Sprachgebrauch in der EU [DE]

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Zu den wichtigsten Elementen der EU-Sprachpolitik gehören die Förderung einer gesunden mehrsprachigen Wirtschaft, Zugang der Bürger zur Gesetzgebung, den Verfahren und Informationen der EU in ihrer eigenen Sprache, die Förderung des Sprachenlernens und die Wahrung der sprachlichen Vielfalt.

Unter dem Begriff „Mehrsprachigkeit“ versteht man sowohl die Fähigkeit einer Person, mehrere Sprachen zu benutzen, als auch das Zusammenleben verschiedener Sprachgemeinschaften in einem geografischen Raum. Die Kommission betont ihre Unterstützung der Mitgliedstaaten, sagt jedoch gleichzeitig, der Respekt der sprachlichen Vielfalt sei ein zentraler Wert der Europäischen Union.

Die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für die Kommission wurde durch die Ernennung eines Kommissars für dieses Amt Anfang 2007, Leonard Orban, betont.

Jedoch wurde der Bereich im Rahmen der Umgestaltung der Ressorts für die zweite Amtszeit von José Manuel Barroso an der Spitze der EU-Kommission im November 2009 zu einem Teil des Aufgabenbereichs eines Kommissars für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend. Der Posten soll von der Zypriotin Androulla Vassiliou eingenommen werden.

Während eines Treffens in Barcelona im März 2002 forderten die EU-Staats- und Regierungschefs, dass in allen Ländern der Union bereits frühzeitig mindestens zwei Fremdsprachen unterrichtet werden sollten. Im Jahr 2003 verpflichtete sich die Union, 45 neue Maßnahmen zu ergreifen, mit denen nationale, regionale und lokale Behörden dazu ermuntert werden sollten, einem „wesentlichen Durchbruch bei der Förderung des Sprachenerwerbs und der sprachlichen Vielfalt“ entgegenzuarbeiten.

Ein Beispiel für die Unterstützung seitens der Kommission ist das wegbereitende LINGUA-Programm, das seit 1990 existiert. Der Jahresetat beträgt über 30 Millionen Euro, die in das Sokrates-Programm (welches Eurasmus, das renommierte Programm zur Mobilität von Studenten, beinhaltet) und in das Leonardo da Vinci-Programm investiert werden.

Die EU-Exekutive stellt weiterhin eine Reihe von Maßnahmen zum Spracherwerb zur Verfügung, wie Stipendien, damit Sprachlehrer im Ausland ausgebildet werden können oder um ausländische Sprachassistenten an Schulen einzusetzen und Geldmittel für Austauschprogramme zur Verfügung zu stellen, um Schüler zum Erlernen von Fremdsprachen zu motivieren.

Jüngste Programme, die im Jahr 2007 eingeführt wurden, umfassen ‚Kultur 2007’, ‚Jugend in Aktion’ und ‚Lebenslanges Lernen’. Sie fördern auch weiterhin Mehrsprachigkeit auf EU-Ebene. 

Darüber hinaus wurde im Rahmen des Europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs 2008 (EJID 2008) eine Gruppe Intellektueller gegründet, welche die Rolle der Mehrsprachigkeit bei der Förderung des interkulturellen Austausches und Verständnisses diskutieren und bestimmen soll. Die Gruppe, deren Vorsitzender der französisch-libanesische Autor Amin Maalouf ist, erstellte einen Bericht, dessen Ergebnisse vom Mehrsprachigkeitskommissar Leonard Orban am 31. Januar 2008 vorgestellt worden.

Die Kommission berücksichtigte bei der Ausarbeitung ihrer neuen Mehrsprachigkeitsstrategie, die am 18. September 2008 von EU-Kommissar Orban vorgelegt wurde, die Ergebnisse des Maalouf-Berichts.

Die Kommission weist darauf hin, dass europäische Unternehmen für den Handel mit Unternehmen in anderen Mitgliedstaaten Kompetenzen in den Sprachen der Europäischen Union wie auch in den Sprachen anderer Handelspartner weltweit benötigen. Dies gilt ganz besonders für Unternehmen mittlerer Größe, die rasch wachsen, Arbeitsplätze schaffen und der Motor für Innovation, Beschäftigung sowie soziale und lokale Integration in der Union sind. 

