Sport und interkultureller Dialog [DE]

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Sport ist bereits als Instrument für soziale Integration anerkannt und wird nun auch für die Verbreitung interkulturellen Verständnisses in einem immer vielgestaltiger werdenden Europa gesehen.

Die Integration unterschiedlicher Kulturen in die europäische Gesellschaft steht in diesem Jahr im Kontext des Europäischen Jahrs des interkulturellen Dialogs (EJID 2008) im Brennpunkt des Interesses. Durch das EJID soll den Bürgern geholfen werden, „in einem offeneren, komplexeren kulturellen Umfeld“ zurechtzukommen.

Der Kommission zufolge hätten sowohl die fortlaufende Erweiterung der EU als auch die erhöhte Migration und Interaktion mit dem Rest der Welt durch Handel, Bildung und Freizeit „in vielen Ländern zu einem Mehr an Multikulturalität, einer höheren Zahl an Sprachen und Glaubensbekenntnissen, sowie ethnischen und kulturellen Hintergründen geführt“.

Die Initiative - EJID 2008 - verfügt über ein Budget von zehn Millionen Euro, das zur Finanzierung von Projekten und Veranstaltungen verwendet werden wird, die zum Ziel haben, in relevanten Politikbereichen, wie Sport, den Dialog zwischen den Kulturen zu fördern. Beispiele für Projekte im Bereich Sport reichen von der Schaffung spezieller Netzwerke über den Entwurf einer Sportcharta für den interkulturellen Dialog bis hin zu Straßenfußball oder besonderen Initiativen von Sportvereinen.

Der interkulturelle Dialog an sich ist keine eigene rechtliche Kategorie und deshalb bestehen keine internationalen, europäischen oder nationalen Gesetze in diesem Bereich. Dennoch wird behauptet, dass ein konstruktiver Dialog nur in einem Umfeld stattfinden könne, das Chancengleichheit, Meinungsfreiheit, Sicherheit und Würde garantiere.

Hinsichtlich des Beitrags von Sport zum interkulturellen Dialog unterstreicht eine dem Amsterdam-Vertrag (1997) beigefügte Erklärung „die gesellschaftliche Bedeutung des Sports, insbesondere die Rolle, die dem Sport bei der Identitätsfindung und der Begegnung der Menschen zukommt“. Zudem sind sich Politiker und Stakeholder aus dem Bereich Sport darüber einig, dass Sport als Instrument für soziale Integration dienen kann.

Mehrere Eurobarometer-Umfragen zeigen, dass fast drei von vier EU-Bürgern Sport als Mittel zur Integration und zwei Drittel als Mittel zur Bekämpfung von Diskriminierung sehen.

2003 gab die Europäische Kommission eine Studie in Auftrag, um den Beitrag des Sports - als Instrument außerschulischer Bildung - zum multikulturellen Dialog junger Menschen zu untersuchen. Zudem sollte die Rolle untersucht werden, die Sport bei der Förderung der Integration jüngster Migrationsströme spielt. 

Die Studie über Sport und Multikulturalismus, die 2004 veröffentlicht wurde, beurteilt, wie Sport bisher genutzt wurde, um interkulturelle Spannungen in den zum damaligen Zeitpunkt 25 EU-Mitgliedstaaten zu vermindern.

Die Studie basiert auf vier Modellen für Nationalität und Staatsbürgerschaft, welche die Bandbreite von Ansätzen in der EU veranschaulichen: das französische republikanische Modell, das deutsche ethnisch-nationalistische Modell, das angelsächsische pluralistische Modell und das entstehende polnische postkommunistische Modell. Die Studie bestimmte fünf typische Ansätze für eine Sportpolitik für ethnisch vielfältige Bevölkerungen:

  • Drei davon betonen oder untermauern Diversität und kulturellen Pluralismus:
    • Interkulturalität: Unterstützung des interkulturellen Austauschs mit gleichwertiger Gewichtung einer jeder Kultur (d.h. Finanzierung von kulturellem Austausch im Sport);
    • eigenständige aber gleichwertige Förderung ethnischer Gruppen (d.h. direkte Finanzierung von Verbänden ethnischer Minderheiten);
    • Marktpluralismus: Diversität durch Förderung der Aktivitäten des kommerziellen und ehrenamtlichen Sektors statt durch direkte öffentliche Dienstleistungen (d.h. Verlass auf  kommerzielle und ehrenamtliche Sektoren zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse).
  • Zwei davon betonen den Zusammenhalt und weniger die Diversität, mit einer ‚einheitlichen’ Vorstellung von nationaler Kultur:
    • eine assimilationistische Politik, die versucht, Gruppen in die bestehende nationale Kultur einzugliedern (d.h. Sport als Instrument für die Lösung von Problemen, wie allgemeiner sozialer Ausgrenzung oder Stadterneuerung);
    • keine Intervention dort, wo die Bevölkerung als homogen betrachtet wird und kein Bedarf für Vorschriften wahrgenommen wird (d.h. wenn kein Handlungsbedarf wahrgenommen wird).

