europäischen Freien Allianz, die im Vorfeld des Europäischen Tages der Sprachen am 26. September 2008 spezifische Maßnahmen forderten, die wirkliche Verbesserungen herbeiführen könnten.
Der Kommission ist es nicht gelungen, die Sprachförderung zu erhöhen oder spezifische neue Programme aufzulegen, kritisierte der baskische Europaabgeordnete Mikel Irujo (Spanien) von der Freien Europäischen Allianz (FEA). Neben seinen Fraktionskollegen Jill Evans von der walisischen Partei Plaid Cymru (Großbritannien) und dem transsilvanischen Unabhängigen László T?kés (Rumänien) sprach er am 23. September 2008 auf einer Pressekonferenz.
Die Europaabgeordneten beschwerten sich außerdem darüber, dass die Kommission nicht mehr unternehme, um die Minderheitensprachen sowie die Sprachen, die noch keinen offiziellen Status besitzen, auf EU-Ebene zu fördern. Insbesondere Evans wiederholte frühere Forderungen, Walisisch zu einer offiziellen EU-Sprache zu erklären (EURACTIV vom 5. Juni 2008).
Da die Regional- und Minderheitensprachen in dem Dokument zumindest erwähnt würden, erwarteten sie, dass einige der vorgeschlagenen Maßnahmen auch auf diese Sprachen ausgeweitet würden, sagten sie und forderten den EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban auf, sich dazu zu verpflichten. Irujo kritisierte vor allem, dass der Bericht nicht das Recht aller EU-Bürger anerkenne, sich in ihrer Muttersprache an die öffentlichen Behörden zu wenden. Dabei verwies er auf Sprachen wie Katalanisch.
Unterdessen ging T?kés, der der ungarischen Minderheit in Rumänien angehört, sogar noch einen Schritt weiter. Er beschwerte sich, dass Orbans Mitteilung nicht das Ziel habe, die gefährdeten Sprachen zu schützen. Für diese sei die Anerkennung als Minderheitensprachen „lediglich ein erster Schritt“.
Irujo kritisierte auch den Umstand, dass den Mitgliedstaaten eine zu große Verantwortung bei der Umsetzung der Strategie zugestanden werde. Einige seien im Bereich Mehrsprachigkeit nicht sehr ambitioniert. Man erwarte, dass die Kommission mehr unternehme, sagte er, insbesondere um den Gebrauch der neuen Technologien wie dem Internet für das Lernen von Fremdsprachen zu fördern.
Die EU-Kommission verwies jedoch darauf, dass sie bereits seit langem die Entwicklung moderner Technologien unterstützt habe, vor allem sprachbasierte Anwendungen sowie die computergestützte Übersetzung. Diese Technologien unterstützten die 2.350 Beschäftigten in der Generaldirektion Übersetzung der Kommission (1.750 Übersetzer und 600 Assistenten) bei ihrer umfangreichen Arbeit (1,7 Millionen Seiten im Jahr 2007). Einige der Technologien würden von der Generaldirektion selbst entwickelt, fügte die Kommission hinzu.
Trotz ihrer Enttäuschung reagierten die Europaabgeordneten der FEA-Fraktion schnell und lobten die Kommission dafür, das Dokument veröffentlicht zu haben. Dieses stoße die Debatte neu an und sei eine gute Grundlage für zukünftige Arbeiten.
EU-Kommissar Orban wird am 6. Oktober 2008 die neue Strategie für Mehrsprachigkeit mit den Europaabgeordneten im Parlament diskutieren.
Positionen
In einer gemeinsamen Presseeklärung der Europaabgeordneten der Freien Europäischen Allianz heißt es, dass man die Mitteilung als Fortschritt begrüße und man den Kommissar für seine Arbeit zur Förderung der Mehrsprachigkeit beglückwünsche. Man glaube, dass die Tür nun für weiterreichende und ambitionierte Entwicklungen offen stünde. Außerdem wolle man die Kommission dazu ermutigen, auf dieser Grundlage aufzubauen.
Die Erklärung fährt fort, dass man spezifische Verpflichtungen zur Förderung von Minderheitensprachen und den Sprachen, die noch nicht als offizielle Sprachen auf EU-Ebene anerkannt wurden, begrüßen würde. Bisher habe es an solchen Verpflichtungen noch gemangelt. Dies sei ein viel versprechender Beginn, aber man habe noch einen langen Weg vor sich.
Der baskische Europaabgeordnete Mikel Irujo lobte das Prinzip der ‚Muttersprache plus zwei andere Sprachen’, das in die Mitteilung eingeflossen sei, und sagte, es werde dabei helfen, die Bildung in den Mitgliedstaaten zu verbessern. Die baskischen und katalanischen Regionen hätten dieses Prinzip bereits angenommen, fügte er hinzu.
Der transsilvanische Europaabgeordnete László T?kés sagte, die Mitteilung rede die Situation schön und brachte seine Unzufriedenheit über die Einzelheiten der Mitteilung zum Ausdruck. EU-Kommissar Orban sei ein guter europäischer Denker, aber lasse dem keine konkreten Handlungen folgen, behauptete er.
Der walisische Europaabgeordnete Jill Evans (Plaid Cymru, Großbritannien) forderte die Gleichheit aller Sprachen und sagte, die in Wales besonders wichtige rechtliche Stellung der Sprache werde in der Mitteilung nicht behandelt. Jedoch sei ihre Anerkennung des kulturellen Wertes von Sprachen als sehr positiv zu bewerten.
Mit Blick auf ihre eigene Sprachenpolitik behauptete die Kommission, dass die Übersetzung lediglich einen winzigen Teil (280 Millionen Euro) des gesamten EU-Haushaltes von 129 Milliarden Euro ausmachen würde. Das entspräche Kosten für jeden Bürger von etwa 0,60 Euro pro Jahr.
Hintergrund
Der 26. September 2008 wurde vom Europarat und der Europäischen Kommission im Anschluss an das Jahr der Sprachen 2001 als der Europäische Tag der Sprachen ernannt.
An diesem Tag wird das kulturelle Erbe Europas gefeiert, dessen fester Bestandteil die Sprachen sind. Außerdem soll er die Öffentlichkeit an die Bedeutung des Sprachenerwerbs erinnern und zum Lernen weiterer Sprachen ermutigen, um das interkulturelle Verständnis zu erhöhen.
Zu diesem Anlass wird der EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban bei einer von der französischen Ratspräsidentschaft organisierten Konferenz in Paris sprechen, die über 1.000 Interessensvertreter versammeln und unter dem Titel ‚États Généraux du Multilinguisme’ laufen wird. Dort wird er die neue Strategie für Mehrsprachigkeit der EU-Kommission vorstellen, die letzte Woche (18. September 2008; EURACTIV vom 19. September 2008) veröffentlicht wurde.
Zur gleichen Zeit wird in Brüssel eine Konferenz stattfinden, die von der Generaldirektion Übersetzung der Kommission organisiert und unter dem Titel ‚Unternehmen Sprache’ laufen wird. Außerdem werden Sprachenfestivals in Brüssel und anderswo in der EU stattfinden, auf denen Spiele gespielt, Essen probiert und Filme, die sich vornehmlich an junge Leute richten, gezeigt werden.
Zeitstrahl
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26. September: Europäischer Tag der Sprachen
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6. Oktober: EU-Kommissar Orban diskutiert die Mitteilung zur Mehrsprachigkeit mit den Europaabgeordneten
Weitere Informationen
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