Die Kommission ist der Ansicht, dass die Situation verbessert werden kann und muss. Daher fordert sie die Mitgliedstaaten auf, zusätzliche Maßnahmen zugunsten der individuellen Mehrsprachigkeit durchzuführen und eine Gesellschaft zu fördern, die die sprachliche Identität aller Bürger respektiert. 

Die Politik der Kommission im Bereich Mehrsprachigkeit verfolgt drei Ziele: 

  1. Die Förderung des Spracherwerbs und der Sprachenvielfalt in der Gesellschaft;

  2. Die Förderung einer gesunden, multilingualen Wirtschaft; 

  3. Der Zugang der Bürger zu den Rechtsvorschriften, Verfahren und Informationen der Europäischen Union in ihrer eigenen Sprache.

1. Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt in der Gesellschaft

Die Kommission definiert Sprache als wesentlichen Teil der persönlichen Identität und Kultur. Sie argumentiert, Fremdsprachen zu lernen, erfordere gleichsam ein Verständnis anderer Menschen und deren Denkweise. So könnten Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bekämpft werden.

Der Prozentsatz der Volks- und Grundschüler, die eine Fremdsprache lernen, steigt. Trotzdem verfehlt die durchschnittliche Zahl der in Sekundarschulen unterrichteten Fremdsprachen noch immer deutlich das in Barcelona in Jahr 2002 formulierte Ziel, wonach mindestens zwei Fremdsprachen ab dem frühen Kindesalter unterrichtet werden sollen. 

Die Umsetzung des Barcelona-Richtziels (Muttersprache plus zwei Fremdsprachen) schreitet nur langsam voran. Laut einer neuen Eurobarometer-Umfrage sagt die Hälfte der EU-Bürger, dass sie ein Gespräch in mindestens einer Fremdsprache führen könnten. An der Spitze stehen die Luxemburger (99%), Letten und Malteser (93%) sowie Litauer (90%), wohingegen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in Ungarn (71%), im Vereinigten Königreich (70%), in Spanien, Italien und Portugal (jeweils 64%) lediglich ihre Muttersprache spricht. 

Die Arbeit am Europäischen Indikator für Sprachenkompetenz ist bereits weit fortgeschritten. Dieser Indikator wird Daten zu Fremdsprachenkenntnissen junger Menschen und wertvolle Informationen für Entscheidungsträger liefern. Wenn es um die Verbesserung der Situation geht, empfiehlt die Kommission Entwicklungen im Bereich Fremdsprache als Arbeitsprache (Content and Language Integrated Learning - CLIL), ein Ansatz, bei dem die Schüler ein Sachfach in der Fremdsprache lernen. 

Die Kommission ist der Ansicht, dass Hochschuleinrichtungen die Mehrsprachigkeit ihrer Studierenden und ihres Personals, aber auch der örtlichen Bevölkerung insgesamt aktiver fördern könnten. Sie warnt davor, dass der Trend, in nicht englischsprachigen Ländern den Unterricht in englischer Sprache anstatt in der nationalen oder regionalen Sprache abzuhalten, für die Vitalität dieser Sprachen „ungeahnte Folgen“ haben könnte. 

Die Kommission führte eine Machbarkeitsstudie für die Schaffung einer Europäischen Agentur für Sprachenvielfalt und Sprachenlernen durch und kam zum Ergebnis, dass die Schaffung eines europäischen Netzwerks von „Sprachenvielfalt-Zentren“ besser als die Schaffung einer Agentur sei. Die Kommission wird die Möglichkeit der Finanzierung auf Mehrjahresbasis über das vorgeschlagene Programm Lebenslanges Lernen prüfen. 

Die unabhängige Gruppe von Intellektuellen, die von der Kommission einberufen wurde, veröffentlichte am 31. Januar 2008 einen Bericht mit dem Titel ‚Eine lohnende Herausforderung: Wie die Mehrsprachigkeit zur Konsolidierung Europas beitragen kann’. Die Gruppe ermutigt EU-Bürger, mindestens zwei Fremdsprachen zu erlernen und schlug das Konzept der ‚persönlichen Adoptivsprache’ vor. Der Bericht unterstützt, dass alle europäischen Bürger aus persönlichen Gründen eine Fremdsprache erlernen sollten, vielleicht die Sprache des Partners oder aus dem Wunsch heraus, eine neue Kultur kennen zu lernen. Dies soll zusätzlich zur ersten erlernten Fremdsprache geschehen, die mit dem Zweck der internationalen Kommunikation erlernt wurde.
Die Gruppe glaubt, dies werde sicherstellen, dass Europäer neben ihrer Muttersprache oder der Sprache, die sie für den Beruf oder Kommunikation verwenden, weitere Sprachen sprechen können.