Die Studie gibt politische Empfehlungen für die Steigerung der Nutzung von Sport, um den interkulturellen Dialog zu unterstützen, sowie für Probleme, die Flüchtlinge und Asylsuchende und die Verwendung des EU-Strukturfonds betreffen. Sie führt bewährte Methoden für Sportorganisationen in kulturell vielfältigen Gemeinschaften an. 

Im Rahmen des Europäischen Jahrs des Interkulturellen Dialogs arbeitet das Europäische Institut für vergleichende Kulturforschung (ERICarts Institut) gegenwärtig am Abschluss einer Studie, die untersucht, wie unterschiedliche Bereiche, darunter Sport, den interkulturellen Dialog fördern können.

Die Kurzfassung der ERICarts-Studie, die bereits verfügbar ist, stellt fest, dass nationale Ansätze zur Förderung des interkulturellen Dialogs im Sport häufig „auf Herausforderungen und/oder Zielgruppen bezogen“ seien, wie beispielsweise die Bekämpfung von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit oder das Vorantreiben einer Aussöhnung nach Kriegen. Sie stellt auch fest, dass lokale und freiwillige Verbände die große Last zu tragen hätten, die soziale Einbeziehung bestimmter Zielgruppen wie Immigranten, Kinder und junge Musliminnen zu fördern.

Im Rahmen des Europäischen Jahres des Interkulturellen Dialogs wurde dem Veranstalter einer slowenischen Basketballliga ein besonderer Preis verliehen. Der Preis belohnte die Leistungen der Liga und deren Bemühungen um das Zusammenbringen verschiedener Kulturen im ehemaligen Jugoslawien durch Sport. Die Liga führt mehrere Mannschaften aus Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien und Montenegro zusammen. Bei der Übergabe des Preises sagte der slowenische Minister für Sport, Milan Zver, Sport könne alle Vorurteile überwinden. Jeder Versuch, Nationen in dieser Region zu vereinen, sei umso wichtiger und die internationale, regional ausgerichtete Basketballliga ABA Sidro NLB habe es geschafft, dies in einem großartigen Projekt auf die aufrichtigste Weise umzusetzen: durch das Zusammenbringen der Werte der Menschen, so Zver.

Die International Sport and Culture Association (ISCA), die zur bevorstehenden Studie der Kommission „Sharing Diversity – Kulturelle Vielfalt gemeinsam leben. Nationale Konzepte zum ‚Interkulturellen Dialog’ in Europa“ für das Jahr 2008 beigetragen hat, behauptet, dass den gegenwärtigen Methoden, Sport als Instrument zur Förderung des interkulturellen Dialogs in Europa zu nutzen, eine übergreifende Strategie und Politik fehle. Zudem beruhten sie eher auf positiven Erfahrungen als auf beweisbasierter Forschung.

Der Verband betont den freiwilligen Charakter der Einrichtungen, in denen interkulturelle Vermittlung betrieben wird, wie Sportverbände oder -vereine. Weiter behauptet er, dass sich nur wenige dieser Organisationen der Zivilgesellschaft an Integrationsarbeit durch den Sport beteiligten. Dennoch behauptet der Verband, dass in ehrenamtlichen NGOs eine ausreichend große Zahl wichtig sei, um sowohl das interne als auch das externe Profil solcher Organisationen zu formen und um Mitarbeiter und finanzielle Mittel zu gewinnen.

Hinsichtlich der informellen „interkulturellen Lerndimension“ behauptet der ISCA, dass mehr als Sport und körperliche Aktivitäten nötig seien, um einen nützlichen und wertvollen interkulturellen Dialog zu ermöglichen. Ein Ziel, das über die sportliche Aktivität hinausgehe, eine pädagogische Perspektive sowie ein angemessenes Umfeld, in dem diese Perspektive praktisch umgesetzt werden könne, seien nötig.  