2. Mehrsprachigkeit in der Wirtschaft

Für globale Marketing- und Verkaufsstrategien gewinnen interkulturelle Kommunikationskompetenzen zunehmend an Bedeutung. Da deutlich wurde, dass europäische Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten verlieren, weil sie die Sprache ihrer Kunden nicht beherrschen, hat die Kommission im Dezember 2006 eine Studie über die Auswirkungen fehlender Sprachenkenntnisse auf die europäische Wirtschaft veröffentlicht. 

Die Studie stellte die Verbindung zwischen Sprachen und Exportgeschäften klar heraus und zeigte, dass eine Sprachen-Strategie ein bedeutendes Element für den Gesamterfolg europäischer Unternehmen sei. Die Kommission ist sich der Wichtigkeit einer effektiven Sprachpolitik für die Unterstützung der Wirtschaftsentwicklung bewusst und fordert eine in der gesamten EU standardisierte Sprachzertifizierung.

Erst kürzlich hatte ein Bericht mit dem Titel “Unternehmen Sprache – Wettbewerbsfähiger durch Sprachkenntnisse“, der von wirtschaftlichen Führungskräften im Juli 2008 vorgestellt wurde, festgestellt, dass EU-Unternehmen Gefahr laufen, an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen, weil andere Länder sie im Bereich der Sprachkenntnisse übertreffen.

Der Bericht wurde vom Wirtschaftsforum für Mehrsprachigkeit, dessen Vorsitz der frühere EU-Kommissar Viscount Etienne Davignon von der Suez-Tractabel AG innehat, ausgearbeitet. In ihm heißt es, dass die Schwellenländer, vor allem in Asien und Lateinamerika, in puncto Sprachkenntnisse immer besser für den internationalen Wettbewerb gerüstet seien. 

Europa müsse daher den Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen sowohl innerhalb als auch außerhalb des formalen Bildungssystems stärker fördern, um mithalten zu können. Laut Bericht gaben 11 % der befragten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) an, aufgrund sprachlicher und interkultureller Defizite bereits Kunden verloren zu haben.

Aber es gibt auch positive Nachrichten. So ist die Sprachindustrie in der EU 8,4 Milliarden Euro wert und soll voraussichtlich über die nächsten Jahre jährlich um 10% wachsen, nachdem sie laut einer von der Europäischen Kommission unterstützten Studie vom November 2009 trotz der Wirtschaftskrise eine der höchsten Wachstumsraten aller Wirtschaftssektoren verzeichnet hatte (EURACTIV vom 30. November 2009).

3. Zugang der Bürger zu den Rechtsvorschriften, Verfahren und Informationen der Europäischen Union in ihrer eigenen Sprache 

Die Europäische Union verabschiedet Rechtsvorschriften, die für ihre Bürger bindend sind. Eine Grundvoraussetzung der demokratischen Legitimität und Transparenz der Union besteht daher darin, dass die Bürger mit ihren Organen kommunizieren, die EU-Gesetze in ihrer eigenen Sprache lesen und ohne Sprachbarrieren am europäischen Projekt mitarbeiten können müssen. 

Die Rechtsvorschriften der EU müssen in allen Amtssprachen der Union veröffentlicht werden. Darüber hinaus sind die EU-Institutionen verpflichtet, im Umgang mit den Bürgern die von diesen gewählten Amtssprachen zu verwenden. 

Als Teil ihres „Plans D“ zur Stimulierung der Debatte unter EU-Bürgern beabsichtigt die Kommission, sich darum zu bemühen, dass ihre Mitteilungen klar und jargonfrei in die Sprachen der Mitgliedstaaten übertragen werden. Juhani Lönnroth, Generaldirektor der Generaldirektion Übersetzung, bekräftigte EURACTIV gegenüber, die Kommission verstehe den Begriff „Lokalisierung” – wie er in der „Plan D“-Initiative der Kommunikationskommissarin Margot Wallström enthalten ist – als eine Anpassung der Informationen der Kommission, so dass diese problemlos von den Bürgern eines bestimmten Landes verstanden werden können. 

Sprachenkenntnisse zur Förderung des ‚Wohlstandes’ in der EU

Die neue Mehrsprachigkeitsstrategie der EU, die am 18. September 2008 veröffentlicht wurde und den Titel ‚Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung’ trägt, betonte die Bedeutung von Sprachenkenntnissen bei der Bewältigung der unterschiedlichsten Herausforderungen wie der Globalisierung und der zunehmenden Mobilität und Zuwanderung. Sie beabsichtigte, die EU-Sprachenpolitik in eine Reihe bereits bestehender Politikbereiche einfließen zu lassen, darunter Bildung, Medien, Forschung, soziale Eingliederung und Wettbewerbsfähigkeit. 

Die Strategie betonte die Bedeutung von Sprachenkenntnissen bei der Förderung des sozialen Zusammenhalts in der EU und des Wohlstands im Rahmen der Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung.

Die Mitteilung erkannte die zunehmende Bedeutung von aufstrebenden Märkten für EU-Unternehmen an. Außerdem hob sie hervor, dass es für Arbeitnehmer notwendig sei, die Sprache der Regionen zu sprechen, in der sie arbeiteten. Sprachenkenntnisse seien darüber hinaus wichtig, um die Beschäftigungsfähigkeit der Europäer zu verbessern. 

Angesichts der Tatsache, dass 2008 zum Europäischen Jahr des Interkulturellen Dialogs erklärt wurde, betonte die Strategie die Rolle, die Sprachen bei der Überwindung von Hindernissen für den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen zukomme. 

Schließlich ermutigte die Kommissionsmitteilung die EU-Bürger dazu, zusätzlich zu ihrer Muttersprache zwei Fremdsprachen zu lernen. Beispielsweise könnten sie eine ‚persönliche Adoptivsprache’ und eine Fremdsprache für berufliche Zwecke lernen, so wie vom Maalouf-Bericht vorgeschlagen. 

  • 1. Jan. 2007: Ressort für Mehrsprachigkeit wurde geschaffen. 
  • Anfang 2007:  Beginn der Studie über neue Technologien und sprachliche Vielfalt.  
  • 2007: Die Mitgliedstaaten berichteten über die Maßnahmen, die sie im Rahmen des Aktionsplans  zur „Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt”, der am 27. Juli 2003 angenommen wurde, durchgeführt hatten. 
  • 31. Jan. 2008: Der Bericht der Hochrangigen Gruppe für Mehrsprachigkeit (Maalouf-Bericht) über die Rolle der Mehrsprachigkeit bei der Förderung des interkulturellen Dialogs wurde veröffentlicht.
  • 15. Feb. 2008:  Ministerkonferenz auf EU-Ebene zum Thema Förderung der Mehrsprachigkeit (‚Promoting multilingualism: A shared commitment’).   
  • 11. Juli 2008: Wirtschaftsforum für Mehrsprachigkeit präsentierte seinen Abschlussbericht.
  • 18. Sept. 2008: Die Kommission legte ihre Mitteilung über eine neue Mehrsprachigkeitsstrategie vor, die den Titel ‚Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung’ trug.

  • 26. Sept. 2008: Die Kommission hielt ihren ‚Europäischen Tag der Sprachen 2008’ ab.
  • 20.-21. Nov. 2008: Der Rat „Bildung, Jugend und Kultur“ nahm Schlussfolgerungen über neue Mehrsprachigkeitsstrategie an.
  • 24. März 2009: Europäisches Parlament unterstützte die Kommissionsmitteilung zur Mehrsprachigkeit während der Plenarsitzung.
  • 22. Sept. 2009: Kommission setzt eine 'Unternehmensplattform' für die Förderung von Mehrsprachigkeit ein.
  • 23. Okt. 2009: Kommission setzt eine 'Plattform der Zivilgesellschaft' für die Förderung von Mehrsprachigkeit ein.
  • 27. Nov. 2009: Die Zypriotin Androulla Vassiliou wird designierte EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend während José Manuel Barrosos zweiter Amtszeit als Präsident der EU-Exekutive.
  • 2012: Die Kommission überprüft den Erfolg der neuen Strategie.

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