Der Präsident der ISCA, Mogens Kirkeby, bedauert, dass das Europäische Jahr des Interkulturellen Dialogs 2008 ohne den Einbezug der europäischen Sportbranche eingeführt worden sei. Dies sei eine unglücklicherweise verpasste Gelegenheit, um die Fähigkeit der Sportbranche, einen Beitrag zum interkulturellen Dialog und zur Integration zu leisten, zu unterstützen und zu betonen.

Es sei das Ziel, 2008 zu einem grundlagenorientierten Kampagnenjahr zu machen. Er könne sich keine Branche der Zivilgesellschaft vorstellen, die grundlagenorientierter und weiter verbreitet sei, als die Sportbranche. Die Branche – insbesondere „Sport für alle“ – sei auf lokaler, nationaler und internationaler organisiert und mehr als 70 Millionen Europäer seien direkt involviert.

Der ISCA empfiehlt, das erhöhte Interesse am interkulturellen Dialog zwischen den zivilgesellschaftlichen Organisationen und Sportverbänden weiter auszubauen, wobei dies durch europäische Mittel unterstützt werden sollte. Er fordert die Entwicklung eines europäischen Programms, um nationale Strategien und Aktivitäten auf lokaler Ebene zu fördern. Darüber hinaus empfiehlt der Verband, dass europäische oder nationale Kampagnen direkt mit den lokalen Einrichtungen, in denen sie durchgeführt werden, in Verbindung gebracht werden sollten.   

Der Präsident der UEFA, Michel Platini, sagte, dass der europäische Sport schon immer ein starker Katalysator für soziale und kulturelle Integration gewesen sei. Millionen von Kindern aus aller Welt seien Europäer geworden und würden weiterhin Europäer werden, indem sie in den Städten oder Dörfern einen Ball über einen matschigen Platz kickten, bevor sie zur Schule gingen. Volkssport sei ein außerordentlicher Katalysator für ethnische Vermischungen und Integration. Insbesondere Fußball sei ein einladender, schützender und integrierender Sport.

Platini bedauert, dass viele soziale Probleme, darunter Gewalt, „unglücklicherweise“ auch ein Teil des Sports und besonders des Fußballs seien. Die Gesellschaft habe noch weitere Übel in die Welt des Sports gebracht: Geldwäsche, Spielmanipulation, illegale Wetten, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, Doping und Kinderhandel, sagte er.

Das Internationale Olympische Komitee (IOK) hat sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung der Agenda für Kultur und Olympische Erziehung durch Sport auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene zu unterstützen, ebenso wie die Olympischen Spiele. Das Ziel der Politik des IOK sei, die Verbindung zwischen Sport und Kultur in all ihren Formen sowie den kulturellen Austausch und die Vielfalt der Kulturen zu fördern. Zweitens ziele sie darauf ab, die Olympische Erziehung und andere Institutionen zu unterstützen, welche die Werte des „Olympismus“ – der als „Lebensphilosophie“ beschrieben wird – herevorheben. Durch die Vermischung von Kultur und Erziehung versuche Olympismus, eine Lebensart zu schaffen, die in der Freude begründet sei, die man in Bemühungen, im pädagogischen Wert eines guten Beispiels und in der Achtung vor universellen grundlegenden ethischen Prinzipien finde.

Die ersten Olympischen Spiele für die Jugend, die 2010 in Singapur stattfinden werden, seien das Aushängeschild für die Entschlossenheit des IOK, junge Menschen zu erreichen. Bei diesen Spielen gehe es nicht nur um Wettbewerb. Sie seien auch eine Plattform, durch welche die Jugendlichen etwas über die olympischen Werte und die Vorteile von Sport lernen könnten und wo sie ihre Erlebnisse mit anderen Gemeinschaften auf der ganzen Welt teilen können, so der IOK-Präsident Jacques Rogge

Das Ziel der Olympischen Bewegung sei es, zu einer friedlicheren und besseren Welt beizutragen, indem die Jugend mit einem Sport erzogen werde, der ohne irgendeine Form der Diskriminierung ausgeübt werde, und mit dem olympischen Geist, der gegenseitiges Verständnis erfordere, das von Freundschaft, Solidarität und Fair Play geprägt sei, so die Bewegung in einer Erklärung. 

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